Wer Macht über andere Menschen ausüben kann, ohne nennenswerte Gegenwehr fürchten zu müssen, wähnt sich selbst als mächtig. Doch was hat es mit diesem Machtgefühl auf sich?
Macht über andere Menschen anzustreben ist Ausdruck eines weit verbreiteten psychischen Defizits. Der vermeintlich Mächtige oder nach Macht strebende Mensch hat im Grunde Angst vor seinen Mitmenschen, weshalb in ihm das Bedürfnis entsteht, sie kontrollieren zu wollen. Diese Angst kommt daher, daß man diesem Menschen in seiner Kindheit und Jugend nicht erlaubt hat, sich so zu entwickeln und zu entfalten, wie es seiner Natur entsprochen hätte. Er mußte so werden, wie seine Eltern, wie die Gesellschaft ihn haben wollten. Auf der Strecke bleiben dann wichtige Fähigkeiten wie z.B. jene, die es dem Menschen ermöglicht, sich in seine Mitmenschen einzufühlen und so die generelle Angst vor anderen erst gar nicht entstehen läßt (Empathiefähigkeit).
Als Demonstration der eigenen Stärke und Überlegenheit ist das Streben nach einer so verstandenen Autonomie jedoch ein Kind unserer modernen Leistungsgesellschaft – und ein folgenreiches Mißverständnis. Denn wirkliche Autonomie ist, wie der Psychoanalytiker Arno Gruen in diesem Buch überzeugend darlegt, der Zustand, in welchem der Mensch sich in voller Übereinstimmung mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen befindet. Gerade aber durch das herrschende Erfolgs- und Leistungsdenken ist vielen der Zugang zu ihrem Selbst versperrt: Die durch den Erziehungsdruck eingeleitete Anpassung läßt Lebendigkeit, Kreativität und Liebesfähigkeit verkümmern. Dieser Verlust erzeugt Abhängigkeit und Unterwerfung. Arno Gruen analysiert die menschlichen Entwicklungsstufen und Lebenssituationen, innerhalb derer Autonomie blockiert wird. So zeigt er unter anderem, wie die Unterdrückung der Frau oder die seelische Verarmung des Mannes als Folge mangelnder Autonomie Ausdruck einer Grundstörung sind.
Arno Gruen: Verrat am Selbst – Die Angst vor der Autonomie bei Mann und Frau (1)
Wer Macht über andere Menschen ausübt, gewöhnt sich daran sehr schnell, vor allem als Regulationsmöglichkeit der eigenen Ängste. Menschen mit Macht über andere möchten daher diese Macht nur äußerst ungern wieder hergeben. Gewöhnlich trachten sie danach, ihre Machtposition einerseits zu festigen, andererseits weiter auszubauen, um so noch mehr Macht über andere zu erreichen. Diesen Mechanismus findet man nicht nur in großen und kleinen Firmen, sondern auch in der Schule, in der Familie, in Vereinen, aber auch in Behörden und somit beim Staat.
Gerade beim Staat scheinen die Angebote des Systems an Machtpositionen schier unerschöpflich. Die Regierungen mögen wechseln, der Staatsapparat wird weiterhin von denselben Leuten geführt und befeuert. Wie oft hat man sich schon über stures Verhalten von Beamten oder anderen Behördenmitgliedern geärgert und nicht verstanden, wieso die häufig so offenbar unmenschlich agieren. Das hängt mit der Verlockung der Machtausübung zusammen: Einem anderen Menschen die eigene Macht zu demonstrieren erzeugt ein Gefühl der Überlegenheit, das in der Lage ist, aufkommende Ängste in Schach zu halten. Wer das regelmäßig bzw. tagtäglich tun kann, der vergißt seine eigenen Ängste, weil er sich immer unangreifbarer fühlt.
Unser ganzes Gesellschaftssystem ist im Grunde danach aufgebaut, daß auf der Hühnerleiter nach unten getreten und nach oben gebuckelt wird. Nach oben muß man sich als Machtmensch nur wenigen noch Mächtigeren unterwerfen, nach unten finden sich immer weitaus zahlreichere Möglichkeiten, zu treten.
Wie wir aus anderen militarisierten Gesellschaften wissen, reicht die Gewalt bis in die Familien und die Kindererziehung und übt damit einen fatalen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung aus. Erhellend ist in diesem Zusammenhang die Empörung der Spanier darüber, dass die amerikanischen Ersteinwohner sich weigerten, ihre Kinder zu schlagen. Die Jesuiten etwa bemühten sich beharrlich, Indigene dazu zu zwingen, ihre Kinder öffentlich zu züchtigen. Die Spanier brachten also eine Kultur der Gewalt mit, die auf verschiedenen Ebenen verankert war: in der ökonomischen und politischen Struktur ebenso wie in den familiären Prägungen.
Fabian Scheidler: Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation (2)
Ich habe diese Zusammenhänge schon vielfach hier in Kommentaren dargestellt. (3) Das wird nicht gerne gesehen und gelesen, weil meine Ausführungen häufig sehr unangenehme Gefühle aufkommen lassen, die in unserer Gesellschaft gewöhnlich nicht nur verdrängt werden, sondern sehr früh regelrecht abgespalten werden mußten. Die Abspaltung ist im Vergleich zur Verdrängung ein gewissermaßen totaler Vorgang, weil die abgespaltenen Selbstanteile unter Todesangst für immer ins Unterbewußte verbannt werden und sich nur selten als unangenehme »Bauchgefühle« bemerkbar machen, wenn sie durch Signale von außen getriggert werden. Im letzten Fall wird dann häufig die mit dem Triggern verbundene Angst auf den Auslöser projiziert und dieser für die eigenen unangenehmen Gefühle verantwortlich gemacht: »Du bist schuld, daß es mir gerade nicht gut geht!«
Doch zurück zum Staat und seiner Machtmaschinerie: Ich war selbst gut 15 Jahre im Öffentlichen Dienst und habe erlebt, wie man als nicht vollständig unterworfener Mitarbeiter behandelt wird. Ich bin durch jahrelanges und zunehmendes Mobbing physisch erkrankt (Rücken) und leide nach fast 20 Jahren noch heute unter den Folgen. Auch ich mußte ein Dokument unterzeichnen, das mich zum Stillschweigen über interne Abläufe und Ereignisse verpflichtet. Zudem wußte ich damals noch nichts über all das, womit ich mich seither befasse, nicht einmal, daß ich Mobbing ausgesetzt war.
(1) https://www.pdfdrive.com/verrat-am-selbst-e54487287.html
(2) https://www.pdfdrive.com/fabian-scheidler-e45076891.html
(3) Begrifflichkeiten sind nicht faktisch
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