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Avatar von abab
  • abab

741 Beiträge seit 15.07.2016

Ojektive und existente Wahrheit

Aus dem Artikel:
„epistemisch (wie man die Welt erklären kann) muss man einräumen, dass wir noch nicht einmal eine Vorstellung davon haben, wie eine vollständige physikalische Beschreibung von Gedanken, Überzeugungen, Gefühlen und so weiter aussehen würde“ … „Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als "seine" Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen“

Wo ist primär die Wahrheit existent? Erkenntnis, so vermittelt dieser Artikel, erlangt man wissenschaftlich-rational, epistemisch, d. h. nach dem Prinzip logischer Vorstellung, der objektivierenden Erkenntnis bzw. der Objektivation. Und hier schon entsteht das grundlegende Problem: Ist letztlich die Beschreibung der Welt im weitesten Sinne schon die höchste resultierende Wahrheit? Oder ist Wahrheit ein Geschehen vor jeglicher Beschreibung und zwar in ihrem sich vollziehenden, stattfindenden Akt? D. h. wiederum, wo ist Wahrheit primär existent und wo nur relativ? Ist objektive Wahrheit demnach nur relative, nicht existente Wahrheit, und ist existente Wahrheit nur geistig möglich? Nur der Mensch als personal-geistiges Wesen fragt nach Wahrheit, weil er Wahrheit primär geistig erfährt bzw. existierend vollzieht als ganzer Mensch, als personal-ganzheitliches Wesen. Sobald er diese Wahrheit objektiviert, manifest macht, ist die Wahrheit an sich verschwunden und liegt nur noch in erstarrter, festgeschriebener, objektivierter Form vor als Begriff bzw. als ein Objekt dieser Welt im weitesten Sinne. Prinzipiell ist somit jede Beschreibung ob des Gehirns oder der Erkenntnis oder der Wahrheit etwas Sekundär-relatives. Der Mensch als real-existierende Ganzheitlichkeit, als Mikrokosmos und Mikrotheos, gelangt zur Wahrheit an sich dynamisch im Lebensvollzug. Und hier ist Wahrheit kein Objekt unter anderen Objekten, sondern Existenz, absolute Dynamik, geistiger Vollzug, geistiges Erleben – absolut offen, frei und nie abgeschlossen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (11.04.2021 11:28).

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  • Avatar von grftjx
    • grftjx

    mehr als 1000 Beiträge seit 26.07.2000

    Exzellenter Text

    Antwort auf Ojektive und existente Wahrheit von abab.

    Danke dafür!

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  • Avatar von Emrymer
    • Emrymer

    mehr als 1000 Beiträge seit 28.08.2020

    Antwort auf Ojektive und existente Wahrheit von abab.

    Wie kommt jemand überhaupt auf die Idee, etwas könnte wahr sein?
    Kinder merken irgendwann, daß sie sich täuschen können, und sie sind gerade die ersten Male fürchterlich frustriert darüber. Die Annahme der Nicht-Täuschung muß also schon davor liegen: das Kind muß schon davor glauben, daß das, was es annimmt, irgendwie wahr ist. Noch ganz vor-wissenschaftlich.
    Manche Menschen werden später zu Konstruktivisiten, sie nehmen also an, daß sie über die sie umgebende Welt wenig bis fast nichts wissen können, aber zur Welt kommen offenbar lauter kleine Nicht-Konstruktivisten. Das steckt in uns drin, daß wir an die Welt herangehen mit der festen Vorannahme, die Wahrheit über sie erkennen zu können.

    Ich würde die Frage:

    Wo ist primär die Wahrheit existent?

    also genau damit beantworten: in unserer festen eigenen Gewißheit, mit der wir als Säuglinge geboren werden, daß wir diese Welt wahrhaftig wahrnehmen und verstehen können.
    Die Wissenschaft ist dann nur die Fortsetzung dessen als Kind im Manne und in der Frau :-D .

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  • Avatar von grftjx
    • grftjx

    mehr als 1000 Beiträge seit 26.07.2000

    Antwort auf Re: Ojektive und existente Wahrheit von Emrymer.

    Ich kann dir da die Lektüre des Kapitels "Die sinnliche Gewissheit" aus Hegels "Phänomenologie des Geistes" nur wärmstens empfehlen.

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  • Avatar von Emrymer
    • Emrymer

    mehr als 1000 Beiträge seit 28.08.2020

    Hegels sinnliche Gewissheit ist auch nett

    Antwort auf Re: Ojektive und existente Wahrheit von grftjx.

    Aber sie ist nur nachgeordnet von Bedeutung, weil sie ja schlichtweg nichts zu sagen hätte, wenn der Säugling nicht an sie herangehen würde mit der festen Überzeugung, daß sie ihm etwas zu sagen hat.
    Ein Säugling, der an nichts "glauben" mag, was ihm seine Sinne vermitteln, kommt mit Hegel auch nicht weiter...

