Es ist problematisch Putins Blut-und-Boden-Ideologie, hängengeblieben in einer verschrobenen historischen Zarenzeitinterpretation, auszublenden und auf einer rein rationalen Clausewitz-Position zu verharren. Putin sagte, es ginge ihm um die Vereinigung der völkisch gleichen Staaten Ukraine, Belarus und Russland. Diese Ideologie steht konträr zur Annahme, es ginge Moskau um Sicherheit. Denn ein solcher völkische Staatswille ist imperialistisch. Und es wäre nicht der erste Fall in der Geschichte, in der Imperialismus höher bewertet wurde als die Sicherheit.
Mir kommt das Narrativ eh spanisch vor, dass Moskau dächte, die Invasionsziele wären binnen einer Woche erreicht und sie hatten nie einen Plan B gehabt. Nicht sehr Clausewitz und militärerfahren, scheint mir. Jetzt wird erklärt, dass dieser erhebliche Realitätsverlust aus einer Diktatorenfalle sich ergäbe, weil der Despot mit seinem kleinen Kreis Vertrauter von der Realität isoliert Entscheidungen treffen, die einer gewissen hierarchischen Gruppendynamik geschuldet sind. Auch dieses Narrativ folgt der Prämisse, dass die von Moskau geäußerten Interessen in Bezug auf NATO und Donbass wahr wären oder höchste Priorität hätten. Ich denke aber, es kann nur eins von den zwei Interessen wahr sein: entweder umfasst das russische Reich Belarus und die Ukraine (samt panslawistischen Anspruch auf Dominanz aller Osteuropäer), oder es geht Moskau darum, mit dem Westen zu einem Interessenausgleich zu kommen, der die Anerkennung der Krim als Teil Russlands, der belarussischen und ukrainischen Regierung beinhaltet. Letzteres wäre notwendig, um zu stabilen und friedlichen Zeiten zurückzukehren, also die russischen Interessen hinsichtlich Sicherheit zu verwirklichen, von denen so viele meinen, sie seien die oberste russische Staatsräson. Und wenn sie das nicht ist, sondern der Panslawismus?