Aus den Kommentaren, die ich bisher hier gelesen habe, spricht nicht die Motivation selbst zu gestalten, sondern die Motivation, Gestaltung zu verhindern.
Dies führt meiner Meinung nach zu einer Zementierung des Istzustandes, indem immer nur die Tagesprobleme behandelt werden. In diesem Sinne ist der Ansatz der neuen Regierung richtig, ein Ziel zu formulieren, das man erreichen will und dann die Lösung der Tagesprobleme immer mit Blick auf dieses Ziel vorantreibt.
Wenn ich solch ein Ziel formuliere, kommen folgende Begrifflichkeiten zur Anwendung: Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich will. Möglichkeit, zu diesem Zweck Informationen zu sammeln, Dinge zu beschaffen und Projekte zu verwirklichen, die dem übergeordneten Ziel dienlich sind. Gehe ich so vor, erreiche ich persönliches Wohlbefinden, das aber eventuell das Wohlbefinden anderer beeinträchtigt.
Im also mir unvermeidlich erscheinenden Konfliktfall muss es jemanden geben, der strukturelle Gewalt so ausübt, dass jeder Mensch die Chance erhält, sich entsprechend seiner Vorstellungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entfalten. Wie diese strukturelle Gewalt ausgeübt wird und in welchen Fällen, ist Übereinkunft in einer Gemeinschaft. Die kann eine religiöse Basis haben, wie zB der Islam ( die christlichen Kirchen haben den Anspruch auf Gestaltung größerer Räume aufgegeben und sich aus der Weltgestaltung verabschiedet). Die kann politischer Natur sein und findet in Ideologien die klarsten Konturen.
Konturen sind aber nunmal Grenzen. Grenzziehungen bedeuten immer Eingrenzung und Ausgrenzung. Was will man? Wen will man innerhalb der Gemeinschaft? Was und wen möchte man nicht?
Ist eine solche Gemeinschaft sehr erfolgreich, wird sie Menschen anziehen, die teilhaben wollen und anderen Gemeinschaften davonlaufen, diese verkleinern. Winner takes all, loser stands small. Sind sie extrem erfolgreich, werden sie übermütig und beginnen zu missionieren, ihr Erfolgsrezept zu verbreiten.
Was tun die 'loser'? Sie werden versuchen, der anderen Gemeinschaft beizutreten, in ihrem Sinne umzugestalten, oder sie zu zerstören.
Jetzt zu Europa: Wir haben Jahrhunderte der Krieges um Resourcen hinter uns und als Gemeinschaft bildende Basis so ziemlich alles erfunden und ausprobiert, was es gibt. Erst zwei Supermächte, die in ihren Hemisphären keine Auseinandersetzung unter Gemeinschaften religiöser undoder sprachlichkultureller Natur duldeten, ermöglichten lange Friedenszeiten. Sie übten die strukturelle Gewalt mittelbar und unmittelbar aus, von der ich oben sprach. Beide schwächeln, können die Rolle des Hegemon nur noch bedingt erfüllen, die Rollen des Friedensgaranten.
Nun müssen wir hier in Europa eine Antwort auf die Frage finden: Was tun, ohne Hegemon? Wir scheuen uns, die Antwort auszusprechen. Es war ja so bequem, nicht selber Gewalt ausüben zu müssen. Die im Artikel genannten Konflikte waren im geschichtlichen Vergleich lächerlich klein. Die unterschiedlichen Gemeinschaften in Jugoslawien wollten nicht mehr zusammen bleiben und die Serben wollten nicht den Weg für eine friedliche Sezession a la Tschechoslowakei freigeben. Das können wir mittlerweile, siehe Brexit.
Also, was brauchen wir? Eine Institution, die zu duldende strukturelle Gewalt für uns definiert und Institutionen, die sie durchsetzen. Wir haben alles, das Parlament, den Gerichtshof und eine Exekutive, die Kommission. Was uns fehlt ist eine definierte zweite Kammer. Die müssen wir schaffen. Leider wollen die Nationalstaaten nicht. Wir müssen sie per Verfassung festlegen und dann Europa neu gründen, indem wir die alte EU auflösen und der neuen beitreten. Niemand auf der Welt will das !! Es würde die stärkste Macht auf Erden hervorbringen. Daher arbeiten alle, aber auch alle daran, uns gespalten zu halten. Ich würde gerne wissen, wie viele 5. Kolonnen mit wie viel Geld daran 24/7 arbeiten. Auch hier im Forum, auch hier auf der Autorenebene von Telepolis.
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (19.01.2022 10:44).