Merkel in China

Magere Ausbeute für deutsche Konzerne bei Kanzlerin-Besuch im Land der Mitte

Bundeskanzlerin Angela Merkel schließt am morgigen Dienstag einen viertägigen Staatsbesuch in der Volksrepublik China ab. Zunächst besuchte sie die mehr oder weniger im Zentrum des Landes gelegen Metropole Chengdu, wo sie auf einer Konferenz zur Urbanisierung des Landes sprach.

Das Wachstum der Städte und die Umwandlung der Gesellschaft von einer bisher überwiegend dörflich-bäuerlichen zu einer industriell-städtischen ist ein großes Thema in der Volksrepublik. Erst kürzlich hat die Stadtbevölkerung die 50-Prozent-Schwelle überschritten und ein neuer Urbanisierungsplan sieht vor, dass sie von derzeit 54 auf 60 Prozent im Jahre 2020 wachsen wird. Sollte dieses Ziel eingehalten werden, würde die Entwicklung zwar weiter rasch voranschreiten, aber im Vergleich zu den letzten beiden Jahrzehnten etwas langsamer.

Fragt sich nur, was Merkel auf einer Tagung zu diesem Thema macht. Die Antwort ist simpel: Das Ganze ist natürlich ein Riesengeschäft. Städte brauchen Busse und U-Bahnen, Kanalisation und Wasserversorgung, elektrische Infrastruktur, Kraftwerke, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser – Medizintechnik ist eine wichtige Wachstumsbranche in Deutschland – und vieles mehr. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, hatte Siemens gehofft, anlässlich der Merkel-Reise eine Absichtserklärung für die Felder Energie, Transport und Umweltschutz mit den Bürgermeistern von vier chinesischen Großstädten unterzeichnen zu können. Daraus wurde jedoch nichts.

Auch sonst war die Ausbeute für Deutschlands Spitzenkonzerne – Manager von immerhin neun Dax-Unternehmen begleiten Merkel – eher bescheiden. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Kanzlerin konzentrierte sich der chinesische Premierminister Li Keqiang zwar im wesentlichen auf wirtschaftliche Themen. Er hob hervor, dass sich nach 7,4 Prozent Wachstum im ersten Quartal Chinas ökonomische Indikatoren nun wieder verbessert hätten. Das Land brauche ausländische Investitionen und sei gewillt die Beziehungen mit Deutschland "im Geiste gegenseitigen Respekt und Nutzens" auszubauen.

Unterm Strich fiel für deutsche Konzerne im Vergleich zu anderen Reisen Merkels – für die Bundeskanzlerin ist es bereits der siebente Staatsbesuch im Land der Mitte – und ihres Vorgängers Gerhard Schröder auffallend wenig ab. VW unterzeichnete mit seinem chinesischen Kooperationspartner FAW einen Vertrag über den Bau zweier neuer Fabriken in den nördlichen Küstenstädten Tianjin und Qingdao - und das war es bereits im Wesentlichen.

Entsprechend fragte die FAZ in einer Analyse der deutschen Wirtschaftsbeziehungen mit China besorgt, ob die goldenen Zeiten des China-Geschäfts vorbei seien. Diese Ansicht vertrete die Mehrheit der befragten Manager größerer Unternehmen. Unter anderem würden deutsche Unternehmer darüber schimpfen, dass sie nur über Joint-Ventures, also nur im Tandem mit chinesischen Partner in der Volksrepublik tätig werden können, während chinesische Unternehmen sich hierzuland ungehindert einkaufen könnten. Die Bundesregierung solle sich daher für "Gleichbehandlung" einsetzen. Stellt sich allerdings die Frage, ob Berlin gegenüber Beijing (Peking) noch in der Position ist, Forderungen zu stellen.