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  • Avatar von grftjx
    • grftjx

    mehr als 1000 Beiträge seit 26.07.2000

    Antwort auf Hegels sinnliche Gewissheit ist auch nett von Emrymer.

    Die Pointe von Hegels Gedankengang ist ja gerade, dass der Säugling, bzw. der, der in der sinnlichen Gewissheit lebt, noch keine Entzweiung erfahren hat, das ist ein Leben ganz im Hier und Jetzt, aber somit auch ohne Konzept von Selbst. Im Moment des ersten Erkennens von Täuschung und Vergänglichkeit zerfällt die Welt in inneren Zweifel und veräußerte Wahrheit.

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  • Avatar von morgen Stern
    • morgen Stern

    988 Beiträge seit 03.10.2015

    Antwort auf Ojektive und existente Wahrheit von abab.

    abab schrieb am 11.04.2021 11:27:

    Der Mensch als real-existierende Ganzheitlichkeit, als Mikrokosmos und Mikrotheos, gelangt zur Wahrheit an sich dynamisch im Lebensvollzug. Und hier ist Wahrheit kein Objekt unter anderen Objekten, sondern Existenz, absolute Dynamik, geistiger Vollzug, geistiges Erleben – absolut offen, frei und nie abgeschlossen.

    Danke für Mikrotheos, Wort war mir noch nicht geläufig und ließ mich bei der Recherche gerade in ein paar theosophische Texte eintauchen.

    Falls deine Behauptung stimmt, dass Wahrheit und Existenz absolut offen, frei und nie abgeschlossen sind, frage ich mich, wieso uns in dieser Welt so viele Phänomene beschränkt, unfrei und verschlossen erscheinen. Ich habe zwar kein Problem damit, das grundsätzlich z. B. über so einen Gedanken zu versöhnen wie, dass wir uns aus einem bestimmten Lernwillen heraus offen, frei und unabgeschlossen dafür entschieden haben, uns genau mit solchen Phänomenen scheinbarer Beschränktheit, Unfreiheit und Verschlossenheit zu konfrontieren.

    Ich bin aber genervt darüber, dass innerhalb dieser Schleier die Freiheit der einen mitunter an der Freiheit der anderen zerschellt, z. B. meine Freiheit, Marxens Fetischbegriff verbindlich in die Mittelstufendidaktik einführen zu wollen an der Freiheit von Kultusminister_innen, das keineswegs zu tun. Dass wir uns innerhalb der Schleier in einen Vermittlungszusammenhang wechselseitiger Beeinflussungsverhältnisse begeben haben, verweist für mich - weiterhin unter der Voraussetzung, dass du recht hast - darauf, dass wir diese Beeinflussungsverhältnisse auch produktiv ausleben wollen. Das lässt sich vielleicht ungefähr als diese Spannung zeichnen: Aus Freiheit entscheiden wir uns zur Unfreiheit, in der es uns möglich ist, einander in die Freiheit reinzureden. Auf diesem abstrakten Niveau von bloßer Seelentätigkeit, der das konkrete einzelne Triebschicksal etwa von verhungernden oder kriegsverstümmelten menschlichen Tempeln (oder dergleichen) als bloß kurzfristige und daher kaum erhebliche Nebenphänomene eines viel größeren Spiels egal sein könnte, aber in unseren ethischen Bezugsrahmen nicht egal ist, schmeckt mir diese Freiheit bitter. Ich bin allerdings auch überzeugt, das andere mich sehr mühsam überreden mussten, mir ausgerechnet wieder diesen Reinkarnations-Scheiß auf Terra zu geben, wo's ja nun wirklich angenehmere Optionen gäbe. Das Überreden scheint ihnen aber gelungen zu sein.

    Woran ich gerade innerhalb solcher Konstellationen kaue - also weiterhin vorausgesetzt, du hast da recht -, ist etwa Folgendes: Auch wenn alle sich aus Freiheit bereitwillig in die Unfreiheit wechselseitiger Beeinflussungsmöglichkeiten innerhalb dieser Schleier begeben haben, bleibt es mir nicht bloß nur unethisch, sondern auch praktisch unmöglich, die volle Freiheit und das volle Ergebnis jenes nie abgeschlossenen Zusammenhangs von Wahrheit und Existenz auch in dieser Tempelwelt allen zumindest in so etwas kleingeistig-verschleiert Besseren wie einer spirituellen Revolution zu einem Verein freier Menschen aufzuschließen, obgleich's mir zum Greifen nahe und dennoch in den Schleiern verboten scheint. Unethisch, weil die beschränkten Horizonte nicht frei wären, wenn es nicht an ihnen selbst wäre, ihre Beschränktheit zu transzendieren. Mir stellt sich das irgendwie als Frage der Didaktik und halt verschleiert: Mein Buddy Buddha mag aktuell noch da hausen, wo es keine Buddys, sondern halt bloß Nichts gibt, obwohl ich das bezweifle, ich jedenfalls habe mich offenbar wieder und wieder zur Existenz durchgerungen, in der ich zwar auch qua Wirkmacht des Verschleiernden Lernender bleibe, aber primär Gelangweilter ob all dieser Wiederkehr des ewig Gleichen. Daraus schließe ich, dass ich in der Gesamtkonstellation eher als Lehrender gedacht bin. Wie nun aber lässt sich die Beschränktheit der anderen, die für den sich in diesen Schleiern voll-verortenden Sartre ja nicht ganz grundlos die Hölle sind, dazu bewegen, sich selbst zu transzendieren? Ich frage mich, was mein Verhältnis von Skrupeln einerseits, irgendwem in irgendwas reinzureden, und sehr klaren politisch-ethischen Positionen für wenigstens ein bisschen weniger menschliches und möglichst sogar organisches und möglichst sogar anorganisches Leiden in der Welt innerhalb dieser Konstellation eigentlich im Kern bedeutet.

