Spanische Fußball-Klubs gegen EU: Champions League der Finanz-Tricksereien?
Die Brüsseler Wettbewerbshüter nehmen auch Real Madrid und FC Barcelona wegen Steuervorteilen, dubiosen Grundstücksgeschäften und fragwürdige Krediten ins Visier
Schon am frühen Montag kursierten wilde Gerüchte, dass die EU-Kommission gegen spanische Profi-Fußballvereine vorgehen will. Am späten Montag wurden sie in Brüssel ausgerechnet von einer Person bestätigt, von der das überhaupt nicht erwartet wurde.
Verteidigung der "Marke España"
Der spanische Außenminister José Manuel García Margallo sagte, am Mittwoch werde EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia sechs Vereine der ersten und einen der zweiten Liga ins Visier nehmen. Natürlich seien die Vorwürfe aus der Luft gegriffen und man arbeite schon an einer Verteidigung der "Marke España", sagte Margallo. Mit Real Madrid und FC Barcelona sollen auch die umsatzstärksten Fußball-Klubs weltweit von einem Verfahren betroffen sein.
Almunia ermittelt auch gegen "seinen" Heimatclub, denn er ist Mitglied des baskischen Athletic Bilbao. Darin sieht die europäische Ombudsfrau Emily O'Reilly einen möglichen "Interessenskonflikt". Sie forderte Almunia auf, damit "aufzuhören, eine Entscheidung zu verzögern".
Dessen Sprecher wies die Vorwürfe am Dienstag zurück. "Diese Äußerungen sind inakzeptabel", sagte Antoine Colombani. Am Mittwoch werde die Entscheidung fallen, gegen welche Vereine ein Beihilfeverfahren eingeleitet werde. Nicht alle Informationen seien korrekt, erklärte er auch mit Blick auf die Aussagen des Außenministers.
Vorwurf Steuervorteile
Es muss abgewartet werden, ob gegen alle bisher genannten Vereine und ob nur gegen diese vorgegangen wird. Stimmen die bisherigen Angaben, wäre auch Atlético Osasuna aus Pamplona betroffen. Vor allem richtete sich deren Blick aber auf Valencia. In der kleinen Pleiteregion am Mittelmeer, die auch wegen der Schließung seines Regionalfernsehens als "Griechenland Spaniens" gilt, soll gegen den FC Valencia, gegen den FC Elche und den Absteiger Hércules (Alicante), also gleich gegen drei Vereine vorgegangen werden.
Die Vorwürfe sollen, so berichtet die große spanische Tageszeitung El Mundo, auf eine Beschwerde verschiedener Vereine zurückgehen, zu denen laut Zeitungsbericht angeblich auch Bayern München gehören soll. El Mundo bezieht sich auf Quellen in der EU-Kommission.
Offiziell wird seit 2009 ermittelt und die Ermittlungen betreffen drei Ebenen. Einige Vereine, wie Real Madrid, tauchen auf zwei Ebenen auf. Die "Königlichen" befinden sich in der Gruppe mit Barcelona, Bilbao und Osasuna. Diese Vereine sind gemeinnützig und haben Steuervorteile. Die übrigen Profiklubs wurden 1990 per Gesetz verpflichtet, sich in Sportaktiengesellschaften zu verwandeln, um wegen ihrer Finanzlage Geldgeber anzulocken. Barcelona, Madrid, Bilbao und Osasuna galten als solvent und wurden ausgenommen.
Das ist nach Ansicht der Experten der schwächste Vorwurf, weshalb sich die Katalanen des FC Barcelona zurücklehnen. Der Sprecher des Clubs sagte, die Vorwürfe "entbehren jeder Grundlage". Toni Freixa fügte an, ihr Status sei per Gesetz geregelt.
Auf Kosten der öffentlichen Hand...
Komplizierter ist die Lage für Bilbao und Osasuna (Baskisch für Gesundheit). Hier sollen auch Beihilfen zum Bau neuer Stadien geflossen sein, was beide zurückweisen. Hinter Athletic Bilbao stellen sich baskische Institutionen. Das neue Stadion San Mames Barria (Neues San Mames) gehöre nicht dem Club, sondern einem Konsortium. Beteiligt daran sind diverse Institutionen, KutxaBank und der Verein. "Sehr gelassen" zeigte sich der Sprecher der Regionalregierung Unai Rementeria auf einer Pressekonferenz am Dienstag. "Es sind keine Subventionen geflossen", fügte er an.
Real Madrid taucht erneut mit einem Fall auf, in dem Brüssel schon einmal ermittelte. 2001 hatte sich der Verein auf Kosten der öffentlichen Hand entschuldet. Das Trainingsgelände wurde zu einem überhöhten Preis an die Stadt Madrid verkauft, um den Schuldenberg zu verkleinern, lautet der Vorwurf. Gleichzeitig durfte der Club auf dem teuren Gelände am Bernabeu-Stadion vier Bürohochhäuser bauen, mit denen im Bauboom enorme Gewinne erzielt wurden.
Dramatisch ist die Lage in Valencia. Dort soll die Regionalregierung schon mehr als 350 Millionen Euro in Profi-Vereinen versenkt haben. Die Region ist Miteigentümer der drei Clubs, gegen die nun ermittelt werden soll. Für den FC Valencia verbürgte sich die konservative Regierung unter Francisco Camps, der im Rahmen von Korruptionsermittlungen 2011 zurücktreten musste, für Kredite in Höhe von 81 Millionen Euro.
Für Valencia, Elche und Hércules beliefen sich Bürgschaften auf insgesamt 118 Millionen. Der Steuerzahler musste einspringen, weil die Vereine sie nicht zurückzahlen konnten. Valencia ist bekannt für die riesige Stadionruine des Clubs. Es sollte schon 2010 fertiggestellt werden. Die Arbeiten hat der mit mehr als einer halben Milliarde Euro verschuldete Club aber 2009 eingestellt. Ständen Rückzahlungen an, ist der FC Valencia gefährdet, der ohnehin zum Verkauf steht.
Schuldenlast von mehr als einer halben Milliarde Euro bei Finanzämtern und Sozialversicherungskassen
Interessant ist, ob Almunia auch die horrende Schuldenlast von mehr als einer halben Milliarde Euro einbezieht, welche allein Erstliga-Vereine bei Finanzämtern und Sozialversicherungskassen aufgetürmt haben. Dass damit der internationale Wettbewerb verzerrt wird, liegt auf der Hand, da diese Schulden nicht eingetrieben werden und lange Jahre sogar weiter anstiegen. Almunia hatte im Frühjahr geäußert, sich über diese "substanziellen Summen" bewusst zu sein.