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  • chrygel

455 Beiträge seit 05.09.2002

Was die Erfahrung lehrt ...

1. Während und nach der Kolonialzeit ist es nie gelungen, erfolgreiches Nation Building zu betreiben. Die willkürlich gezogenen Grenzen und erzwungenen Nationalstaaten waren immer zerbrechlich und wurden durch Bürgerkriege zerstört.
2. Durch militärische Einmischung von aussen ist es niemals gelungen, solche Konflikte zu lösen.
3. Die Blockkonfrontation, nach dem zweiten Weltkrieg, hat zu etlichen Stellvertreterkriegen geführt. Das Ziel war, Demokratie und Freiheit zu verbreiten, aber das Gegenteil hat sich eingestellt.
4. Die einzig nachhaltige Veränderung hat Michail Gorbatschow herbeigeführt, indem er darauf vertraut hat, dass die Transformation der Sowjetunion nicht gleichbedeutend mit dem Untergang von Russlands ist. Es war die kampflose Kapitulation der Ideologie vor der Realität. Die "sowjetische Selbstentmachtung" hat neue Räume eröffnet, die von den Menschen in den ehemaligen Sowjetsatelliten genutzt werden konnten.

Das Erfolgsrezept der Spezies Mensch ist Kooperation. Die Sorte Sozialdarwinismus, die uns durch unser neoliberales Wirtschaftsmodell eingeimpft wurde, ist genauso obsolet, wie die aggressive Vorwärtsverteidigung des westlichen Demokratiemodells.

Wir müssen ebenfalls darauf vertrauen, dass unsere eigene Selbstentmachtung neue Möglichkeiten bietet, dass reale oder vermeintliche Gegner sich und ihr Verhalten anpassen.

Wer überall nur Gefahr und Bedrohung sieht, und sich auf die "unvermeidliche Konfrontation" vorbereitet, der wird diese Konfrontation auch unweigerlich erreichen.

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    • meckerpott

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.01.2003

    Antwort auf Was die Erfahrung lehrt ... von chrygel.

    chrygel schrieb am 17.04.2023 10:31:

    1. Während und nach der Kolonialzeit ist es nie gelungen, erfolgreiches Nation Building zu betreiben. Die willkürlich gezogenen Grenzen und erzwungenen Nationalstaaten waren immer zerbrechlich und wurden durch Bürgerkriege zerstört.
    2. Durch militärische Einmischung von aussen ist es niemals gelungen, solche Konflikte zu lösen.

    Hat das nicht in Tschetschenien aus russischer Sicht ganz gut funktioniert?
    Ziel der Rebellen war wohl ein Kalifat, das sich nichts aus Moskau sagen lässt. Mit viel Militär und Zerstörung wurde schließlich ein moskautreuer Präsident ins Amt gebracht, der sein Land stolz als Mitglied der RF sieht.
    Ob der Konflikt damit gelöst ist, steht ggf. auf einem anderen Blatt.

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    • oldman123

    mehr als 1000 Beiträge seit 25.11.2003

    Der Quatsch hält sich,...

    Antwort auf Re: Was die Erfahrung lehrt ... von meckerpott.

    ... wie die Mär, das Teflon aus der Weltraumforschung stammt.
    Tschetschenien war keine SSR, also keine selbständige Sozialistische SowjetRepublik.

    Unionsrepublik
    https://de.wikipedia.org/wiki/Unionsrepublik#Unionsrepubliken_ab_1956

    Denn diese konnten sich praktisch widerstandslos von der Sowjetunion trennen.
    Sogar mit "Erlaubnis" der sowjetischen Verfassung - ohne wenn und aber.

    Verfassung der Sowjetunion
    "Artikel 72. Jeder Unionsrepublik bleibt das Recht auf freien Austritt aus der UdSSR gewahrt."
    https://web.archive.org/web/20170610100657/http://www.verfassungen.net/su/udssr77.htm

    Glaubst du im ernst, dass islamistischen Halsabschneidern, die sich aus nordkaukasischen Islamisten und von Geldgebern aus dem arabischen Raum rekrutierten und bezahlten arbeitslosen Kämpfern aus dem sowjetisch-afghanischen Krieg rekrutiert wurden irgendwo erlaubt würde ein Kalifat extremislamistischer Prägung zu durch Gewalt zu etablieren?
    Und der erste russische Präsident dem das trotz Alkoholkonsum nicht entgangen ist und das verhindern wollte war Jelzin, nicht zuletzt schon wegen der Probleme mit Islamisten im Nordkaukasus. Beim zweiten versuch Tschetschenien zu übernehmen musste Putin verhindern. Das das für das russische Militär schwer war, war nicht zuletzt ein Grund, dass die ausländischen Islamisten reichlich Kriegserfahrungen aus den Kämpfen während des sowj. Afghanistankrieg und der inneren Machtkämpfen Afghanistan in den 90ern mitbrachten. Die haben nur die Soldzahler gewechselt.

