Jeder ist eine Minderheit

Neben der Spur

Die Holzkugeln aus Minority Report übernimmt heute die Big-Data-Anwendung

Wir erinnern uns: In Minority Report rennt Tom Cruise wie ein angestochener Hollywood-Star durch die Szenerie und kämpft je nach Filmminute für das Gute oder das Überleben oder beides. Gut, das tut er ständig und in gefühlten Dutzenden von Filmen. Auch die Kriterien "Science Fiction" und "Action" helfen zuerst nicht wirklich weiter. Immer noch gefühlte Dutzend. Aber wenn ich jetzt "Holzkugeln" sage, dann fällt der Groschen. Bildlich gesprochen, die Holzkugel allerdings fällt wirklich. Als Orakel, denn da schwimmen ein paar Medien in einer warmen Salzlösung herum. Menschen, die die Zukunft sehen können und deshalb Verbrecher zum Abschuss freigeben, bevor die überhaupt zu werkeln beginnen können. Schön schaurig.

Geht jetzt übrigens auch mit Big Data.

Also nicht die Holzkugel. Die findet sich schon seit Jahrzehnten auf jedem Christkindlmarkt mit erzgebirgischem Spielgedöhns. Ich meine eher Studien wie die hier beschriebenen. Ja, richtig gelesen. Die Kurzgeschichte von Dick wandert langsam in die Wirklichkeit herüber, wenn man den Herren hier glauben darf. Was sich wie eine Reprise aus einem schlechten Eugenik-Film liest, kommt als Behauptung daher, man könne Verbrecher mittels künstlicher Intelligenz an ihrer Gesichtsform erkennen.

Schauder.

So intelligent ist das vermutlich nicht, denn was Anwendungen wie diese tun, ist eine Art von Wahrscheinlichkeitsrechnung. Bist Du Angehöriger einer Minderheit, bist Du vermutlich eher kriminell. Das ist vermutlich alles so akkurat wie dieser schnuckelige Versuch, etwas über mein Leben auszusagen, indem ich mein Facebook-Profil zugänglich mache. Um es zuzugeben: So predictive war das nicht, meine Herren, auch wenn man mir mit den Angaben meines Gewichts und meiner Größe eher geschmeichelt hat. Übrigens bin ich wirklich verheiratet, mit dem "Freizeitrisiko von 57.8%" konnte ich nicht wirklich etwas anfangen. Aber versprochen: Beim nächsten Bowling-Abend laufe ich langsamer an.

War also nix. Und solange auf der Basis solcher Tools keine Handlungen mir gegenüber ausgelöst werden, soll mir das auch eigentlich egal sein. Zudem gehöre ich vermutlich nicht der Minderheit an, die mich per Künstlicher Intelligenz zum Verbrecher erklärt. Noch einmal Glück gehabt. Hoffentlich haben das andere auch.

Und hoffentlich sind solche Tools wie die App zur Früherkennung von Autismus ein wenig akkurater, sonst landet das arme Kind in einer therapeutischen Behandlung ... und dabei war es einfach nur Allgäuer. Fangen wir doch vielleicht lieber mit solchen Tools an, die dazu gemacht sind, Pärchen beim Zeugen von Kindern zu helfen. Und damit meinen wir nicht irgendwelche Stimulanzprogramme aus der Pornoindustrie. Das Ding soll die fruchtbaren Tage finden und anzeigen. Und wenn es zu viele anzeigt, dann hatten die beiden Glücklichen einfach nur Sex. Das ist doch auch schon einmal etwas.

Übrigens darf ich auch noch anmerken, dass selbst weltweit durchanalysierte Narzissten, deren Twitterstreams deutliche Tendenzen anzeigen, immer noch US-Präsident werden können. Was hilft es denn. Vermutlich arbeiten eben beschriebene Tools immer von oben nach unten. Die da oben schauen sich ihre Schäflein damit an. Die Herdenhunde gehen immer als OK durch.