Gut laut - wie böse ist das?

Erziehung: Wer schreit, tut Unrecht, sagen die Therapeuten. Trotzdem schreien alle Eltern

Mein Onkel arbeitete viele Jahre in Russland, auf Montage*. Als er wieder nachhause kam, beeindruckte er seine Familie mit lautem Geschrei. Er wetterte so laut über Kommunisten und die katholische Kirche - wir lebten in einem kleinen Dorf, wo der Pfarrer wie ein Imam über die guten Sitten wachte und jeden Sonntag von der Kanzel neue Ermahnungen herunterschrie -, dass Dackel, Oma, Kinder und Kindeskinder in sämtlichen Ecken des Hauses Zuflucht suchten. Aber es bereitete uns auch großes Vergnügen, ihn zu solchen immer fröhlich unterlegten Ausbrüchen anzustacheln. Das war Ende der 1960er Jahre. Mir blieb davon eine eigenartige Angewohnheit: als Teenager radelte ich gerne in den Wald, um dort laut zu schreien und danach zu lachen. Ein Befreiungsvergnügen, dem ich später als Autofahrer, natürlich allein in der Fahrgastzelle, noch eine Weile huldigte. Japanische Managerseminare kopierten die Schreitherapie in den 1980er Jahren. In den Fußgängerzonen weltweit standen Japaner herum, die den Passanten Schrecken vor der neuen Manager-Ära einjagten. Jetzt bin ich Familienvater, die Zeiten sind viel lauter geworden, dem Medien- Optimismusfloskel- und Leberichtig-Gebrüll ist auch zuhause nicht mehr zu entkommen; leise ist besser, Schreien völlig deplatziert, out, prollig.

Das wird nun auch von der New York Times bestätigt. Dort fand sich letzte Woche in der Rubrik "Fashion & Style" ein Artikel, der das Schreien zum Thema hatte, konkret die weitverbreitete Sonderform des elterlichen Anschreiens von Kindern: Für einige Eltern, ruft die Überschrift des Fashion-Artikels, ist Schreien das "neue Arschversohlen" (im Orginal "the New Spanking"). Die These: Während die neue amerikanische Elterngeneration ihre Kinder niemals mehr schlägt, ist das Anschreien der Kleinen jetzt das große Erziehungs-Thema. Zwar würden Kindern seit jeher angeschrien - was auch in TV-Serien oft zur Sprache kam: "Dr. Spock called shoutung 'inevitable from time to time'" -, aber die neue Generation habe ein viel schlechteres Gewissen dabei als die Eltern früher.

Zitiert werden neben Klagen einzelner Mütter (Väter treten in diesem Zusammenhang nicht auf), eine Untersuchung von 1.300 Eltern in den USA. Sie ergab, dass zwei Drittel "Anbrüllen" (i.O. "yelling") als größte Quelle von "elterlichen Schuldgefühlen" nannten.

Über die Auswirkung des lauten Gebrülls auf Kinder, wisse man noch nichts wissenschaftlich Fundiertes, berichtet der Artikel. Es gebe viele Untersuchungen darüber, dass körperliche Züchtigung zu erheblichen Entwicklungsschäden führen kann - eine aktuelle Studie benennt die Verlangsamung der intellektuellen Entwicklung und eine Tendenz zu späterem aggressiven Verhalten als mögliche Folge von Schlägen. Aber es gebe so gut wie kein Material über das Geschrei und Gebrülle in Familien. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2003 weise immerhin auf die Größenordnung des Phänomens hin: 88 Prozent der Eltern aus einer Grundgesamtheit von 991 Familien gaben zu, dass sie im Verlauf eines Jahres mindestens einmal (!) ihre Kinder angeschrieen hätten (gut möglich, dass sie aus schlechtem Gewissen gelogen haben und sich - was die Wahrheit anbelangt, nicht das Schreien - vornehm zurückgehalten haben).

Die Wirkung auf Kinder sei minimal, wenn die Eltern einfach nur lauter werden, so die Einschätzung eines Fachmannes gegenüber der Zeitung. Laut Professor Ronald P. Rohner, Chef des Rohner Zentrums für die Untersuchung von zwischenmenschlicher Akzeptanz und Ablehnung an der University of Connecticut, kann das Anschreien aber als Zurückweisung empfunden werden, wenn sich "Ärger, Beleidigungen und Sarkasmus" in den Tonfall mischen. Er rät völlig vom Gebrülle ab, für ihn ist dies eindeutig ein "Risikofaktor für die Familie".

Rohner akzentuiert seine Warnung noch mit dem Zusatz, dass es trotz des Tabus noch religiöse und konservative Gruppierungen in den USA gebe, die körperliche Züchtigung als "effektive Erziehungsmaßnahme" befürworten und sich dabei auf die Bibel berufen - aber es gebe "keine Gruppe von Amerikanern, die für das Anschreien als Erziehungsstil eintreten".

Dass auch deutsche Eltern, völlig unabhängig von der Klasse der Kinderwagen, die sie schieben, zum unvornehmen Geschrei greifen, lässt sich öffentlich gut in zoologischen Gärten beobachten und am Parkplatz bei der Vorbereitungsphase zu Ausflügen. Pädogisch wertvolle Wirkungen, so weiß auch die persönliche Erfahrung, erzielt die größere Lautstärke nicht. Sie steigen nicht schneller ins Auto, setzen sich nicht schneller an den Tisch, hören nicht auf zu streiten, wollen trotzdem die Zuckerfanta vom Kiosk. Am ehesten zeigt sich in solchen Situationen noch die Frucht der leiseren "funktionalen Pädagogik" (die im Gegensatz zur beabsichtigten, "intentionalen" steht), wenn das Kind den Erwachsenen mit ruhiger Stimme ermahnt, dass man doch bitte leiser reden soll, damit es auch verstehen kann, was der Vater oder die Mutter meint. Diese Art von Erziehung hilft schon. Wir werden trotzdem wieder brüllen, weil es Momente gibt, wo alles zuviel wird.

Ob da die Kniffe helfen, die die Experten empfehlen? In ein anderes Zimmer flüchten? Bis hundert zählen? Den Heißhunger nach getaner Arbeit stillen, bevor man den Kleinen begegnet? Oder soll man den Kindern empfehlen, ebenfalls zu schreien, was sie dann auch machen..? Manchmal kann das Schreikonzert lustig werden. Mein Onkel und japanische Manager wussten das, meine Kinder wissen das auch. Meine Nachbarn finden es nicht lustig.

*Um Missverständnissen vorzubeugen: Er arbeitete dort freiwillig, gegen gute Entlohnung, als Gastarbeiter, "Schweißer".