Auch Gulkas Blick ist getrübt. Es ist wie wenn er die Situation von vor Jahren beschreiben würde, nicht die aktuelle.
Auch in Russland gibt es mahnende Worte wichtiger Fachleute angesichts der sich beiderseitig zuspitzenden Lage,
Eine trügerische Formulierung. Wie Gulka selbst weiter unten feststellt, gibt es im Westen eben 'keine mahnenden Worte wichtiger Fachleute', jedenfalls nicht von regierungsnahen, die wirklichen Einfluss hätten.
Es sei kein gangbarer Verhandlungsweg, mit der Nato nicht mehr zu reden, nur weil sie sich nicht gleich verpflichte, auf eine Osterweiterung zu verzichten.
Auch diese Formulierung, trügerisch. Die usa und damit die nato haben sich nicht 'nicht gleich verpflichtet', sondern die russischen Forderungen kategorisch abgeschmettert. Niemand hat auch nur ein Wort verlauten lassen, dass auf den geringsten Spielraum hingewiesen hätte. Ganz im Gegenteil.
Wenn Gulka Leute, die eine intransigentere Haltung Russlands begrüssen, als einäugig kritisiert, blendet auch er die gesamte, nunmehr 30-jährige Vorgeschichte aus und stellt die beiden Parteien kontrafaktisch auf eine Stufe. Allein die Tatsache, dass sich die 'Spannungen' an den russischen und nicht an den u.s.-amerikanischen Grenzen aufgebaut haben, belehrt eines Besseren. In Wirklichkeit war stets der Westen am Steuer, die Russen haben reagiert. Das war so in Ex-Jugoslawien - dort gabs nur eine verbale russische Reaktion -, es war so in Libyen, es war so in Syrien, es war so in Georgien, es war so in der Ukraine. Plus die stetige Ausdehnung der nato - in fünf Wellen. Wie weit soll das noch gehen? Soll Putin zuschauen, wie schliesslich Russland selbst zerstückelt wird?
Wie in einem anderen Kommentar schon erwähnt - sogar der der Russlandversteherei wirklich unverdächtige Chefredakteur der nzz Guyer zeigt ein gewisses Verständnis für die russische Gereiztheit und spricht von westlichen Fehlern. 2007 schon hat Putin in einer Rede an der Münchner Sicherheitskonferenz klar seine Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht und ein neues Verhältnis angemahnt. Er ist an der westlichen Arroganzmauer abgeprallt. Bald 15 Jahre später ist der russischen Regierung die Geduld ausgegangen. Nach der neuerlichen Frustration, die sie diese Woche erlebt hat, muss man nun wirklich mit einer Eskalation rechnen. Was immer der nächste russische Move sein wird, die westlichen Relotius-Medien werden aufschreien und äusserste Härte verlangen. Sie werden von gefährlicher Appeasement-Politik schwadronieren und sehr unpassende Vergleiche anstellen.
Die Gefahr ist real. Niemand, der noch ansatzweise bei Trost ist, kann sich einen Krieg zwischen hyperbewaffneten Mächten wünschen, aber die westliche Arroganz und die damit einhergehende Verkennung der Lage könnte dahin führen. Es ist höchste Zeit, die Bevölkerung aufzuwecken, bevor es zu spät ist.