Die Erfindung Südafrikas

Die deutschen Medien über das Gastland der Fußball-WM und ein Film, den arte aus der Primetime verbannt hat

"K" wie Klischee. Klar gibt es viele negative. Die Afrika-"Ks" heißen: Kriege, Katastrophen, Krankheiten, Korruption, Kriminalität und Kinderprostitution. Davon wollen wir aber nicht reden, schließlich ist Fußball ein Spiel, einfach nur ein Spiel, und da soll es fröhlich zugehen. "K" wie kritisch sein, können wir dann wieder am 12. Juli.

Darum hat man sich für die Zeit der WM definitiv entschlossen, in Fernsehen und Print-Medien alles im WM-Gastland und überhaupt in Afrika schön zu finden, "die Magie des Kontinents zu entdecken".

Diese Magie besteht in erster Linie aus Naturerfahrung und Exotik.

Da wird Stimmung gemacht:

- Wenn die Kuppen der Hügel droben erreicht sind, liegt drunten das Panorama von Soweto atemberaubend im klaren Licht.
- Die Sonne Südafrikas leuchtet Bösen und Guten, über Reichen und Armen.
- Man könnte diese Szene auch malen, diese archaische Traumlandschaft des Buschs, die so ruhig und friedlich scheint, und doch lauert überall der Tod.
- Wir sitzen in dunklen Korbsesseln auf der Terrasse, samtene Kissen im Rücken und blicken auf den afrikanischen Busch. Ein Fluss schlängelt sich am Horizont entlang, an seiner Biegung stehen zwei Elefanten.

Exotik bedeutet konsumierbares Anders-sein und Stammeswesen. Im ZDF führte dann vor dem Deutschland-Spiel zum Beispiel eine ehemalige Miss Südafrika durch ein Open Air Museum des Zulu-Lebens. Wir hören: "Hier leben die Zulus ihre Traditionen vor" und die Kinder spielen mit einem Ball aus Plastiktüten, selbstgemacht, "ganz traditionell". Die Zulus, übrigens "unheimlich lebensfrohe Menschen", tanzten vor Schlachten.

Der Eingeborene ist dann wie das Zebra und der Tafelberg ein bestaunenswertes Naturwunder, der mit Fellschürze vor ewigem Sonnenuntergang wunderliche Dinge tut: Dauernd wird getanzt und getrommelt, Frauen machen das Essen, Männer gehen jagen. Und im heute-Journal macht Marietta Slomka dann noch Werbung für ihren eigenen Zweiteiler: "Wenn sie Lust haben, mich auf dieser Reise zu begleiten..."

Willkommene Zerstreuung

Durch all dies haben wir auch eine Menge gelernt:

- Die WM ist ein Fest für Afrika.
- Die Magie des Fußballs lässt uns einen Kontinent jenseits von Krieg, Krankheit und Korruption entdecken.
- Afrika darf zur Abwechslung einmal anders wahrgenommen werden, nicht als Kontinent der Kriege, Krankheiten und der Korruption, sondern als moderner, aufstrebender, heiterer Erdteil.
- Afrika ist dynamisch, vielfältig und kreativ.
- Die Natur ist unberührt.
- Die Menschen sind sehr musikalisch.
- Die Leute sind unheimlich freundlich, unheimlich offen, sie wirken viel glücklicher, als wir.
- Gerade auch die Armen.
- Man kann sich hier frei bewegen, wenn man weiß, wie es geht. Wenn man sich an die Regeln hält und gewisse Einschränkungen in Kauf nimmt.
- Wer ein paar Regeln beachtet, kann hier tolle Sachen entdecken.
- Die Fans können ohne Sorgen reisen.
- Eigentlich ist das hier ja vom Standard her wie in Europa, zumindest in den Teilen, in denen sich die Besucher bewegen.
- Die Horrorklischees in den Köpfen stimmen nicht.
- Aids ist nach wie vor ein Tabu.
- Eine Reise nach Südafrika ohne Township-Besuch wäre wie eine Deutschlandtour ohne Biertrinken. Es wäre falsch.
- Die Menschen in der Township, von denen viele noch nie ein Stadion von innen gesehen haben.
- Der Weltfußball ist endlich in Afrika angekommen.
- Fußball ist wie die Musik eine universelle Sprache.
- Fußball kann Brücken bauen.
- Fußball kann Vorurteile abbauen.
- Es wird eine WM werden, bei der sich die Leute selber feiern. Das wird ein Event voller Lebensfreude. Das sieht man hier schon bei den Ligaspielen, die Menschen tanzen zwei Stunden lang und feiern sich selbst. Ein bisschen Musik, ein bisschen Trommeln, und schon geht's los.
- Im Stadion ersteht der Traum der südafrikanischen Regenbogennation wieder auf: Fans aller Kulturen friedlich vereint, Seit' an Seit'.
- Die Leute in Südafrika sind trotz aller Schwierigkeiten viel netter und fröhlicher als in Deutschland. Wir werden zum Beispiel immer sehr freundlich im Stadion empfangen - vielleicht auch, weil nicht viele Bleichgesichter hingehen.
- Der Kontinent will, bei allen Problemen, nicht länger nur als Bittsteller wahrgenommen werden, will ernst genommen werden.
- "Dennoch bietet das größte aller Sportfeste in diesen wirren Zeiten, in denen die politischen Eliten in aller Welt erschreckend planlos wirken, auch eine willkommene Zerstreuung. Fußball verzaubert den Planeten. Und wenn Milliarden Menschen ein globales Ereignis verfolgen und den virtuellen Erlebnisraum miteinander teilen, wird für vier Wochen die Utopie von der Weltfamilie Wirklichkeit. Auch Deutschland darf die Euro-Schwindsucht, und den schwarz-gelben Regierungszirkus kurzzeitig vergessen." (Bartholomäus Grill, DIE ZEIT)

Auch alle anderen Sätze stammen aus deutschen Print- und Bildmedien (seit dem 1. Juni 2010)

Die Bilder sind nicht Hochglanz genug

Andere, differenziertere Formen der Berichterstattung sind dagegen offenbar weniger gern gewünscht. So läuft derzeit gerade im Nachmittagsprogramm (jeweils 16.55 Uhr) des Kultursenders arte die fünfteilige Dokumentations-Mini-Serie "Unterwegs im Süden Afrikas", die auch einige der Schattenseiten des Kontinents zeigt und sich in Reportageform einfach einer etwas raueren, realistischeren Bildsprache bedient.

Hinter den Kulissen gab es um den Film offenbar Ärger: Wie aus Kreisen des von deutscher Seite koproduzierenden NDR und der das Projekt unterstützenden südafrikanischen Botschaft zu erfahren war, sollte der Film ursprünglich zur arte-Prime um 19.30 Uhr auf dem Sendeplatz "Entdeckungen" laufen. Doch dann hieß es in der Programmdirektion des Kultursenders, die Bilder seien "nicht Hochglanz genug". In der Primetime zeigt man bei arte lieber Unverfängliches wie "Die schönsten Küsten Südfrankreichs".