    Mir ist, als läge mir eine Antwort auf der Zunge, aber die Zunge verweigert Entschleierung ihrer selbst.

    Zumindest ist da eine Intuition, die ich mal in den Raum werfen mag, vgl. https://www.youtube.com/watch?v=ajCvg5d4eXU:

    Die dunkle Gefahr streckt schon ihre Arme nach dem Dach der Welt
    Dein Volk ruft nach Licht, es fragt, was geschehen soll
    Doch du kennst die Antwort:
    Shangri La ist da und zeigt uns den Weg
    Und wir folgen ihm, was immer auch geschieht
    Shambala sei da und zeig uns die ...

    Und dann erschließt sich mir der weitere Text akkustisch nicht, die nuscheln.

    Kann das mir mal jemand bitte aufhellen, was sie da weiter singen? Vielleicht erhellt mir das, was Shangri La eigentlich gerade von meiner Didaktik möchte. Wäre nett, danke.

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  • Avatar von knarr
    • knarr

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.05.2007

    Antwort auf Ojektive und existente Wahrheit von abab.

    abab schrieb am 11.04.2021 11:27:

    Der Mensch als real-existierende Ganzheitlichkeit, als Mikrokosmos und Mikrotheos, gelangt zur Wahrheit an sich dynamisch im Lebensvollzug. Und hier ist Wahrheit kein Objekt unter anderen Objekten, sondern Existenz, absolute Dynamik, geistiger Vollzug, geistiges Erleben

    Das klingt sehr gut!

    – absolut offen, frei und nie abgeschlossen.

    Daran allerdings hege ich Zweifel, ob man das so ausdrücken kann, mir erscheint die persistente Erfahrung einer Existenz eher "bedingt weltoffen". Ich meine, das wäre eigentlich ja schön, nur nach meiner Erfahrung erscheint mir mein Körper im Lebensvollzug allerdings unabdingbar, und in dem Bewusstsein der körperlichen Bedingtheit einschließlich des natürlichen Ende also erscheint die Weltoffenheit nicht absolut, sondern an den Körper gebunden, immerhin mit der Sprache als externes Milieu, das ausdrücken zu können.

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  • Avatar von Emrymer
    • Emrymer

    mehr als 1000 Beiträge seit 28.08.2020

    Antwort auf Re: Hegels sinnliche Gewissheit ist auch nett von grftjx.

    Der Säugling hat kein Konzept des Selbst - aber hat ein Primordial-Konzept davon, daß es prinzipiell erringbare Konzepte geben muß. Der innere Zweifel ist überhaupt nur Zweifel, weil es etwas gibt, was anzuzweifeln ist, also eine Gewißheit. Wenn um den Säugling herum ohnehin nur unstrukturiertes Chaos ist, über das nichts gewisses in Erfahrung zu bringen ist, dann ist für Zweifel kein Platz, weil nie irgendetwas auftaucht, das anzweifelbar wäre.

    Das Primordial-Konzept braucht kein Selbst und Fremd, kein Verstehen über Gewißheit und Zweifel. Nur die felsenfeste Überzeugtheit, daß die Welt verstehbar sein wird. Daß dann sinnliche Gewißheit und Zweifel und all so ein Gelump dazukommen, das ergibt sich später.

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  • Avatar von morgen Stern
    • morgen Stern

    988 Beiträge seit 03.10.2015

    Antwort auf Re: Hegels sinnliche Gewissheit ist auch nett von Emrymer.

    Emrymer schrieb am 11.04.2021 14:50:

    Der innere Zweifel ist überhaupt nur Zweifel, weil es etwas gibt, was anzuzweifeln ist, also eine Gewißheit. Wenn um den Säugling herum ohnehin nur unstrukturiertes Chaos ist, über das nichts gewisses in Erfahrung zu bringen ist, dann ist für Zweifel kein Platz, weil nie irgendetwas auftaucht, das anzweifelbar wäre.

    Zudem würde er ziemlich schnell verrecken, weil das Chaos zur Ernährung wohl untüchtig wäre.

    Eine interessante Reflexion: Urvertrauen als Bedingung der Möglichkeit von Zweifel.

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