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  • EvodurchKoop

132 Beiträge seit 09.10.2021

Gesundheit als Feld der Emanzipation im Kontext der Pandemie?

Der Widerspruch zwischen der in der Pandemie postulierten Gesundheit als „teuerstes Gut“ und der völligen Geringschätzung der zahlreichen Gesund¬heits¬schädigungen durch die kapitalistische Arbeits- und Lebenswelt im Alltag, wurde von Dillmann leider nicht aufgeklärt. Daher zwei Fragen:
Ist individuelle Gesundheit ein relevanter Ansatzpunkt für die Befreiung der Menschen aus den Zwängen der Lohnarbeit? Und welche Rolle spielen dabei die Maßnahmen und Auseinandersetzungen in der Pandemie?
Die erste Frage könnte Renate Dillmann wohl klar mit ja beantworten. Jedoch stellt ihre Beschreibung des Krankmachenden des Kapitalismus (Konsum, Lohnarbeit, Umwelt, Konkurrenz usf.) den entscheidenden Ansatzpunkt für ein freieres und dadurch auch gesünderes und erfüllteres Leben verkehrt dar:
Sie schreibt, dass Lohnarbeit krank macht, „weil sie dem Zweck dient, fremden Reichtum zu vermehren..“ Daher wäre die Lohnarbeit „rücksichtslos gegenüber den Bedürfnissen von Körper und Geist der Arbeitenden“ und „dauert sie allem technischen Fortschritt zum Trotz oft bis zur Erschöpfung und Verblödung ..“.
Das entspricht so weder der Realität noch relevanten Theorien. Zudem gibt es nicht wenige Selbständige, die bei der Arbeit für ihren Reichtum das gleiche Schicksal der Auspowerung, Überarbeitung und von Stress bis hin zur frühen Erkrankung erleiden. Entscheidend ist, dass die Lohnarbeit lebenslang, um des Erwerbs des Lebensnotwendigen willen, zu einer Arbeit zwingt, die nicht das Lebensnotwendige bietet, nämlich genügend Erholungs- und Freizeit und genügend Mittel zum Leben, zur Bildung, zur Entwicklung eines weiteren Horizonts und von eigenen Möglichkeiten zur besseren Lebensgestaltung. Das kann durch mehr Konsummittel nicht wettgemacht werden. Das Beschämende an der kapitalistischen, wie natürlich auch, sozialistischen Industrialisierung, war und ist, dass der Großteil der Bevölkerung seit 200 Jahren in ein Arbeitsregime eingepfercht ist, das die Menschen zu Quasi-Leibeigenen der Unternehmen und der gesellschaftlichen Sozialvorsorge macht, indem sie dazu gezwungen sind, für andere zu arbeiten, weil sie sich selbst keine und neuerdings sogar immer weniger finanzielle Ressourcen schaffen können, um in Beschäfti-gungs¬ver¬hältnisse mit mehr Spielraum wechseln zu können. Der entscheidende Ansatz für ein gesünderes Leben wäre als die Abschaffung der Lohnarbeit zugunsten einer wirklich selbstbestimmten Organisation des eigenen Lebens auf der Grundlage z.B. eines gesell-schaft¬lichen Grundeinkommens und eigener oder sozial geteilter Subsistenzmittel.
Ähnlich lassen sich auch die krankmachenden Beschädigungen der Umwelt nur vermeiden, wenn für eine ausreichende Reproduktion der Ökosysteme gesorgt wird, was die, auf kurzfristige Gewinne und brachiale Natureingriffe, spezialisierte Kapital-Logik ebenso verhindert, wie sie die erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft im Dienste der Menschen verhindert. Ohne diesen Konnex zur Ökologie, zu natürlichen Produkten, sauberem Wasser usf. lässt sich über individuelle Gesundheit wohl kaum diskutieren.
