Glücksspielsucht in London: ein Phänomen von jungen Angehörigen der Mittelschicht

Nach einem Bericht sind Problemspieler junge, gut ausgebildete Männer, die in ihren Jobs gute Leistungen erbringen.

Seit dem letzten Jahr gibt es in London eine Klinik für Glücksspielsucht, die eine vom britischen Gesundheitssystem NHS bezahlte Behandlung anbietet. Die erste Analyse der behandelten Patienten der National Problem Gambling Clinic (NPGC) zeigt auf den ersten Blick überraschende Ergebnisse, macht aber auf dem zweiten Blick deutlich, wie eng vermutlich doch Glücksspiel und die Wirtschaftskultur zusammenhängen, die Börsenspekulation zu einem achtbaren Job macht.

Die 260 Glücksspieler, die bislang behandelt wurden, hatten ein Durchschnittsalter von 36 Jahren und gehörten der Mittelschicht an. Zwei Drittel hatten einen Job. Die Meisten erfüllten die von ihnen erwartete Arbeitsleitung perfekt, so die Times. Viele der Akademiker spielten seit ihrer Studienzeit und konnten ihre Sucht gut verstecken. Nur 3 Prozent waren Frauen, es handelt sich also (noch) um ein typisches Männerphänomen. Die von den Patienten aufgehäuften Schulden erstreckten sich zwischen mickrigen 2000 Pfund bis zu einer halben Million Pfund.

Der typische Problemspieler ist ein junger Mann in den 30er Jahren, der Angestellter ist und oft zwei Jobs macht, um das Geld für seine Spielsucht aufzubringen. Die Psychiater waren überrascht, weil die Patienten einer ungewöhnlichen Schicht angehörten. Normalerweise würde man Problemspieler eher in den unteren Schichten finden. Henrietta Bowden-Jones, Gründerin der Klinik, sagte, das sei sehr ungewöhnlich, weil es sich allgemein um eine gut funktionierende Gruppe handle: "Das sind Leute, die für das ausgebildet wurden, was sie tun, und denen ihre Arbeitgeber vertrauen."

Allerdings hätten fast alle Patienten Angst und Depressionen. Neben der Wirtschaftskrise und dem kostenfreien Behandlungsangebot sind wachsende Angst und Depression vermutlich Gründe, die die Menschen in die Klinik trieben. Wer sich weiterhin ein Zusatzeinkommen durchs Spielen verschaffen kann und nicht in die Schuldenfalle tappt, wird weiterhin spielen. Die dicken Fische lassen sich überdies in privaten Kliniken behandeln. Motiviert zum Spielen wurden die Menschen in aller Regel durch die in Großbritannien beliebten Wetten, vor allem die Sportwetten. Spielautomaten oder Lotterien scheinen sehr viel ungefährlicher zu sein. Nach der Gambling Commission gibt es in Großbritannien 250.000 bis 300.000 Problemspieler, 0,6 Prozent der Erwachsenen.

Möglicherweise gibt es ja einen Zusammenhang zwischen der Sucht nach dem Glücksspiel bei den jungen Menschen und dem Trend, dass diese vermehr Kokain zu sich nehmen. Nach Daten des National Treatment Agency for Substance Misuse (NTA) der NHS ist, wie der Guardian berichtet, der Konsum von Heroin und Crack zwischen 2005 und 2008 bei den Menschen unter 25 Jahren stark eingebrochen, während der Kokainkonsum um 69 Prozent angestiegen ist.