Der wahre Pirat kooperiert

Prisoner's Dilemma bei Wahlen

Die 50%-Hürde beim basisdemokratischen Aufstellungsparteitag der NRW-Piraten in Münster hatte eine schöne pädagogische Funktion: Die Piraten, die einander kaum kannten, mussten lernen, wie man kooperiert. Im ersten Wahlgang, als sich 56 Optimisten um die vier Spitzenplätze bewarben, kreuzten offensichtlich die meisten nur ihre Favoriten an, obwohl man auf jedem Wahlzettel bis zu 56 Bewerbern das Vertrauen hätte aussprechen können. Diese - nennen wir es mal provokant - "Missgunst" führte zu dem Fuck Up, dass im einzig vollzogenen Wahlgang des Samstags genau ein Pirat die Aufgabe meisterte.

Das Ergebnis war so ernüchternd, dass manche sogar eine "Meuterei" gegen das Wahlsystem erwogen, da man bei diesem Wirkungsgrad leere Listenplätze befürchtete. Für den nächsten Wahlgang um die Plätze 2 bis 20 hatten sich ursprünglich sogar über 200 Bewerber angesagt. Alleine das Ankreuzen etlicher Namen auf einer langen Liste und das Auszählen der Stimmzettel versprach, bei einer Vielzahl an Wahlgängen die wertvolle Zeit des Sonntags aufzufressen.

Doch die Piraten wurden auf einmal vom Teamgeist beseelt: Bis auf 109 Bewerber zogen etliche zurück, was eine Kandidatenvorstellung zeitlich möglich machte, man stellte zusätzliche Wahlkabinen auf und verdoppelte die Wahlhelfer. Und man begann, wie beim Prisoner's Dilemma zu kooperieren, in dem man nicht mehr mit Kreuzen geizte. Im zweiten Wahlgang konnten alle anvisierten Listenplätze mit absoluter Mehrheiten besetzt werden. "Der wahre Egoist kooperiert", wie es in der Spieltheorie so schön heißt.

Im dritten und vierten Wahlgang wurde schließlich gegen 22 Uhr die Punktlandung gemeistert, eine Landesparteitag_2012.1/Landesliste_2012_Landesliste_2012: Liste mit 42 Kandidaten zu realisieren. Soweit ersichtlich, sind darunter keine Sektierer, Fanatiker oder Ideologen. Ein Bewerber, den die Tazpresse als "aussichtsreichsten Herausforderer" sah, landete im vierten Wahlgang auf dem letzten Platz, nicht aber auf der Liste. Ein anderer Bewerber, der sich etwas vom Auflaufen im Piratenkostüm versprach, weckte ausschließlich das Interesse der Medienvertreter, wurde von den Piraten jedoch per Twitter geshitstormt und über die Planke geschickt.

Auch im "Kampf um die Saar" kooperierten etablierte Piraten mit der dort eher improvisierten Mannschaft. Hatte 1952 die "Organisation Gehlen" für die Wahlen Propaganda-Material ins damalige Protektorat geschmuggelt, so infiltrierten auch bei der gestrigen Landtagswahl Polit-Aktivisten aus anderen Bundesländern das Saarland - allerdings ganz offiziell. Die NRW-Piraten halfen finanziell aus, die Berlin-Piraten sandten ihre Freibeuter vor Ort. Bei der Wahlparty feierte man 7,4%. Die Piraten in NRW feierten mit. Ähnliche Allianzen gab es bereits 2010 und 2011 zwischen den Piraten in NRW und Berlin, die sich gegenseitig personell aushalfen.

Auch mit den anderen Parteien kooperierten sie. Als der Linkspartei bei einer Mahnwache gegen die Piraten das Plakat eingerissen war, halfen die Piraten freundlich aus. Man will ja einen brauchbaren politischen Gegner. Doch auch mit der FDP kooperierten die Piraten auf ihre Weise und streamten eine FDP-Website, welche die Saar-Wahl beobachtete. Bitter für die FDP dürfte die Tatsache sein, dass der Zugriffszähler dieser Website auf genau "1" stand. Außer den Piraten hatte offensichtlich niemand Interesse.

Disclaimer: Der Autor war als "embedded journalist" bzw. "embedded pirate" vor Ort und manipuliert skrupellos die Telepolis-Leser.