So irrt Dillmann wenn sie meint, dass „lebensbedrohende Infektionskrankheiten“ heute nicht mehr zum typischen Krankheitsbild der Industriegesellschaften gehören: Wie stehts um die Forschungen und Vorkehrungen zu multiresistenten Keimen, die in der Massentier¬haltung, infolge der prophylaktischen Gabe von Reserve-Antibiotika, förmlich gezüchtet werden? Desweiteren lebensgefährliche Keime aus der Tierhaltung in Produkten und im Grundwasser. Bereits hier scheint das private Gesundheitssystem total zu versagen, weil im Fallpauschalenmodell dergleichen Forschungen und Vorkehrungen nicht passen oder vorgesehen sind. Corona erscheint also durchaus nicht als Ausnahmefall, wie Dillmann meint, sondern von der gleichen Machart an Bedrohung, mit der ein auf profitable Heilungs- und Reparatur-Eingriffe spezialisiertes Gesundheitssystem im Prinzip nichts anfangen kann, weil man Kapazitäten vorhalten müsste, die nicht in die Verwertungslogik passen.
Ferner irrt die Autorin wenn sie den medizinischen Fortschritt ausschließlich im Gegensatz sieht zum Wissen der früheren Generationen, wie z.B. zur Naturheilkunde und zur ganzheitlichen Sicht auch des menschlichen Organismus, die im Zuge der analytischen Ausrichtung verloren gingen und heute immer mehr zum Schlüssel erfolgreicher Behandlung komplexer Erkrankungen werden. Wie auch soll „Gesundheit“ für die Menschen eine Größe und ein Wert im Alltag werden, wenn sie ihr Befinden nicht im Zusammenhang sehen können zu dem was sie Essen, wie sie sich bewegen und was sie sonst noch tun? Die „Unanstastbarkeit der Würde des Menschen“ und „Unverletztlichkeit der Person“ sind nicht umsonst vorrangige Artikel im Grundgesetz, noch vor der „Gleichheit vor dem Gesetz“.
Natürlich können die oben genannten gesellschaftlichen Veränderungen nur gemeinschaftlich und unter Zurückdrängung des dominanten Einflusses bestimmter Interessengruppen auf die Gesellschaft, das heißt auf Politik und Staat erreicht werden.
Dieser Einfluss wäre von Dillmann bezüglich der zweiten Frage zu thematisieren gewesen, welche „Rechnungen und Zwänge“ in der Pandemie als „natürlich/schicksalhaft“ hinzuneh-men oder als kapitalistisch funktional/gemacht und daher zurückzuweisen und zu über¬win-den wären.
Die durch die Politik bzw. das RKI jüngst erfolgte rigorose Verkürzung des Genesenenstatus auf 3 Monate zeigt in Anbetracht der Datenlage, die klar für einen Immunschutz von wenigstens 1 Jahr spricht, nicht nur Schwierigkeiten der Politik mit wissenschaftlich evidenten Realitäten, die gegen ihre Pläne sprechen, sondern auch, dass die Politik sich mehr und mehr auf dem Weg zu einer Gesundheitsvorsorge befindet, die das persönliche Immunsystem und persönliche Gesundheitsanstrengungen gering und die Abhängig-machung von Pharmazie über alles schätzt. Dies erscheint mir wie eine Verallgemeinerung der chemieintensiven Landwirtschaft mit Kunstdünger und Pestiziden auf den Feldern und prophylaktischen Antibiotikagaben in den Ställen nun auch auf die Bewirtschaftung der menschlichen Körper. Dillmann hat sich um die Antwort auf ihre Schlussfrage herumge-drückt. Ich meine, dass die Pandemie selbst sowie auch die Impfkampagne wenig mit natürlich/schicksalhaft zu tun hat, sondern sehr viel mehr mit kapitalistisch funktio-nal/gemacht. Wie allerdings die Eindämmung dieses neuen, bisher nicht gekannten Zugriffs der Gesellschaft auf den Einzelnen oder gar eine Emanzipation von solchen Zugriffen überhaupt, auf dem Wege der Verteidigung der Gesundheit und des Recht darauf als Besitz des Einzelnen, aussehen könnte, bleibt als sehr drängende Frage einstweilen im Raume stehen.

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