Wenn sich eine Gesellschaft in Zerfall befindet, weil die ökonomischen und ideelen Grundlagen erodiert sind, fangen die Ertrinkenden an, sich gegenseitig unter Wasser zu drücken.
Da wird nicht mehr diskutiert, sondern jeder versucht am Leben zu bleiben. Fairness kann nicht mehr erwartet werden!
Irgend eine Art von Cancel-Culture gab es wahrscheinlich schon immer. Jetzt, wo der Wohlstands-Output unseres Handelns immer schmaler wird, und , wer sich mächtigt fühlt, immer härter um das zu Verteilende kämpft, wird sichtbar wie brutal und drastisch die Situation ist.
Der Autor beschreibt sehr verständlich, das das canceln eine wichtige Funktion hat, und gesellschaftlich benötigt wird. In den letzten 50 Jahren haben sich humanistische Geister, Künstler und Intellektuelle, auch sogenannte "linke" Politiker darunter, in unserer sozioökonomischen Speckschicht ein sehr beschauliches Leben eingerichtet.
Wahrer Widerspruchsgeist kann erst wieder zum Vorschein kommen und wirkmächtig werden, wenn es ums Überleben geht. 39 kam die Gestapo nachts, und hat dich abgeholt, heute ist die Androhung des Jobverlustes ausreichend um alle auf Linie zu bringen.
Wer geht bei Regen schon auf ne Demo( abgesehen davon, das ich die Protestform des immer gleichen Versammelns in einer Hauptstadt, wo's keinen kümmert für überlebt und wirkungslos halte, ausser wenn die Mächtigen tatsächlich vor der gewaltsamen Entfernung aus dem Amt Angst haben müssten).
Alle Autoren, Musiker, Wissenschaftler und Journalisten, die gecancelt wurden in den letzten Jahren haben vielleicht ihre Wärmestube der ökonomischen Sicherheit eingebüßt, aber die Wahrnehmung ihrer Arbeit, ihrer Profession, ihres Themas ist angewachsen.
Lasst sie ruhig canceln, in Wirklichkeit fetten sie nur den Mechanismus ihrer persönlichen Guillotine