Der Ökonom Richard Werner, LSE, hat vor über 15 Jahren in seinem Buch "The princess of the yen" anhand der extrem hohen Staatsverschuldung Japans, sich mit der japanischen Notenbankpolitik seit den 80ern beschäftigt. Japan hatte 2020 eine Staatsverschuldung von 270%, wird jetzt wahrscheinlich die 300% reißen - nach EZB-Kriterien bis vor wenigen Jahren eine Horrorzahl. Griechenland galt, als es die 130% erreichte, als failed state. Merke 1: Trotzdem gilt Japan noch immer als eines der reichsten Länder der Welt und ist alles andere, als ein failed state. So unterschiedlich können formal als neutral geltende Zahlen, sich in der Realität auswirken. Es kommt auf die Kontexte an, die meist gar nicht, unvollständig oder gar komplett falsch angegeben werden.
Werner hatte damals in Japan studiert, und sich das als Thema Japans Notenbank Politik für seine Diplomarbeit genommen, und hatte in einem Interview erzählt, das er große Probleme mit seinen Professoren bekam, dieses Thema zugelassen zu bekommen. Denn Notenbank-Politik ist eben keine neutrale Veranstaltung, sondern Herrschaftswissen kombiniert mit enormen Einfluss auf die komplette Ökonomie der Gesellschaft. Das ist eigentlich seit dem Mittelalter bekannt und ne Binse, aber für die Mehrheitsgesellschaft bis heute, eine Geheimwissenschaft aufgrund fehlender Transparenz und tatsächlichen Zielen, die bewusst nicht breit kommuniziert werden.
Was ihm im Fall Japan auffiel, das seit den 80ern die Kriterien für Kreditvergaben komplett verändert wurden. Bis dahin hatte Japan sehr restriktive Anforderungen an neu geschöpfte Kredite, die fast ausschließlich nur für produktive Investitionen ausgegeben wurden. Das änderte sich Anfang der 80er, und plötzlich wurde die Zahl spekulativer Kredite immer größer. Also nix mehr mit Autos bauen, neue Technologien entwickeln, sondern Papier-Investitionen - und in Folge daraus ein extremer Anstieg der Immobilien- und Grundstückspreise, weil die spekulativen Kredite damit spekulierten und auch besichert waren. Das Grundstück des Tenno-Palastes in Tokyo erreichte so irgend wann einen Nominalwert, der den Preis sämtlicher Immobilien und Grundstücke des Staates Kalifornien überstieg. Real natürlich nicht, denn niemand in Japan würde sich trauen, tatsächlich den Tenno-Palast zu verkaufen, aber als Buchungswert wohl schon.
Und da, so finde ich, sieht man die Krux des aktuellen Geldsystems und der Notenbanken-Politiken, man kann damit alles mögliche finanzieren, von Aufforstung und Bewässerung von Wüsten, über Technologische Innovationen und besserem Wohnraum, bis hin zu Spekulationen mit Papierwerten. Nominal sind das alles fast gleichwertige Investitionen, derzeit kursieren "Wertpapiere" die dem 7-fachen des jährlichen Welt-BIPs entsprechen, meist Derivate, also eben keine Aktien, sondern abgeleitete "Werte" basierend auf Kursschwankungen mit fiktiven Gewinn- und Verlustprognosen, die selbst keinerlei Investition tätigen, und daher eher als Gambling gelten. Das wohl berühmteste Beispiel aus den USA, das Wetten auf Lebens- und Immobilienversicherungen - es ist in den USA möglich, auf die Auszahlungswahrscheinlichkeit solcher Versicherungen, bei Tod oder Hausbrand mit Banken zu wetten, ohne das eine der beiden Parteien irgend etwas mit diesen Versicherungen zu tun hat - weder Versicherungsnehmer, noch Geber zu sein. Das sind kranke Entwicklungen, die aber mit unserem kranken Geld- und Wirtschaftssystem zu tun haben. Der Nutzen, der dahinter liegt, wird in die Mär der freien Marktwirtschaft verlegt - wenn doch alle plötzlich lieber Derivate wollen, anstatt echte Häuser zum Anfassen, oder neue technologische Innovationen, dann ist das eben der Markt, der das so entscheidet - und das ist eben Quatsch.
Es gab Richtlinien für die Kreditvergabe, bei der Bundesbank wurden bis in die 90er für spekulative, sehr unsichere Kredite in Auslandsinvestitionen, bis zu 50% Eigenanteil gefordert hatten. Heute kann der absurdeste Scheiß, wie z.B. Derivate mit den üblichen 1-2% Eigenanteil finanziert werden. Und da sich zunehmend die Gewinnprognosen solcher "Investments" nicht realisieren, müssen auch immer mehr Banken, Kredite und Unternehmen "gerettet" werden. Die kranke Notenbank-Politik ist letztendlich nur ein Spiegel der kranken Ökonomie - es geht nicht um Ziele mit anfassbaren Werten, die irgend einen Nutzen für die Mehrheit der Menschen hat, sondern um ein Vermögens-Gambling der Superreichen mit fiktiven Werten, die keine Sinnfrage beantworten müssen, wie z.B. wem nützt das.
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