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Re: hinter dem Rücken und gegen den Willen

Makrovir schrieb am 13.02.2022 18:00:

Naja das mit dem "Fetisch" ist mir ein wenig zu abstrakt..

Wer die notwendigkeit von Waren philosophisch als "Fetisch" betrachtet der hat eindeutig "Wohlstandsneurosen".

Ich denke, da musst du wohl den Fetisch-Begriff von 1860 einsetzen und nicht den von heute. Und es geht dabei auch nicht um die "Notwendigkeit" von Waren, sondern um die Eigenart von Produkten menschlicher Arbeit, wenn sie als Waren gehandelt werden, jeden Bezug zu den Umständen ihrer Produktion verloren zu haben, was es dann schwierig macht, zu begreifen, wie die Warenökonomie überhaupt funktioniert und wie die Preise zustande kommen. Man darf dabei nicht vergessen, dass das "Kapital" als "Kritik der Nationalökonomie" eine Antwort auf die Werke der bürgerlichen Ökonomen ab Ricardo war, die besonders bei der Frage, wie denn der Mehrwert zustande kommt, ziemlich vage blieben. Marx illustriert diesen Ökonomen also mit dem "Fetischcharakter", warum sie solche Schwierigkeiten damit hatten, die Gesetzmässigkeiten der Wert- und Preisbildung voll zu durchschauen. Wobei deine Argumentation, dass nur die oberen 10% ihre Macht und ihren Reichtum vergrössern wollten, zeigt, dass du das eben auch nicht voll verstanden hast und noch viel zu "konkret" betrachtest. Die Wahrheit ist nämlich viel schlimmer: Die Reichen sind lediglich erfolgreich bei der Durchsetzung ihrer Interessen, alle anderen bemühen sich, unter den selben Spielregeln, die sie nicht kennen, ähnlichen Erfolg zu haben. Und weil sie die Spielregeln nicht begreifen, haben sie mancherlei unsinnige Einfälle dazu, wie denn der Menschheit abzuhelfen wäre, die alle nicht funktionieren können. "Waren" gibt es nur, weil es Reiche und Arme gibt. Solange die Menschen also "nur ausreichend Waren" haben wollen - weil sie eben nicht begreifen, was "Waren" eigentlich sind - wählen sie die eigene Versklavung auf Gegenseitigkeit.

Was die Basisdemokratie betrifft... nachdem ich mich nunmehr durch 15 Bände MEW einschliesslich der ersten zwei Bände des Kapital gequält habe, verstehe ich glaube ich so ungefähr den Ansatz von Marx und Engels bis ca. Mitte der 1850er und was sie an Proudhon und später Bakunin kritisierten. Es ging da nicht um demokratische Organisation, sondern darum, ob die Organisation der Gesellschaft vom Gestaltungswillen ihrer Insassen abhängt oder von den Produktionsverhältnissen. Als bekehrter Ex-Philosoph hatte Marx eine tiefe Abneigung gegen alle ideologischen Ansätze und bevorzugte eine nüchterne, brutale, schonungslose wissenschaftliche Sicht auf die Dinge - mal abgesehen von den eigenen blinden Flecken, natürlich. Zu einer ähnlichen Ansicht kam wohl auch Engels relativ früh. Wenn sie im kommunistischen Manifest von "Diktatur des Proletariats" redeten, dann bedeutete das die Diktatur einer Klasse gegenüber den anderen und nicht Diktatur eines Einzelnen über den Rest der Menschheit, sagt also nicht unbedingt etwas darüber aus, wie die Arbeiterklasse ihre Diktatur intern gestaltet, sondern lediglich, dass das Bürgertum dann nichts mehr zu entscheiden haben kann. Das ist so ungefähr wie mit der Lage der Arbeiterklasse unter der Diktatur des Bürgertums, wie wir sie zur Zeit erleben, die sich politisch in der Regel als Mehrparteien-Parlamentarismus konstituiert und eher nur in extremen Krisenzeiten als offen mörderisches totalitäres System.

Deshalb bin ich nunmehr in etwa zu folgender Meinung gekommen: Ein Anarchist, der Marx nicht begreift, ist genau so zum Scheitern verurteilt wie ein Marxist, der den Anarchismus aus dem Auge verliert. Man kann die Gesetzmässigkeiten der menschlichen Ökonomie nicht ignorieren, aber man kann das menschliche Bedürfnis nach einem selbstbestimmten Leben auch unter widrigen Umständen nicht einem höheren Ziel opfern wenn man irgendwann einmal eine bessere Gesellschaft haben will, die sich vom Kapitalismus emanzipiert. Dass der Kapitalismus irgendwan zusammenbrechen wird ergibt sich aus der Tatsache, dass unendliches Wachstum bei endlichen Ressourcen unmöglich ist. Der Kapitalismus wird aber nicht zwangsläufig durch etwas Besseres ersetzt werden, es kann immer noch schlimmer kommen. Die Aufgabe der Arbeiterklasse nach Marx besteht also darin, rechtzeitig die Voraussetzungen zu schaffen, um dann zum geeigneten Zeitpunkt dem Bürgertum die Herrschaft abzunehmen und die entwickelten Produktionsmethoden in ihnen angemessene gesellschaftliche Verhältnisse zu überführen, in denen es keine Klassen mehr gibt. Was der geeignete Zeitpunkt ist, und wie das genau zu bewerkstelligen sein wird, lässt sich im Voraus nicht genau sagen. Der naive anarchistische Ansatz, sich eine gerechte Wunschgesellschaft besser heute als morgen zurechtzuzimmern, ist deshalb zum Scheitern verurteilt, weil er die ökonomischen Gesetzmässigkeiten menschlicher Produktion ausser Acht lässt. Der leninistische Ansatz, eine brutal militarisierte Kommandogesellschaft zu errichten um den Kapitalismus durch ein Zwangskorsett auf dem richtigen Weg zu halten bis es soweit ist, ebenso. Deshalb ist es wichtig, den Satz vom Fetischcharakter der Ware zu verstehen. Das Problem ist eben genau so abstrakt, und wenn man es nur an seinen konkreten Phänomenen betrachtet, wird man daran scheitern, es zu lösen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (20.11.2022 13:11).

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  1. - Artur_B 38 Etwas merkwürdig
    1. kennie 20 in dem Artikel läuft einiges schief
      1. blu_frisbee -10 Re: hinter dem Rücken und gegen den Willen
        1. kennie -30 schöner Vortrag, den ich noch nicht kannte.
          1. PhilippNeri   Re: schöner Vortrag, den ich noch nicht kannte.
        2. Makrovir   Re: hinter dem Rücken und gegen den Willen
          1. pk   Re: hinter dem Rücken und gegen den Willen
      2. Makrovir   Re: in dem Artikel läuft einiges schief
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