Lottmann covert Hamsun

Im Roman "Der Geldkomplex" soll Barack Obama das Internet verbieten

Deutsche Einheit, Joachim Lottmanns Comeback-Buch von 1999, ging darum, wie der Autor ein Stipendium verbrät. Der Geldkomplex, sein neuer Roman, dreht sich größtenteils um das Gegenteil: Wie Lottmanns writing racket "Lohmer" sich ohne Geld durchspart, durchschnorrt und durchnassauert. Eine Art Anti-Knut-Hamsun, in dem der Ich-Erzähler nicht (wie in Hunger) sein weniges Geld hinauswirft, sondern geradezu bizarre Sparangebote bei Lidl und McGeiz aufzählt.

Oder mehr noch eine Art Coverversion von Hunger mit sehr viel Improvisation. Nicht das, was John Coltrane aus My Favourite Things machte, eher die Dizzee-Rascal-Version von Rodgers & Hammersteins Happy Talk (mit einem Umweg über Captain Sensible). Dieses Vorbild teilt Lottmann indirekt auch im Buch mit, wenn er auf Hamsuns Neue Erde und auf Johan Nilsen Nagel aus seinem Mysterien Bezug nimmt. Konkret liest sich das dann so:

[Victoria] hatte sich etwas ganz spezielles gewünscht, nämlich das Geschenkset von Dr. Hauschkas Biokosmetik. Als ich erfuhr, wie teuer das sein sollte, nämlich 45 Euro, hatte ich bei 'Schlecker' die fünf billigsten Kosmetikartikel, die es da überhaupt gab, gekauft, die Gesichtscreme für 39 Cent und so weiter, und mit selbstgemalten Dr. Hauschka-Plaketten überklebt. Und hübsch eingepackt.

Warum hat Lottmanns Ich-Erzähler kein Geld? Er erklärt es selbst:

Tagsüber ging ich wieder einer regelmäßigen Arbeit nach. Pünktlich um zehn Uhr saß ich am Computer und spielte Thomas Mann, drei Stunden lang. Dann las ich alte Zeitungen, ruhte, nahm mein Einheitsmüsli zu mir und machte weiter, indem ich meine 'Korrespondenz' pflegte.

Lottmanns bekannte Stilmittel werden in Der Geldkomplex weiter perfektioniert und erscheinen noch flüssiger als früher. Er widerspricht sich ständig - schon auf der ersten Seite des Romans und teilweise innerhalb weniger Absätze. Auch Größen und Namen wechseln von Seite zu Seite. Und finanziell geht das im Buch Geschilderte natürlich hinten und vorne nicht auf.

Was die Bennennung und Ausstattung seiner Protagonisten betrifft, bleibt Lottmann ein Maxim Biller mit Verstand. Einer, der weiß, wie er juristisch korrekt anonymisiert, ohne dem Leser den Spaß des Wiedererkennens zu nehmen. Wichtigste Figur neben seinem alter ego "Lohmer" ist diesmal Elena, eine Art Lady Bitch Ray, mit der er geschlechtlich verkehrt. Die Linkspartei-Abgeordnete "Melanie Butenschön" (deren Wahrnehmungs-Schilderung schon in der Harald-Schmidt-Show übernommen wurde) erscheint dagegen wie eine Mischung aus Sahra Wagenknecht und Katja Kipping,

Wo er offensichtlich nicht mit einer Klage rechnet, da nennt Lottmann auch Klarnamen – etwa, wenn er den SPD-Blogger Sascha Lobo beschreibt:

Er war ein Mann, der, obwohl nicht mehr jung an Jahren, plötzlich richtig berühmt geworden war, in den Medien, und reich, und zwar mit Hilfe eines seltsamen Haarschnitts. Er hatte einfach ermittelt, was die auffälligste Frisur im deutschen Fernsehen wäre, und kam dann auf den 'Irokesenschnitt', eine keineswegs originelle Punkfrisur aus den 1970er Jahren, die aber inzwischen niemand mehr trug. [...] Mit dem Irokesenschnitt hatte er Zutritt zu jeder Talk-Show, war eben der Vertreter für 'Jugend', ohne das erklären oder beweisen zu müssen.

Etwas mutiger ist eine Sequenz, in der "Lohmer" eine SMS von "Jens Tuborg" wiedergibt, einem Langzeitstudenten, der ihn stets wie einen Interviewpartner behandelt: "'PS: Wie ist eigentlich dein Verhältnis zu Frank Schirrmacher?' Das hatte er mich auch schon an dem Abend gefragt, nur andersrum: 'Hattest du eigentlich mal etwas mit Rebecca Casati?'" Doch nicht nur Schirrmacher, auch die Position seiner Zeitung, der FAZ, wird in Der Geldkomplex in interessanter Weise wiedergegeben:

'Dieses Land wird untergehen', dachte ich. Kein Mensch las mehr Bücher, keiner eine Zeitung. Und Obama war immer noch nicht im Amt. Hoffentlich kam er nicht zu spät. Als erstes musste er das Internet verbieten.

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(Bild: Kiepenheuer & Witsch)

Lottmann, Joachim: Der Geldkomplex. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009. ISBN 978-3-462-04146-0