Ich bezweifle, dass wir uns das wirklich noch so aus der Zuschauerperspektive betrachten können. Welche Motive Putin antreiben ist eine interessante, aber letztlich nicht entscheidende Frage, wenn die Städte in den Nachrichten plötzlich nicht mehr Mariupol oder Lyssytschansk sondern Rostock oder Cottbus heißen. Für die Amerikaner ist das eine genauso weit weg wie das andere.
Wir müssen damit rechnen, dass wir über kurz oder lang selber kämpfen oder uns unterwerfen müssen. Haben wir dazu als Gesellschaft eine klare Haltung? Sind wir nicht in Jahrzehnten längst zu fett und zu bequem geworden und nehmen Wohlstand, Frieden und Freiheit als etwas uns selbstverständlich Zustehendes wahr? Etwas was wir qua Geburt lebenslang gebucht haben und durch unsere Dienstleister erledigen lassen? Was macht uns so sicher, dass bei uns niemals das geschehen kann, was jetzt in der Ukraine passiert? Ich befürchte, wir würden einer russischen Invasion eher mit Klagen vor dem Verwaltungsgericht beizukommen versuchen als eine Waffe in die Hand zu nehmen.
Wie geht es weiter, wenn die Ukraine zusammenbricht und komplett an Russland fällt? Wieso erwarten wir stillschweigend, dass die Amerikaner, an denen wir ansonsten kein gutes Haar lassen, uns schon raushauen werden? Was wenn in zwei Jahren Trump wieder ans Ruder kommt und mit den Russen auf Kosten Deutschlands einen "Deal" aushandelt? Die USA könnten Europa komplett aufgeben und wären noch immer eine Weltmacht. Europa kann sich hingegen ohne die USA nicht verteidigen, von den Atommächten Frankreich und UK einmal abgesehen.