GEH-ZUR-WAHL *peitsch*

Außer Kontrolle

Endlich Wahltag. Endlich die Chance, ab morgen wieder vermehrt Spam für Brustvergrößerung, Diätpillen und Bürostühle zu bekommen statt den x-ten Wahlaufruf

Endlich ist er also da: Der Tag der Entscheidung, der Tag der Wahl, der Tag der Demokratie, der Tag, an dem wir, die Wählenden, endlich unsere Stimme erheben können.

Anders als in den letzten Jahren, haben in diesem Jahr, wie es scheint, eine Vielzahl von Leuten ein paarmal zu oft an der Pfeife gezogen, die bunte Bildchen von der Wahlmöglichkeit als Ausdruck echter Demokratie erscheinen lässt. Vorbei ist der Zynismus, der Sarkasmus, das ruppige Bekenntnis, dass man sich auch selbst veralbern kann, ohne zur Wahl zu gehen, die fatalistische Erkenntnis, dass Wahlversprechen und Parteien beliebig austauschbar sind.

Spätestens mit der Gründung der Piratenpartei* ist ein Ruck durch das Netz gegangen, die Sekte derer, die Nichtwählen als Sünde und Blasphemie ansieht, schreitet munter voran, die Botschaft wachturmartig überall anpreisend, wo es gerade passt. Flammende Aufrufe werden, wie von Wanderpredigern, getätigt, das Wahl_recht_ schon einmal im Dienste der Sache zur staatsbürgerlichen Pflicht erklärt als sei das Engagement in den Tagen zwischen zwei Bundestagswahlen ein vernachlässigbarer Faktor und nur das Kreuzchen heute der wahre Ausdruck des Engagements.

Selbst von engsten Freunden und guten Bekannten werden die Oblate des Wählens und der Traubensaft der Pseudodemokratie willig empfangen und - fast wie bei den Versicherungsvertretern, die stets nach 10 weiteren Bekannten und Verwandten fragen, denen sie ihren tollen Vertrag erläutern können - die Botschaft großflächig versprüht wie das Netz aus Spidermans Netzdüsen. An die Domina aus der Fernsehwerbung erinnernd, sollen dieses Jahr so viele wie möglich auf das Wählen ausgerichtet sein. Geh-zur-Wahl heißt die Parole und es wird gut und gerne mit der "Demokratie ist, wenn man´s Kreuzchen macht"-Peitsche geknallt.

Egal ob das absolut Böse zitiert wird, ob neue Parteien als Heilsbringer verklärt werden und die bloße Nachfrage nach Details oder Überlegungen gleich als Angriff gewertet wird, ob Wahlprogramme bei der einen Partei als Blabla, bei der nächsten aber als Hoffnung deklariert werden - dieses Jahr ist anscheinend für viele das Kreuzchen auf dem Wahlzettel die Erlösung aus dem Albtraum, der seit vielen Jahren die Politik wie auch die Bevölkerung heimsucht.

Ich bin froh, wenn diese Wahl zuende ist, denn selten ging mir die mehr oder minder subtile Werbung in den diversen Foren und Mailinglisten, die zigste Wiederholung der Wahlphrasen, die zehntausendste Blabla-Antwort auf fragen, die nicht gestellt wurden, so auf den Geist wie dieses Jahr. Warum? Weil dieses Jahr so viele, die vor etlicher Zeit noch die derzeitige Demokratie als Pseudodemokratie ansahen, plötzlich in eine Art Veränderungstrance gefallen sind und wie die Erleuchteten ihre Message weitergeben, auf dass wir alle eine glückliche Familie werden, mit Mut zur Zukunft, mit neuen Impulsen, mit Hoffnung und dem Wunsch zur Veränderung. Als ob man das nicht auch for dem Kreuzchenmachen gehabt hätte.

Ich bin auch froh, wenn diese Wahl endlich gelaufen ist, weil - es dann vielleicht möglich ist, über Inhalte zu diskutieren, ohne als Miesmacher von Partei X gesehen zu werden - es dann wieder Forenbeiträge zum Datenschutz etc. gibt, die nicht mit "Deshalb XXX wählen" enden - es ggf. möglich sein wird, über die Bedeutung von Parteinamen zu debattieren, ohne gleich als jemand, der nix versteht und sowieso nur der Partei die Stimmen nicht gönnt, angesehen wird - die Mailboxen dann wieder mit Viagra-Spam und nicht mit wohlmeinenden "Geh zur Wahl"-Spam gefüllt sind - hoffentlich langfristig die vorwurfsvollen Mails verschwinden, die jedem Nichtwähler bzw. Ungültigwähler als Feind per se anprangern und die zehntausendste Version von "Auch du kannst Deutschland retten mit deiner Stimme" wiederkäuen

Ich habe schon gewählt und damit meiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass das Parteisystem in der derzeitigen Form genauso wie dieser hübsche Überwurf, der sich Demokratie nennt und nur ein altes mottenzerfressenes Sofa voller Filz verstecken soll, obsolet sind. Das reicht mir - jetzt habe ich Zeit für ein Glas Guiness auf der Terrasse. Die fünfzehn neuen "Geh wählen, bitte"-Mails sortiere ich nachher aus.

* Dies bedeutet keine negative oder positive Wertung der Piratenpartei. Nur ist recht auffällig, wie viele Menschen, die noch vor etlicher Zeit das Parteisystem als überholt ansahen und Wahlen als Volksverdummung, nunmehr zum "Geh-zur-Wahl"-Jünger mutiert sind.