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  • kemmerich

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"Dekarbonisierung"

Der Begriff ist verfehlt. Er impliziert, dass es sich beim Abschied von fossilen Brennstoffen um einen Vorgang handelt wie damals beim FCKW. Da hatte man festgestellt, dass FCKW die äußerst wichtige Ozonschicht schädigt. Die Lösung: Ein Ersatzstoff musste her, und der war auch schnell gefunden. Spraydosen wurden dann eben mit dem alternativen Treibmittel befüllt, und Kühlschränke auch. Problem gelöst.

Energie ist, anders als Treib- und Kühlmittel, zentral für eine kapitalistische Volkswirtschaft. Investitionen in Forschung & Technik - der Kern des Kapitalismus - lohnen sich nur, wenn die schicken neuen Maschinen (bzw. Technologien wie KI) auch 24/7 betreiben lassen, und das möglichst billig. Ohne Energie sind die Dinger nichts als totes Kapital. Nun ist erneuerbare Energie jedoch nicht billig (nach dem Motto: "Wind und Sonne schicken keine Rechnung"), sondern arschteuer.

Der größte Knackpunkt ist dabei die Erfordernis, hohe Energiemengen rund um die Uhr zur Verfügung stellen zu müssen - wenn's mit der Wachstumökonomie so weitergehen soll. Wenn nur noch je nach Energieangebot produziert und Mobilität stattfinden kann, geht hier alles sowas von den Bach runter. Also müssen neben einer absurden Anzahl von Windrädern (Solar kann man in Deutschland fast schon vergessen, Wasserkraft und Geothermie erst recht) auch Speicherwerke errichtet werden. Teuer allein schon deshalb, weil sie die meiste Zeit nur rumstehen, aber eben trotzdem in hoher Zahl vorhanden sein müssen. Außerdem sind die vorhandenen technischen Möglichkeiten recht bescheiden: Akkus können nur kurzzeitig überbrücken, die Umwandlung in Wasserstoff ist mit schmerzhaften Verlusten verbunden, die durch noch viel mehr Solar und Windkraft ausgeglichen werden müssen. Ökologisch notwendig, keine Frage, aber eben ungleich unwirtschaftlicher als fossile Energie.

Daher ist es Unsinn, von "Dekarbonisierung" zu sprechen. Vielmehr müssen wir "Dekapitalisieren", also ein anderes Wirtschaftssystem an den Start kriegen. Eines, das auf Suffizienz basiert und mit erneuerbarer Energie rund läuft. Nach der Devise: "Weniger ist mehr".

Wählt bloß keiner.

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  • Avatar von Hagjo1
    • Hagjo1

    mehr als 1000 Beiträge seit 11.11.2021

    Antwort auf "Dekarbonisierung" von kemmerich.

    kemmerich schrieb am 26.09.2024 20:51:

    Eines, das auf Suffizienz basiert und mit erneuerbarer Energie rund läuft. Nach der Devise: "Weniger ist mehr".

    Sehe ich genauso... ...aber da sehe ich einen Denkfehler!
    In "eine suffizienzbasierende Energieinfrastruktur, die mit erneuerbarer Energie rund läuft" muss erst mal mächtig investiert werden.
    Wir haben aktuell weder die eE-Energieerzeuger, noch die dafür nötigen Netze oder Speicherlösungen am Start! Die werden erst noch ausgebaut und dieser Übergang kostet allen Beteiligten richtig Geld.
    Wofür?
    Für die Zukunft!
    Denn wer zuerst "eine suffizienzbasierende Energieinfrastruktur, die mit erneuerbarer Energie rund läuft" aufgebaut hat, ist auch der Erste der diesen Wettbewerbsvorteil nutzen kann.
    Aber wer denkt schon an die Zukunft angesichts seines "unerträglichen Leid`s" in der Gegenwart...
    ...außer die Planwirtschaft in China!

    Ach ja , und dann war da auch noch das Thema Klimawandel vs. des unsäglichen Leid`s des wohlstandsverwöhnten Häuslebesitzers angesichts der Tatsache, dass er sein schmuckes Häuschen nicht mehr gegen Elementarschäden versichern kann...
    ...aber das gehört hier wohl nicht hin, oder?

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  • Avatar von andimar
    • andimar

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.06.2004

    Antwort auf "Dekarbonisierung" von kemmerich.

    > Energie ist, anders als Treib- und Kühlmittel, zentral für eine kapitalistische Volkswirtschaft.

    Ebenso für nicht-kapitalistische.

    > Investitionen in Forschung & Technik - der Kern des Kapitalismus

    was ist "Kern"? Die Investitionen oder Forschung und Technik?

    > - lohnen sich nur, wenn die schicken neuen Maschinen (bzw. Technologien wie KI) auch 24/7 betreiben lassen, und das möglichst billig.

    Warum? Genug Maschinen lohnen sich auch wenn dies nicht zutrifft.

    > Ohne Energie sind die Dinger nichts als totes Kapital.

    Die meisten.

    Das alles sind aber Punkte, die auch außerhalb des Kapitalismus gelten.

    > Vielmehr müssen wir "Dekapitalisieren", also ein anderes Wirtschaftssystem an den Start kriegen. Eines, das auf Suffizienz basiert und mit erneuerbarer Energie rund läuft. Nach der Devise: "Weniger ist mehr".

    Kann man anstreben. Es wird aber immer Teilbereiche geben, wo dies eben hohen Aufwand erfordert, weil z.B. die Physik die Vorgaben macht.