    Nu stell dir vor, solche Islamisten würden mit Gewalt versuchen aus Rheinland-Pfalz, Aragonien in Spanien, aus Lancashire in GB, Florida in den USA, Bretagne in Frankreich,... ein Kalifat erreichten wollen. Seit Jahrzehnten haben Regionen in Europa mit ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit zu kämpfen - Basken, Katalanen, Nordiren, Flamen, neuerdings mal wieder Korsen und andere, was man denen immer verwehrte, aber wie bei Flamen und Nordiren beruhigen konnte, aber nicht zu vergessen wie man mit den Separatistenbewegungen in solchen Länder umgegangen ist.

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    • chrygel

    455 Beiträge seit 05.09.2002

    Antwort auf Re: Was die Erfahrung lehrt ... von meckerpott.

    meckerpott schrieb am 17.04.2023 13:02:

    chrygel schrieb am 17.04.2023 10:31:

    1. Während und nach der Kolonialzeit ist es nie gelungen, erfolgreiches Nation Building zu betreiben. Die willkürlich gezogenen Grenzen und erzwungenen Nationalstaaten waren immer zerbrechlich und wurden durch Bürgerkriege zerstört.
    2. Durch militärische Einmischung von aussen ist es niemals gelungen, solche Konflikte zu lösen.

    Hat das nicht in Tschetschenien aus russischer Sicht ganz gut funktioniert?
    Ziel der Rebellen war wohl ein Kalifat, das sich nichts aus Moskau sagen lässt. Mit viel Militär und Zerstörung wurde schließlich ein moskautreuer Präsident ins Amt gebracht, der sein Land stolz als Mitglied der RF sieht.
    Ob der Konflikt damit gelöst ist, steht ggf. auf einem anderen Blatt.

    So wie alle Bergregionen ist auch der Kaukasus ein ewiger Konfliktherd. Von den Pyrenäen bis nach Kurdistan, zeigt sich doch immer das selbe Muster. Erst kommt eine Kolonialmacht und versucht sich ein Volk einzuverleiben. In der Konsequenz führt das zu Aufständen und Separatismus. Es wird mit dem eigenen Nationalismus gekontert und der Separatismus mit Gewalt bekämpft.

    Die einzige Möglichkeit zur Befriedung ist Wohlstand. So geschehen in Tschetschenien. Aber sobald der weg bricht, wird die Suche nach einem Schuldigen munter fortgesetzt und ein Nationalismus steht wieder gegen den anderen.

    Im Falle Taiwan gibt es ausser Wortgetöse keinen echten Grund, am Status Quo etwas zu ändern. Die Taiwaner profitieren vom Festland und umgekehrt. Der Klassenkonflikt ist eigentlich nur heisse Luft. Weder leben die Menschen in Taiwan im demokratischen Schlaraffenland, noch schmoren die Chinesen in der sozialistischen Hölle.

    Wer sich aber selbst über den anderen stellt, wird irgendwann Farbe bekennen müssen. Das führt dann dazu, dass die Alphamännchen, die sich mit dem Status Quo nicht abfinden wollen, aufstehen und wieder beginnen das Feuer zu schüren. Ausbaden tun es am Ende Soldaten und Zivilisten.

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    • meckerpott

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.01.2003

    Antwort auf Der Quatsch hält sich,... von oldman123.

    Oha, da hat das Stichwort Tschetschenien ja einiges bei Dir getriggert.

    Die These des 1. Beitrags war, dass sich Konflikte, zumal in Konstellationen, bei denen sich die Konfliktparteien regional in verschiedene Volksgruppen einteilen lassen, nicht mit Gewalt lösen ließen - ich habe Tschetschenien als Gegenbeispiel genannt, wenn auch mit Relativierung hinsichtlich der Stabilität.

    Das reflexhafte Bedürfnis, eine moralische Einordnung vorzunehmen, sei Dir gegönnt. Dabei zeigt der Konflikt um die Krim, wie wenig Bedeutung historische Staatenzugehörigkeiten, Verträge oder UNO-Idealismen haben, sobald Brudervölker mit Kanonen aufeinander schießen.

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    • J.Creutzfeld

    mehr als 1000 Beiträge seit 31.05.2001

    Antwort auf Was die Erfahrung lehrt ... von chrygel.

    chrygel schrieb am 17.05.23 17:15:

    Wer überall nur Gefahr und Bedrohung sieht, und sich auf die "unvermeidliche Konfrontation" vorbereitet, der wird diese Konfrontation auch unweigerlich erreichen.

    Nö.
    „Si vis pacem para bellum“ Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg. Marcus Tullius Cicero.

    Nach der Spieltheorie ist die erfolgreichste Strategie: Einen einmaligen Vertrauensvorschuss geben und ab dann exakt gleiches mit gleichem beantworten, im Guten wie im Bösen.

    Die Kooperation liegt uns genauso in den Genen wie die Gewalt. Das einzige, was Gewalt verhindert ist eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, daraus einen Vorteil ziehen zu können.

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