Michael Müller schrieb am 10.08.2021 15:06:
KatiH schrieb am 10.08.2021 09:33:
Michael Müller schrieb am 09.08.2021 12:26:
Der erwähnte Fall des früheren Diplomaten Craig Murray ist vom Skandalfaktor her fast mit dem Fall Assange zu vergleichen. Hier erfolgte die Verurteilung mit hanebüchener juristischer Begründung.
Das halte ich für eine haltlose Schutzbehauptung. Das Urteil ist von mehreren Gerichten überprüft worden. Okay, für einen Hardcore-Verschwörungsgläubigen ist das natürlich kein Problem, der gesamten britischen Justiz zu unterstellen, sie würde willenlos den Anweisungen irgendwelcher "Machteliten" folgen.
Der (wie üblich faktenfrei benutzte, rein dem Framing dienende) Kampfbegriff "Verschwörungsirgendwas" darf natürlich bei keiner Staatsapologie fehlen. Ansonsten gilt: Es ist lediglich ein starkes Indiz, dass die englische Justiz nicht unabhängig ist.
Es ist eine billige Retourkutsche, weil die britische Justiz einen deiner Helden verurteilt hat. Und das ist eben jener billige Dualismus von Verschwörungsgläubigen.
Auch hier besteht wegen gesundheitlicher Probleme Lebensgefahr. So langsam glaube ich ja, dass der Brexit auch deshalb erfolgte um ein EU-Verfahren wegen mangelnder Rechtsstaatlichkeit zu vermeiden.
Oh, UK als europäische Gefängnisinsel? Das ist ja immerhin mal kreativ! Und da haben diese "Machteliten" ja Glück gehabt, dass Assange ausgerechnet von Schweden nach UK geflüchtet ist. Oder haben die ihn mit Gedankenkontrollstrahlen aus Area 51 dazu gezwungen?
Offenbar hielt Assange UK-Land tatsächlich für einen Rechtsstaat, als er einreiste (nicht "geflüchtet"*, das kam erst später). Er musste dann leider auf die harte Tour lernen, dass dem nicht so ist. Und statt von "Gedankenkontrollstrahlen" (hübsche Wortschöpfung) können wir sehr profan und sehr realistisch von politischer Mauschelei sprechen.
Assange hat sich lange in UK aufgehalten, das war doch regelrecht seine zweite Heimat. Die viel einfachere Erklärung als eine GROSSE Verschwörung diverser Regierungen, ganzer Justizapparate und einiger Geheimdienste ist doch ganz banal: Assange dachte, wenn er einfach aus Schweden verschwindet, dann werden die Ermittlungen irgendwann eingestellt werden.
Dass Assange UK für einen sichereren Aufenthaltsort als Schweden hielt, ist doch nur eine billige Ausrede. Es gibt ja einige Länder, von denen er lobend gesprochen oder offen drüber spekuliert hat, sich dort niederzulassen. UK war nie dabei. Und das ist mit Blick auf die jahrzehntelange enge Zusammenarbeit zwischen UK und USA auf vielen Ebenen auch nicht gerade verwunderlich.
https://taz.de/Internetplattform-Wikileaks/!5132274/
https://www.persoenlich.com/medien/julian-assange-will-sich-in-der-schweiz-niederlassen-295722
Der zweite Teil des Skandales ist, dass dieser Fall in den deutschsprachigen Mainstreammedien praktisch komplett totgeschwiegen wird. Lediglich die üblichen Verdächtigen haben berichtet, neben TP z.B. die Junge Welt, die "Blätter", der "Freitag" und die Nachdenkseiten. Letztere recht ausführlich: https://www.nachdenkseiten.de/?p=74783
Murray ist doch ein übler Demagoge, sein Blog ist voller einseitiger Anschuldigungen und Beleidigungen gegen Richter, Anwälte oder Politiker. Dass er jetzt nicht wegen Beleidigung oder übler Nachrede verurteilt wird, sondern weil er Details über ihm missliebige Zeugen ausgeplappert hat, zeigt doch eigentlich ganz gut, dass Rechtsstaat und Meinungsfreiheit funktionieren.
