Aber da kommen doch noch sooo viele Extras hinzu ...

Außer Kontrolle

Der Bundesrat hat den Mindestlohn gebilligt - wenn auch mit Ausnahmen. Zeitgleich erscheint bei Zeit.de ein Artikel, der die "Mär von der schlechtbezahlten Friseuse" entlarven soll, aber selbst entlarvend ist.

Noch bevor der Bundesrat den Mindestlohn billigte, wurde dieser von vielen Seiten scharf kritisiert: Geringqualifizierte würden keine Chancen mehr bekommen, Rentner hätten ja sowieso schon ihre Rente, die armen Geringverdienenden würden befürchten müssen, dass ihre Kunden in Scharen über die Grenze fahren, um dort in den Genuss von geringentlohnten Dienstleistungen zu kommen, Unternehmen würden ins Ausland flüchten ... Die Stoßrichtung dieser Klagen war: Auch wenn der Lohn noch so niedrig ist, so haben doch immerhin Menschen Chancen, überhaupt noch einen Job zu finden. Hier schimmert das Credo "Arbeit, Arbeit über alles" durch: Besser sich für ein paar Euro mehr abrackern als gar keiner Erwerbstätigkeit nachgehen.

Die "arme Friseuse" diente sowohl den Mindestlohnbefürwortern als auch den -ablehnern als Beleggeisel. Die Befürworter sahen sie als das Opfer der bisherigen Lohndumpingpolitik, die ablehnenden Stimmen prophezeiten ihr baldige Arbeitslosigkeit, da ihre bisherigen Kunden nunmehr entweder ins benachbarte Ausland mit Billiglöhnen abwandern oder aber sich selbst die Haare schneiden würden. Pünktlich zum "Ja" des Bundesrates hat sich die Wochenzeitung "Die Zeit" des Themas angenommen und dabei insbesondere Sybille Hain, Landesinnungsmeisterin aus Thüringen, und Joachim Weckel, Justitiar des Friseurhandwerk-Zentralverbands, zu Wort kommen zu lassen, um am Schluss eine interessante Rechnung aufzumachen, welche die schlecht verdienende Friseuse als Mythos entlarven soll. Dabei sind die Kommentare und auch die Rechnung selbst entlarvend:

So meint Joachim Weckel, es gebe natürlich "in Dresden oder der Pfalz" Bezahlungen zu schlechten Konditionen - und Sybille Hain versteigt sich in die These, dass es die schlechtbezahlte Friseuse noch nie gab, sondern nur einen geringen Stundenlohn, der aber letztendlich eine untergeordnete Rolle spiele, da Umsatzbeteiligungen und Trinkgelder hinzukämen. Auf diese Weise, rechnet die Zeit vor, komme ein Stundensatz von 11,70 Euro zustande, wenn die Friseuse erfahren und fleißig, der Umsatz entsprechend und auch das Trinkgeld hinreichend ist. Die "engagierte Fachkraft", so wird hier vorgerechnet, könne ja bis zu 400 Euro (geschätzt) pro Monat erhalten.

Die Rechnung, die hier aufgemacht wird, ist nicht neu. Gerade im Gastronomie- und Dienstleistungssektor haben sich in den letzten Monaten zahlreiche Parteien bemüht, das Trinkgeld der Arbeitenden in den Mittelpunkt zu rücken - als sei es ein fester Bestandteil des monatlichen Einkommens und keine Kann-Leistung, die je nach Unternehmen und Saison fließt oder nicht:

So wird bei einigen Gastronomiebetrieben das Trinkgeld in einen gemeinsame Kasse gezahlt und am Ende auf alle verteilt, die am jeweiligen Tag tätig waren. Bei anderen wird je nach Tisch bezahlt, was dazu führt, dass, wenn jemand den Tisch eines anderen abrechnet, er auch dessen Trinkgeld behalten kann. In wieder anderen Betrieben gilt wiederum das Prinzip "der Arbeitgeber behält einen gewissen Prozentsatz des Trinkgeldes für sich und zahlt den Rest an alle".

Fest steht, dass das Trinkgeld von vielen verschiedenen Faktoren abhängt – egal welche Methode angewandt wird. So sind Trinkgelder am Monatsanfang und in der Mitte des Monats höher als am Ende des Monats - so wie auch die Anzahl der Kunden im Gastronomiebereich oft gegen Ende des Monats nachlässt. Das Wetter und politische, sportliche oder gesellschaftliche Umstände wirken sich darüber hinaus ebenso auf die Höhe des Trinkgeldes aus wie die Laune des Kunden.

Auch die Umsatzbeteiligungen sind letzten Endes von vielen Faktoren abhängig und werden z.B. im Krankheitsfall nicht gezahlt. Für die Arbeitnehmer, deren Einkommen von vielen (und zum Teil selbst nicht beeinflussbaren) Faktoren abhängt, bedeutet dies, dass letzten Endes eben doch nur der garantierte Stundenlohn garantiert und somit auch für Miete usw. ausschlaggebend ist.

Der Mindestlohn soll aber gerade dieses Basiseinkommen auf feste (und nicht auf tönerne) Füße stellen. Ihn zu kritisieren ist legitim - aber Rechnungen, die dem Grundeinkommen Zusatzleistungen hinzurechnen, sind irreführend und lenken davon ab, dass es hier nicht um das Einkommen geht, welches im Idealfall hereinkommt, sondern um jenes, das in jedem Fall gezahlt wird.