H.J. Fell schreibt:
"Eine Realisierung von 100 Prozent erneuerbaren Energien bis 2030 wäre durchaus möglich, wenn das Wachstumstempo ähnlich hoch wäre wie in anderen Technologiebereichen, insbesondere im Bereich der Digitalisierung, wo Technologien wie PCs, Mobilfunk und Smartphones die Weltmärkte in weniger als einem Jahrzehnt erobert haben."
Ich fang mal ganz hinten an: "...in weniger als einem Jahrzehnt" ist schlicht falsch. Es hat viel länger gedauert. Der Computer wurde in den 40er Jahren erfunden. Damals tat der IBM-Chef seine berühmte Aussage, es bestehe vielleicht Bedarf von 4-5 Computern weltweit. Es waren riesige Apparaturen, die extrem viel Energie verbrauchten und dazu noch höllisch fehleranfällig, unflexibel und wenig leistungsfähig waren. Das änderte sich in den 60er Jahren mit dem Wettrennen zum Mond. Dem Astronauten Edwin "Buzz" Aldrin, Spezialist für Rendezvous-Manöver, war aufgefallen, dass Andocken im Orbit ohne Computer ein gruselig schweres Unterfangen ist. Man nähert sich von hinten an, bremst ab - und gerät dadurch in eine engere Bahn um die Erde, flutscht also unter dem anderen Raumfahrzeug durch. Kurz gesagt, das Manöver ist kompliziert und erfordert Computerhilfe. Da bei dem Design einer Raumkapsel das Gewicht eine große Rolle spielt (das Verhältnis von Startgewicht zu Nutzlast ist ziemlich heftig), mussten "Microcomputer" her.
Nachdem der US-Steuerzahler die teure Grundlagenforschung finanziert hatte, gründeten sich in den 70ern die ersten Unternehmen, die mit der Technologie Geld verdienen wollten. Es geschah das, was im Kapitalismus immer geschieht, wenn eine neue Branche das Licht der Welt erblickt: Es wird investiert wie blöde, produziert, verkloppt und reinvestiert wie blöde, um die Rechenleistung von Prozessoren und die Kapazität von Speicherchips weiter zu erhöhen. Aus Konsumentensicht: Besser, neuer, schneller, weiter. Aus Sicht der Unternehmen: "Du musst so schnell rennen, wie du kannst, um am gleichen Fleck zu bleiben" (Alice im Wunderland). Kapitalismus ist ein reiner Verdrängungswettbewerb, bei dem am Ende ein paar große Player übrig bleiben.
1982 trug ich stolz meinen ersten Homecomputer nach Hause, der hatte 64 kB RAM und einen Kassettenspeicher. Seither habe ich die Entwicklung nicht hautnah, aber auch Sicht eines computerbegeisterten Anwenders miterlebt. Mein nächster Rechner hatte bereits üppige 1 MB RAM und einen ungleich schnelleren Prozessor, der darauf folgende hatte eine Festplatte mit sage und schreibe 48 MB Kapazität - wer wollte die eigentlich voll kriegen? Und es ging so weiter. Rasant, aber eben nicht im Zeitraum eines Jahrzehnts, sondern step by step, von den 70ern bis heute. Der Punkt ist: Herr Fell sitzt einer Fehlwahrnehmung auf, wenn er die beeindruckende IT-Entwicklung allein in dem engen Zeitrahmen vom ersten iPhone bis heute verortet. Diese Fehlwahrnehmung ist durchaus verbreitet, weil IT erst seit ihrer Versmartung so richtig massentauglich geworden ist und ein Großteil der Gesellschaft all die Faszination, die in der Technik steckt, in "komprimierter" Form, überspitzt formuliert: mit einem Schlage, erfahren hat. Das Smartphone fiel jedoch nicht vom Himmel.
Immerhin zeigt die IT-Entwicklung - auch wenn sie viel länger gedauert hat als viele glauben - dass Technik so gewaltige Fortschritte machen kann, dass sie ganze Gesellschaften umkrempelt. Doch was im IT-Bereich möglich war, gilt nicht automatisch auch für andere Gebiete. Auch beim allerbesten Willen und hohen Investitionen kann es gut und gerne sein, dass Technik zur Gewinnung und Speicherung(!) von Öko-Energie keine großen Sprünge mehr macht. Es gibt kein Recht auf technischen Fortschritt.
"Die Eroberung der Weltmärkte", die Fell als Steilvorlage für Umwelttechnologie sieht, ist ebenfalls äußerst problematisch. Die war ja nur im Immer-Mehr-System Kapitalismus möglich, und dieses System benötigt die ständige Zufuhr immer höherer Energiemengen. Mittlerweile ist IT ein bedeutender Posten des weltweiten Energieverbrauchs geworden - eigentlich so gar nicht Öko...