    Will ich einen Hochofen betreiben, kann ich das mit Wasserstoff machen. Das erlaubt dank Speicherbarkeit durchgängigen Betrieb, der nunmal erforderlich ist.
    Damit gehen aber hohe Umwandlungsverluste einher. Geht aber kaum anders, egal, wie das Wirtschaftssystem aussehen mag.

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  • Avatar von kemmerich
    • kemmerich

    mehr als 1000 Beiträge seit 11.02.2020

    Antwort auf Re: "Dekarbonisierung" von andimar.

    andimar schrieb am 26.09.2024 23:54:

    > Energie ist, anders als Treib- und Kühlmittel, zentral für eine kapitalistische Volkswirtschaft.

    Ebenso für nicht-kapitalistische.

    Der entscheidende Unterschied ist, dass Kapitalismus nicht nur Wachstum erzeugt, sondern auch Wachstum benötigt - sonst droht der Zusammenbruch der Wirtschaft. Bleibt das Wachstum über einen längeren Zeitraum aus und besteht keine Aussicht auf Rückkehr des Wachstums, setzt eine Abwärtsspirale ein, die ins Bodenlose führt. Sowas möchte niemand erleben; es wäre wie 1929, nur schlimmer.

    In Anlehnung an des berühmte Wort von der "unsichtbaren Hand des Marktes" würde ich von der "unsichtbaren Hand des Kapitalismus" sprechen, die uns dazu verleitet, immer wieder neuen Plunder anzuschaffen und "Shopping" nicht nur zum Zwecke der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung zu betreiben, sondern als sinnstiftende Freizeitaktivität aufzufassen: Wohnst du noch oder lebst du schon? Wir konsumieren uns aber nicht nur deshalb zu Tode, weil es so schrecklich viel Spaß macht - tatsächlich ist die Freude am neuen Smartphone erstaunlich schnell verflogen - sondern um das System zu stützen. Es gibt sie tatsächlich, die "Wachstumsmühle" mit all ihren niedlichen Ausprägungen wie z.B. "Konsumzirkus", "Werbeterror", Müllbergen und Umweltvergewaltigung.

    Es stimmt natürlich: Auch für eine ökologisch orientierte Suffizienzwirtschaft wäre Energie wichtig. Ein niederigeres Niveau und von Zeit zu Zeit auftretende Engpässe würden ein statisches System aber nicht destabilisieren, that's the difference.

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  • Avatar von Cinclus
    • Cinclus

    mehr als 1000 Beiträge seit 01.03.2001

    Antwort auf Re: "Dekarbonisierung" von andimar.

    andimar schrieb am 26.09.2024 23:54:

    [...]

    Will ich einen Hochofen betreiben, kann ich das mit Wasserstoff machen. Das erlaubt dank Speicherbarkeit durchgängigen Betrieb, der nunmal erforderlich ist.
    Damit gehen aber hohe Umwandlungsverluste einher. Geht aber kaum anders, egal, wie das Wirtschaftssystem aussehen mag.

    Beim Hochofen sind 80% der eingesetzten Energie (Koks) für die Aufheizung erforderlich, nur 20% gehen tatsächlich in die Reduktion des Eisenerzes.
    Mit Wasserstoff braucht man keinen Hochofen, ein Drehrohrofen wie bei der Zementherstellung genügt. Mit Wasserstoff kann man das Eisenerz nämlich in der festen Phase reduzieren, man muss es nicht aufschmelzen wie im Hochofen. Das läuft bei wesentlich niedrigeren Temperaturen ab.
    Und man kann das Eisenerz ebenfalls mit Ammoniak (statt reinem Wasserstoff) reduzieren.
    Nähere Infos: https://www.youtube.com/watch?v=o7w2nrEXPFs

    cu
    Cinclus

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  • Avatar von Cinclus
    • Cinclus

    mehr als 1000 Beiträge seit 01.03.2001

    Re: "Dekarbonisierung" - Ergänzung

    Antwort auf Re: "Dekarbonisierung" von andimar.

    https://www.mpie.de/4868716/ammonia-green-steel

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  • Avatar von andimar
    • andimar

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.06.2004

    Antwort auf Re: "Dekarbonisierung" von Cinclus.

    Es ging mir weniger um den Energiebedarf insgesamt sonden um die Kontinuität.
    Wenn ein Hochofen ungeplant erkaltet wird er meist unbrauchbar oder läßt
    sich nur mit immensem Aufwand wieder in Gang bringen.

    Daher meinte ich, daß solche Prozesse prinzipiell Energielieferanten benötigen, die innerhalb bestimmter Grenzen durchgängig zur Verfügung stehen.

    Chemische Energieträger wie H2, Methan, Koks etc. bieten dies.
    Dafür muß man eben deren Nachteile in Kauf nehmen.

    Zur Reduktion im Festzustand:
    Wenn der Stahl dann verarbeitet werden soll, muß er dennoch meist noch einmal eingeschmolzen werden, das reduziert die Ersparnis erheblich.

    Was ich nicht beurteilen kann:
    Bei Verwendung von Kohlenstoff zur Reduktion von Erz muß ich dessen Anteil im Stahl gegen Ende reduzieren, zB durch gesteuertes Einblasen von Sauerstoff.

    Was muß bei Reduktion mit H2 oder Ammoniak getan werden - verbleibt ein kritischer Anteil Wasserstoff im Stahl, der noch entfernt werden muß?

    Stickstoff im Stahl ist auch schlecht - wie viel Aufwand ist es, den bei Verwendung von Ammoniak als Reduktionsmittle auf tolerierbare Konzentrationen im Stahl zu bringen?

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