oder man orientiert sich an den Interessen der Menschen, die in den umstrittenen Gebiete leben.
Da ich (leider im Gegensatz zum Großteil der westlichen Entscheidungsträger) eher zu der zweiten Alternative tendiere, fände ich es am sinnvollsten, eine Umfrage unter der Bevölkerung der einzelnen ukrainischen Republiken zu machen und sich daran orientieren. Die Gebiete, deren Bevölkerung sich eher zu Russland zugehörig fühlt, können dann Russland zugeschlagen werden (eine Alternative wäre evtl. Autonomie) und alle anderen bilden die neue Ukraine.
Du solltest hier genauer nach Interessen und Positionen unterscheiden bzw. nicht Positionen als Interessen ausgeben. Das ist dir wahrscheinlich gar nicht bewusst. Ich versuche es mal zu erklären: Eine Position ist eine konkrete Forderung. In dem Fall: "Der Donbass soll zu Russland gehören". Und auf der anderen Seite steht die gegenteilige Position, dass der Donbass weiter zur Ukraine gehören soll. Solange man sich auf der Ebene der Positionen bewegt, kann ein Konflikt nicht gelöst werden. Nochmal: er kann nicht gelöst werden, ausgeschlossen. Denn ganz egal, wie die Sache ausgeht: Eine Seite verliert und damit bleibt die Ursache des Konflikts bestehen. So eine Abstimmung würde also zu rein gar nichts führen. Außerdem sind da ein paar organisatorische Dinge unklar:
* Wie wird sichergestellt, dass Russland als interessierte Partei so eine Abstimmung nicht manipuliert, ohne dass sie die Kontrolle über das Gebiet abgeben?
* Wer darf eigentlich abstimmen? Immerhin haben etliche (hunderttausende? Millionen?) Menschen den Donbass seit 2014 verlassen. Dürfen die mitmachen? Nur die, die nach Russland geflohen sind oder auch die, die die Ukraine bevorzugt haben. Etliche von denen haben sich damals ja in Mariupol niedergelassen, wo sie jetzt zum zweiten Mal alles verloren haben. Wie würden die wohl abstimmen?
* Wie sieht es mit den zugereisten Russen aus? Das betrifft jetzt eher die Krim als den Donbass. Dürfen die auch abstimmen? Und wenn ja, auf welcher Grundlage eigentlich?
Versucht man, es durch Kompromisse beiden recht zu machen, verlieren beide (aus ihrer subjektiven Perspektive heraus). Das kann sogar noch schlimmer sein.
Bei Interessen geht es darum, was der Grund für die jeweilige Position ist. Bei Konflikten ist es aber leider so, dass die Konfliktparteien oft ihre Interessen gar nicht klar ausdrücken und das oft genug auch gar nicht wissen. D.h. man muss das erstmal rausarbeiten.
Und jetzt stehen wir aber vor einem großen Rätsel: was könnte denn das Interesse der (bzw. einiger!) Bewohner des Donbass gewesen sein, dass sie das Bedürfnis verspüren, zu Russland zu gehören? Dass sie weiter ihre Sprache und Kultur als Russen pflegen wollen? Ok, das ist sehr plausibel. Aber: dieses Interesse wurde von der Ukraine doch niemals verletzt! Das war doch erwiesenermaßen immer eine Propagandalüge Putins und seiner Mafia.
Welche Interessen könnte es noch geben? Nehmen wir mal Arbeitsplätze und ein ausreichendes Einkommen, das funktioniert immer. Nun ja, seit 2014 ist die Wirschaft im Donbass quasi vernichtet. Dann hätten wir noch als Interesse ein stabiles poltitisches System und einen Rechtsstaat, was nicht zuletzt bedeutet, dass die Menschen ihre Rechte gegenüber dem Staat durchsetzen können. Und was haben sie bekommen? Eine Herrschaft von Banditen und Warlords, die mehr oder weniger getrieben haben, was sie gerade wollten. Schau dir zum Beispiel mal diesen netten Mann an: http://fierteseuropeennes.hautetfort.com/media/01/00/1987605527.jpg, Arsen Pawlow a.k.a "Motorola", einer der so genannten "Separatisten". Der ist aber kein Ukrainer, sondern Russe und auch kein ukrainischer Russe, sondern aus Uchta (Republik Komi, Russland). Und angeführt wird der Laden momentan von Denis Puschilin. Vor seiner Karriere als, ähm, Politiker, war er bei einer Reinkarnation der "MMM", einem Schneeballsystem, das etliche Russen um ihr Vermögen gebracht hat. Sein Vorgänger Alexander Sachartschenko wurde übrigens ermordet, so ist der Machtwechsel in der Volksrepublik Donezk halt organisiert.
