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  • DJ Holzbank

mehr als 1000 Beiträge seit 03.09.2011

Nochmal zu Butscha, zumal die beiden Autoren ...

... die Sache ja selbst im Artikel erneut angesprochen haben UND überdies per Analogieschluss auf den Tschetschenienkrieg begründet haben, weshalb es nur die Russen gewesen sein können.

Ausgerechnet ein Ausschnitt aus einer Reportage des US-Einflussvehikels Radio Liberty/Radio Svoboda vom 3. April sollte den Autoren aber zu denken geben.
Dort wurde nämlich - ausnahmsweise - auch ein Anwohner der Jablonska-Straße interviewt, also ein Anwohner der Straße, deren Bilder mit den quer über den Fahrweg verteilten Toten für die ursprünglichen Schlagzeilen sorgten. Der Mann, der sei Gesicht nicht zeigen mochte, erklärte, am 5. März sei ein "Sniper", also vermutlich eher einfach ein Schütze denn ein Scharfschütze, aufgetaucht und habe gegen Beginn der Sperrstunde (! "Kommendantskij Tschas") auf jeden geschossen, der auf der Straße war. So seien die Toten der Jablonka-Straße zu erklären, sein Schwiegersohn sei mit seiner braunen Jacke auch unter den Toten und er selbst habe sich anschließend nicht mehr auf die Straße gewagt.
Nachfragen des Interviewers, um wessen "Sniper" es sich gehandelt habe, überging der Mann.
Hier der Ausschnitt (bei Minute 2:25 sieht man den Augenzeugen auch im Hintergrund vor seinem Haus stehen):
> http://www.youtube.com/watch?v=hSbRAKykGIg&t=1m41s

Gut, aber es handelte sich natürlich um einen russischen Schützen, oder?
Naja, die m.E. größte Mystifikation im Zusammenhang mit Butscha besteht eben darin, dass von Kiew und der versammelten Westpresse so getan wird, als seien die Russen irgendwann Ende Februar/ Anfang März quasi kampflos in die Kleinstadt einmarschiert, hätten sich anschließend dort über Wochen an der Zivilbevölkerung ausgetobt und seien letzten Endes am 30. März wieder abgezogen.

Tatsächlich aber war Butscha umkämpft und wechselte im Februar/März mehrfach den Besitzer.
Soweit ich bisher eruieren konnte marschierten die russischen Truppen am 27. Februar erstmals in die Kleinstadt ein, siehe Video:
> https://www.youtube.com/watch?v=shpLGWbclRU

Diese Kolonne wurde noch am selben Tag auf der Hauptstraße von Butscha, der Bahnhofstraße (Voksalna Ul.), von den Ukrainern größtenteils vernichtet, dem Augenschein und den Zerstörungen an den benachbarten Häusern nach zu urteilen durch einen Artillerieangriff:
> https://www.youtube.com/watch?v=k-pBMdUWhws

(Man beachte, dass der filmende und die Russen verfluchende ältere Herr am Ende der Aufnahme auf zwei russische Soldaten trifft, die ihn freundlich darauf hinweisen, dass er das Filmen einstellen soll.)

Hier ein weiteres Video von der am 27.2. in Butscha zerstörten russ. Militärtechnik, in einer anderen Gegend der Kleinstadt:
> https://www.youtube.com/watch?v=GjxGcMOOlvk

Und weiter?

Am 28. Februar filmte Radio Svoboda die Situation in Butscha. Der Ort war zu dem Zeitpunkt also offenbar in ukrainischer Hand.
> https://www.youtube.com/watch?v=toEarNlWT_w

Am 3. März vermeldet die "Ukrainskaja Pravda", dass die russischen Truppen unter Kämpfen aus Butscha herausgedrängt werden?!
> https://www.pravda.com.ua/rus/news/2022/03/3/7327818/

Die ukrainische Publikation "Telegraf" behauptet am selben Tag (3. März), dass die ukrainischen Truppen am Rathaus die ukrainische Flagge gehisst hätten und liefert ein Foto dazu:
> https://telegraf.com.ua/ukraina/2022-03-03/5698195-eshche-odin-ukrainskiy-gorod-osvobozhden-ot-rossiyskikh-natsistov-video

Und die ukrainischen Publikationen werden doch nicht lügen, oder?

Aber dennoch lesen wir bei Human Right Watch:
"On March 4, Russian forces summarily executed a man in Bucha ("summarily executed a man" ist natürlich eine eigenartige Formulierung DJ H.), 30 kilometers northwest of Kyiv, and threatened to execute four others, said a teacher who witnessed the killing. She said she heard shooting at about 7 a.m. and saw three Russian armored vehicles and four Kamaz [Russian brand] trucks driving down her street. She was sheltering in the cellar with her two dogs when she heard glass breaking, and then her front door being broken down. Voices outside said [in Russian]: “Come outside right now or we will throw a grenade.”
> https://www.hrw.org/news/2022/04/03/ukraine-apparent-war-crimes-russia-controlled-areas

Ja, waren die Russen denn nun zu diesem Zeitpunkt in Butscha? Konnten also die tapferen Ukrainer die wiedereroberte Kleinstadt nur für einen Tag halten?
Ich habe jedenfalls nicht herausfinden können, zu welchem Zeitpunkt die russischen Truppen Butscha zum zweiten (oder gar zum dritten) Mal erobern konnten.

Abschließend noch zum Umgang mit der von dem ersten Zeugen erwähnten Sperrstunde ("Kommendantskij Tschas"):
Ein Ukrainer aus dem damals von Ukrainern kontrollierten Irpen, der unmittelbaren Nachbarstadt von Butscha, wußte dazu am 27.2. in einem in seinem Keller aufgenommenen Video folgendes zu berichten:
"Auf die Straße zu gehen ist zur Zeit verboten. Jetzt ist Sperrstunde. Jeder Passant kann für einen Diversanten gehalten werden und im Prinzip wurde uns angekündigt, dass ohne Vorwarnung geschossen wird. Deswegen sitzen wir in Irpen jetzt alle zu Hause und auf der Straße sind ausschließlich Soldaten."
> http://www.youtube.com/watch?v=O7CbJNLTqeE&t=1m17s

Wie die russischen Truppen die Sperrstunde handhaben oder ob es bei denen überhaupt eine gibt konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Und angenommen, die russ. Truppen würden die Sperrstunde "auf ukrainische Art" handhaben - wär's dann dennoch ein Massaker an der Zivilbevölkerung?

Also, als so verworren und uneindeutig erweisen sich bei näherem Hinschauen die Umstände des "Massakers von Butscha", wenn man mal ein wenig nachbohrt, anstatt einfach gar keine Fragen zu stellen, wie Adler und Gulka.

P.S.
"Kadyrow wurde in der russischen Armee in einen hohen militärischen Rang im Generalstab befördert." (Adler, Gulka)

Nö, Kadyrow wurde nicht in den Generalstab befördert. Kadyrow ist laut Wikipedia seit 2003 Generalmajor und vor einigen Tagen zum Generalleutnant befördert worden. Mit dem Generalstab hat das nichts zu tun.

""Die oppositionelle Zeitung "Nowaja Gazeta" bezeichnete die damaligen Ereignisse in Tschetschenien als einen Krieg, der "Putin und Kadyrow an die Macht brachte und die Demokratie zerstörte"." (Adler, Gulka)

Nach dem Oktober 1993, als Jelzin das russische Parlament wegen einer Meinungsverschiedenheit aus Panzern beschießen ließ und dabei über 1000 Menschen abschlachtete, herrschte also noch "Demokratie"?
Gut zu wissen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (08.04.2022 23:37).

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