Das war jetzt gerade eine wirklich schöne Gedankenvolte: Weil er Beleidigungen und üble Nachreden begangen hat wurde er nicht wegen Beleidigung und übler Nachrede verurteilt weil das besonders rechtsstaatlich ist. Sag mal, wo lernt man so was?
Nein: wenn SIE sich durch seine Hetze bedroht gefühlt hätten, dann hätten sie doch schon viel früher eine Vorwand gefunden, um ihn komplett auszuschalten. Statt dessen lärmt Murray weiter und weiter und weiter.
Immerhin: Murray hat angekündigt, vor den EGMR zu ziehen. Keine Ahnung, ob er das schon getan hat, das ist auf jeden Fall mehr als Assange jemand geschafft hat.
Und für das "ausplappern" gibt es ein Wort: Journalismus.
Ich sehe an Murray nichts, was die Bezeichnung Journalismus oder Journalis rechtfertigen würde. Nenn ihn meinetwegen Aktivist.
Und dass die "Mainstreammedien" dein Narrativ vom politisch Verfolgten nicht einfach nachplappern, finde ich auch gut. Die recherchieren halt wirklich noch, und plappern nicht - wie deine "üblichen Verdächtigen" - einfach nach, was in ihre Echokammer gespült wird.
Die deutschen Mainstreammedien haben offenbar gar nicht recherchiert, sondern die Sache einfach links liegen gelassen. Sonst hätten sie ja auch wenigstens kurz und rein sachlich darüber berichtet. Man findet aber schlicht nichts.
Ich habe übrigens "deutschsprachig" geschrieben weil in den englischen Medien sehr wohl darüber berichtet wurde und zwar durchaus auch kritisch. So viel auch zum Thema Echokammer. Hier mal einfach zwei der ersten Google-Treffer zum Thema: https://www.theguardian.com/politics/2021/aug/01/alex-salmond-blogger-craig-murray-hands-himself-into-police-to-begin-jail-term
https://www.scotsman.com/news/opinion/columnists/craig-murrays-eight-month-prison-sentence-is-vindictive-and-a-sad-day-for-scottish-justice-kenny-macaskill-3332548
Für einen Verschwörungsgläubigen mag Murray ja ein heldenhafter Kämpfer gegen SIE sein, aber wenn man das halt nicht glauben mag, dann ist der jenseits seiner Echokammer und einem gewissen regionalen Kontext einfach nicht wichtig genug für einen Artikel.
* Zur Erinnerung: Assange reiste mit Wissen und Erlaubnis der schwedischen Polizei aus. Erst als er in UK-Land war haben es sich die Schweden plötzlich anders überlegt.
*seufz* Du bekommst ja nicht einmal die einfachsten Details auf die Reihe: Assanges Anwalt hat die Staatsanwältin gefragt, ob Assange für einen Vortrag vorübergehend ins Ausland reisen könnte, und die hat - angeblich - gesagt, sie hätte keine Zwangsmittel angeordnet, um das zu verhindern. Nachdem Assange dann just an dem Tag untergetaucht und kurz darauf ausgereist ist, an dem die Staatsanwältin einen Termin für die angekündigte Befragung Assanges machen wollte, ging es noch einige Zeit hin und her. Erst Ende November, also 2 Monate nach Assanges Ausreise, hat die Staatsanwältin kapiert, dass Assange nicht mehr nach Schweden zurückkommen will und hat einen internationalen Haftbefehl beantragt. Das ist nichts anderes als eine Flucht vor den schwedischen Behörden.
Die beiden verlinkten Artikel sind Anfang November entstanden, also bevor der internationalen Haftbefehl ausgestellt wurde, schon da spielt UK als sicherer Aufenthaltsort keine Rolle. Wenn du Aussange von Assange kennst, wo er was anderes behauptet, immer her damit.
https://www.persoenlich.com/medien/julian-assange-will-sich-in-der-schweiz-niederlassen-295722
https://taz.de/Internetplattform-Wikileaks/!5132274/
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