Man könnte die Liste jetzt noch fortsetzen. Aber ich denke, das reicht, um zu zeigen, dass die Interessen der Bewohner des Donbass die letzten 8 Jahre nicht wirklich respektiert wurden. Der Ukraine kann man da keinen Vorwurf machen. Die hatten in der Zeit keine Kontrolle über das Gebiet, obwohl die Minsker Verträge eigentlich genau das vorgesehen haben. Eben diese Verträge haben aber auch verhindert, dass die Ukraine ernsthafte (also militärische) Versuche unternimmt, die Kontrolle wiederherzustellen.
Die Verantwortung für die dortigen Verhältnisse seit 2014 trägt also ausschließlich Russland. Und was haben sie gemacht, um die Interessen der Bevölkerung zu schützen? Im besten Falle nichts, im schlechtesten haben sie eifrig dazu beigetragen, dass alles so richtig schlimm wird.
Und da wird die Sache dann interessant: Warum hat Russland 2014-2022 nichts getan, um im Donbass halbwegs zivilisierte Zustände zu etablieren? Selbst russische Verhältnisse wären ja schon ein enormer Fortschritt gewesen. Die einzige Antwort ist für mich, dass Putin den Konflikt genau auf dem Level gehalten hat, dass:
* keine westliche Organisation (NATO, EU) die Ukraine aufnimmt
* Investitionen in die Ukraine riskant sind, sodass die Ukraine weiterhin vor der Wahl steht: wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland oder halt gar keine Wirtschaft
Dieses Spiel spielt Putin ja auch erfolgreich in Georgien und Moldau.
Jetzt stehen wir aber vor der Frage, was zum Teufel Putin geritten hat, diesen Zustand Anfang 2022 aufzugeben und das Risiko eines ausgewachsenen Krieges einzugehen. Da müssen wir wieder auf die Interessen schauen, dieses Mal auf Putins Interessen: Er will an der Macht bleiben. Das wurde aber zunehmend schwierig, denn trotz Propaganda und obwohl er die meisten Konkurrenten entweder vertriebem, eingesperrt oder umgebracht (bzw. umbringen lassen) hat, waren die Russen zunehmend unzufrieden. Aus den 0er Jahren waren sie Wachstumsraten von um die 10% gewohnt und auch nach 2010 war noch viel Luft nach oben. Und seit 2014 ging es auch noch langsam aber stetig bergab. Und da wollte er wohl seinen Erfolg mit der Krim 2014 wiederholen, denn nach der Annexion war seine Popularität enorm gestiegen. Wäre der Plan aufgegangen (Kiew in drei Tagen, die Ukraine in ein paar Wochen), hätte das wahrscheinlich sogar funktioniert. Außerdem bezweifle ich, dass er sich des Risikos, das ein richtiger Krieg mit sich bringt, bewusst war. Denn er hat den entscheidenden Fehler gemacht, sich in den >20 Jahren seiner Herrschaft nur mit rückgratlosen Jasagern (wir erinnern uns an das Gestammel von Narischkin!) zu umgeben. Er wusste also nicht a) wie die Ukrainer wirklich zu Russland stehen (schlecht) und b) in welchem Zustand seine Armee ist (noch viel übler).
Jetzt bin ich langsam soweit, meine Schlussfolgerung zu ziehen: die Lösung des Konflikts ist ausschließlich dadurch möglich, dass Russland sich komplett aus der Ukraine einschließlich der Krim zurückzieht und die Kontrolle an die Ukraine übergibt. Die russischen Zivilisten, die sich illegal im Land aufhalten, kehren ebenfalls zurück. Die Ukraine verpflichtet sich, die Interessen der Bewohner des Donbass zu respektieren und erlaubt die Überwachung durch unabhängige Organisationen wie die UNO oder die EU, OSZE oder was es da sonst noch für Organe gibt. Und schließlich werden noch all die lästigen juristischen Details geklärt wie die Rückgabe von enteigneten Immobilien, Rentenansprüche etc. etc.
Reparationen, Auslieferung von Kriegsverbrechern usw. sind davon unabhängig.
Nur noch eine Sache:
Eine einheitliche Ukraine, die nicht in West und Ost gespalten bleibt, ist in Anbetracht des ganzen Hasses und der gegenseitigen Verachtung, die sich seit dem Regierungsumsturz 2014 und dem darauf folgenden Bürgerkrieg, auf beiden Seiten aufgestaut hat, ohnehin für die nächsten Jahrzehnte utopisch.
Wie in so vielem hat Putin hier genau das Gegenteil von dem erreicht, was er eigentlich wollte. Ich habe den Eindruck (u.a. auch aus persönlichen Gesprächen mit Ukrainern aus Ost und West), dass das Land noch nie so geeint war wie jetzt. Das liegt unter anderem daran, dass die russische Armee, wenn auch aus rein geografischen Gründen, in erster Linie die russischsprachige Bevölkerung der Ukraine massakriert.