abab schrieb am 11.04.2021 11:27:
Der Mensch als real-existierende Ganzheitlichkeit, als Mikrokosmos und Mikrotheos, gelangt zur Wahrheit an sich dynamisch im Lebensvollzug. Und hier ist Wahrheit kein Objekt unter anderen Objekten, sondern Existenz, absolute Dynamik, geistiger Vollzug, geistiges Erleben – absolut offen, frei und nie abgeschlossen.
Danke für Mikrotheos, Wort war mir noch nicht geläufig und ließ mich bei der Recherche gerade in ein paar theosophische Texte eintauchen.
Falls deine Behauptung stimmt, dass Wahrheit und Existenz absolut offen, frei und nie abgeschlossen sind, frage ich mich, wieso uns in dieser Welt so viele Phänomene beschränkt, unfrei und verschlossen erscheinen. Ich habe zwar kein Problem damit, das grundsätzlich z. B. über so einen Gedanken zu versöhnen wie, dass wir uns aus einem bestimmten Lernwillen heraus offen, frei und unabgeschlossen dafür entschieden haben, uns genau mit solchen Phänomenen scheinbarer Beschränktheit, Unfreiheit und Verschlossenheit zu konfrontieren.
Ich bin aber genervt darüber, dass innerhalb dieser Schleier die Freiheit der einen mitunter an der Freiheit der anderen zerschellt, z. B. meine Freiheit, Marxens Fetischbegriff verbindlich in die Mittelstufendidaktik einführen zu wollen an der Freiheit von Kultusminister_innen, das keineswegs zu tun. Dass wir uns innerhalb der Schleier in einen Vermittlungszusammenhang wechselseitiger Beeinflussungsverhältnisse begeben haben, verweist für mich - weiterhin unter der Voraussetzung, dass du recht hast - darauf, dass wir diese Beeinflussungsverhältnisse auch produktiv ausleben wollen. Das lässt sich vielleicht ungefähr als diese Spannung zeichnen: Aus Freiheit entscheiden wir uns zur Unfreiheit, in der es uns möglich ist, einander in die Freiheit reinzureden. Auf diesem abstrakten Niveau von bloßer Seelentätigkeit, der das konkrete einzelne Triebschicksal etwa von verhungernden oder kriegsverstümmelten menschlichen Tempeln (oder dergleichen) als bloß kurzfristige und daher kaum erhebliche Nebenphänomene eines viel größeren Spiels egal sein könnte, aber in unseren ethischen Bezugsrahmen nicht egal ist, schmeckt mir diese Freiheit bitter. Ich bin allerdings auch überzeugt, das andere mich sehr mühsam überreden mussten, mir ausgerechnet wieder diesen Reinkarnations-Scheiß auf Terra zu geben, wo's ja nun wirklich angenehmere Optionen gäbe. Das Überreden scheint ihnen aber gelungen zu sein.
Woran ich gerade innerhalb solcher Konstellationen kaue - also weiterhin vorausgesetzt, du hast da recht -, ist etwa Folgendes: Auch wenn alle sich aus Freiheit bereitwillig in die Unfreiheit wechselseitiger Beeinflussungsmöglichkeiten innerhalb dieser Schleier begeben haben, bleibt es mir nicht bloß nur unethisch, sondern auch praktisch unmöglich, die volle Freiheit und das volle Ergebnis jenes nie abgeschlossenen Zusammenhangs von Wahrheit und Existenz auch in dieser Tempelwelt allen zumindest in so etwas kleingeistig-verschleiert Besseren wie einer spirituellen Revolution zu einem Verein freier Menschen aufzuschließen, obgleich's mir zum Greifen nahe und dennoch in den Schleiern verboten scheint. Unethisch, weil die beschränkten Horizonte nicht frei wären, wenn es nicht an ihnen selbst wäre, ihre Beschränktheit zu transzendieren. Mir stellt sich das irgendwie als Frage der Didaktik und halt verschleiert: Mein Buddy Buddha mag aktuell noch da hausen, wo es keine Buddys, sondern halt bloß Nichts gibt, obwohl ich das bezweifle, ich jedenfalls habe mich offenbar wieder und wieder zur Existenz durchgerungen, in der ich zwar auch qua Wirkmacht des Verschleiernden Lernender bleibe, aber primär Gelangweilter ob all dieser Wiederkehr des ewig Gleichen. Daraus schließe ich, dass ich in der Gesamtkonstellation eher als Lehrender gedacht bin. Wie nun aber lässt sich die Beschränktheit der anderen, die für den sich in diesen Schleiern voll-verortenden Sartre ja nicht ganz grundlos die Hölle sind, dazu bewegen, sich selbst zu transzendieren? Ich frage mich, was mein Verhältnis von Skrupeln einerseits, irgendwem in irgendwas reinzureden, und sehr klaren politisch-ethischen Positionen für wenigstens ein bisschen weniger menschliches und möglichst sogar organisches und möglichst sogar anorganisches Leiden in der Welt innerhalb dieser Konstellation eigentlich im Kern bedeutet.
Mir ist, als läge mir eine Antwort auf der Zunge, aber die Zunge verweigert Entschleierung ihrer selbst.
Zumindest ist da eine Intuition, die ich mal in den Raum werfen mag, vgl. https://www.youtube.com/watch?v=ajCvg5d4eXU:
Die dunkle Gefahr streckt schon ihre Arme nach dem Dach der Welt
Dein Volk ruft nach Licht, es fragt, was geschehen soll
Doch du kennst die Antwort:
Shangri La ist da und zeigt uns den Weg
Und wir folgen ihm, was immer auch geschieht
Shambala sei da und zeig uns die ...
Und dann erschließt sich mir der weitere Text akkustisch nicht, die nuscheln.
Kann das mir mal jemand bitte aufhellen, was sie da weiter singen? Vielleicht erhellt mir das, was Shangri La eigentlich gerade von meiner Didaktik möchte. Wäre nett, danke.