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  • Porcupine17

mehr als 1000 Beiträge seit 14.07.2012

"Kriege werden in der Regel nicht auf dem Schlachtfeld beendet"

Die Aussage "Kriege werden in der Regel nicht auf dem Schlachtfeld beendet" ist zwar technisch korrekt. Das liegt aber eher daran das die Zeiten vorbei sind in denen absolutistische Herrscher ihre Armeen selber in die Schlacht führten und bei ihrem Tod oder Gefangennahme der krieg endete. Und das ein Herrscher in seinem Bunker wartet bis der Feind dort buchstäblich anklopft (und das seine Truppen und sein Volk das mitmachen!) ist zum großem Glück eine Ausnahmesituation geworden.

Aber: auch wenn Kriege meistens durch Diplomatie beendet werden so kann die Diplomatie erst tun wenn mindestens eine der beiden Seiten akzeptiert hat das sie ihre Ziele auf dem Schlachtfeld nicht mehr erreichen kann und eine Fortführung des Krieges sinnlos ist.

Ein paar Beispiele:
- die USA verließen Vietnam als sie nach Jahren des Krieges zwar nicht geschlagen waren, sie aber genau so wenig vorwärts gekommen. Der Krieg hätte locker noch weitere 20 Jahre dauern können. In Afghanistan hat es 20 Jahre gedauert.
- Deutschland akzeptierte 1919 den Frieden von Versailles mit seinen Gebietsverlusten nur weil eine Fortsetzung des Krieges keine Aussicht mehr hatte ein bessere Ergebnis zu erzielen. (Diplomatie fand hier allerdings eher zwischen den Siegern statt).
- 1870/71 kämpften die Franzosen trotz der Gefangennahme ihres Kaisers und Vernichtung der regulären Armeen weiter bis es nicht mehr ging, erst dann willigten sie der Abtretung von Elsaß-Lothringen zu.
- die Briten begannen die Friedenverhandlungen mit den amerkanischen Kolonien im April 1782 erst nachdem die Niederlage von Yorktown gezeigt hatte das diese militärisch nicht wieder unter die Krone zu bekommen waren.

Zur augenblicklichen Lage der Diplomatie: beide Seiten bestehen auf einander ausschließenden Positionen. Russland beharrt darauf das alle vier annektierten Oblaste russisch sind und bleiben müssen. Die Ukraine beharrt darauf das diese Oblaste ukrainische sind und hat Teile davon gerade erst unter großen Verlusten zurückerobert. Beide Seiten scheinen zu glauben das sie ihre Positionen militärisch durchsetzen können oder es sich zumindest nicht leisten zu können ein Kompromiss einzugehen welche die andere Seite akzeptieren würde. Die russische Verfassung verbietet eine Abtretung russischer Gebiete wie z.B. Kherson. Und keine ukrainische Regierung kann in der jetzigen Situation Kherson räumen nachdem es gerade erst zurückerobert wurde. Das würde eine "Dolchstosslegende" geben weil die ukrainische Armee ja nicht nur "im Felde unbesiegt" sondern im Augenblick ja eher siegreich ist.

Bevor die Diplomatie hier eine Chance hat muss sich leider die militärische Lage sichtbar gegen eine der beiden Seiten wenden.

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