…im Endeffekt aber der typische Trick des Reduktionisten: Wenn im Raum steht, dass sich irgendein Phänomen nicht reduktionistisch erklären lässt, dann suche man sich einen Teil des Phänomens (hier: die Patienten, die Psychopharmaka erhielten) und biete dafür irgendetwas an, das als reduktionistische Erklärung dienen könnte. Dann ist die Welt wieder heil!
Der "Trick" ist hier Ockhams Rasiermesser. Ich wähle von mehreren möglichen Erklärungen für das Ergebnis der Studie die einfachste aus, also jene, die auf den wenigsten Zusatzannahmen beruht. Und da SSRIs bekanntermaßen sexuelle Funktionsstörungen hervorrufen könnten und ein großer Anteil der Patienten dieser Studie Psychopharmka nahmen und von den Autoren SSRIs am häufigsten verordnet werden, spricht dies dafür, dass die biologische Komponente, also die Wirkung des SSRIs, in dieser Studie ausschlaggebend gewesen sein könnte.
Last but not least haben die Autoren Psychopharmakakonsum als Kovariate mit in die Analye aufgenommen und der Unterschied bleibt, wen überrascht's?, statistisch signifikant.
Laut Table II aber nur bei bei "overall satisfaction" und knapp bei "Total IIEF score" und "Orgasmic function", während bei "Intercourse satisfaction", bei "Erectile function" und bei "Sexual desire" die 5%-Hürde verfehlt wurde. Spricht das nicht eher dafür, dass das Kontrollieren für Psychopharmaka-Konsum den Unterschied deutlich geschmälert haben könnte?
und man müsste zudem kontrollieren, ob die Potenzstörungen schon vor dem Psychopharmakakonsum vorhanden waren; wenn ja, dann sind die Medikamente nicht die Ursache
Diese Schlussfolgerung hat jedoch ein Problem: Da die Patienten vorher SSRIs genommen haben könnten, bevor sie an dieser Studie teilnahmen, könnten die sexuellen Funktionsstörungen auch auf vorherigen SSRI-Konsum zurückzuführen sein. Die sexuellen Nebenwirkungen von SSRIs können nämlich nach Absetzen des Medikaments bestehen bleiben. Das ist eine gar nicht mal so seltene, aber dennoch weithin ignorierte Nebenwirkung von SSRIs. Deswegen wäre auch möglich, dass bei den Patienten, die während dieser Studie keine Medikamente genommen haben, die sexuellen Funktionsstörungen medikamentös induziert sein könnten. Laut schnellem Googeln soll eine PTBS im Mittel in den frühen 20er Jahren beginnen und die Patienten waren im Mittel um die 50 Jahre alt. Also könnten das Patienten mit chronischem Verlauf sein, von denen womöglich weit mehr irgendwann mal ein SSRI genommen haben könnten, als während dieser Studie.
Die Autoren der Studie berichten, dass sie den genauen Psychopharmakakonsum nicht erhoben haben; es handelt sich daher um Spekulation [...]. Laut den Autoren wurden übrigens nicht nur SSRIs (also Antidepressiva) stark konsumiert, sondern auch Benzodiazepine (also Schlafmittel).
Es wäre aber eine gerechtfertigte Spekulation, wenn die Autoren selber schon zugeben, dass viele Patienten SSRIs genommen haben.
Im Endeffekt bleibt, und nur darum ging es, dass Potenz ein biopsychosoziales Phänomen zu sein scheint und man sie nicht rein biologisch-molekular erklären kann. Der Reduktionismus scheitert auch an der Erklärung dieses kompexen Phänomens.
Ich finde nicht, dass man diese Schlussfolgerung aus dieser Studie ziehen kann, da...
1. sexuelle Funktionsstörungen ein rein biologisch bedingtes Phänomen sein können,
2. die Autoren biologische Faktoren als primäre Ursache nicht ausgeschlossen haben,
3. und die Autoren nicht gezeigt haben, dass psychosoziale Ursachen der Grund für die sexuellen Funktionsstörungen sind.
Im Endeffekt schließe ich, dass diese Studie zeigt, dass Patienten mit PTBS unter Praxisbedingungen deutlich häufiger sexuelle Funktionsstörungen haben als eine Kontrollgruppe, aber nicht klar ist, woran genau das liegt. Die Frage wäre, wie die Sache in einer Stichprobe aussehen würde, die noch nie mit Psychopharmaka in Kontakt gekommen ist.
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (11.04.2021 18:11).