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  • Pnyx (1)

mehr als 1000 Beiträge seit 01.07.2017

Verharmlosungsgefahr

Der Versuch Janzens dem Phänomen Querbewegung rational und offen zu begegnen, sie gesamtgesellschaftlich einzuschätzen bzw. ihre Positionierung zu erfassen, ist sicherlich ehrenwert. Angesichts ihrer Heterogenität ist aber ein Scheitern fast vorprogrammiert. Janzen gelingt sein Vorhaben nur, durch Abschneiden des breiten extremen Teils, der die Bodenhaftung längst verloren hat und sich in alternativen Realitäten verliert. Es reicht denn auch nicht, die Behauptung, Deutschland habe sich im Lauf der Corona-Krise in eine Diktatur verwandelt, in sanften Worten zu tadeln, wie er es tut. Das ist ausgemachter Bullshit und hat mit den realen politischen Verhältnissen nichts zu tun. Insoweit es in der bürgerlichen Demokratie reale autoritäre Tendenzen gibt, wurden diese in den letzten Jahren nicht durch die Pandemie, sondern durch die Reaktion auf den islamistisch inspirierten Terrorismus getriggert, der direkt und indirekt Anlass zu einer prekären Verschärfung von Polizeigesetzen gab.

Die Quer-Bewegung wird sich nach Aufhebung der seuchenpräventiven Massnahmen weitgehend verlaufen. Zurück bleibt allerdings ihr eigentlicher Energiekern, die Opposition gegen die Folgen der neoliberalen Politik der letzten drei Jahrzehnte.

Es kann niemanden gleichgültig lassen, dass Existenzen bedroht sind, wie schwierig es für sozial Benachteiligte ist, mit den Restriktionen umzugehen, welche gesundheitliche und psychische Schäden entstehen und was für eine Minderung der Lebensqualität ein Dauerausnahmezustand darstellt.

Das ist selbstverständlich richtig, aber ebenso offensichtlich ist, dass nicht soziale Empathie der eigentliche Treiber der Bewegung ist, sondern, neben persönlichen Idiosynkrasien z. B. gegen den Maskentragzwang, eine grosse Wut auf das eine Prozent, meist personalisiert - und damit depolitisiert - und konzentriert auf einige wenige Personen, wie etwa Gates. Die Tatsache, dass die weitere Öffnung der Finanzschleusen zur Explosion der schon zuvor obszönen Übervermögen geführt hat, verstärkt die Wut derjenigen, die sich seit einem Jahrzehnt auf der Verlierstrasse wandeln sehen, oder zumindest sie vor Augen haben.

Was kaum gesehen wurde, ist, dass es unter "Querdenken"- Führungspersönlichkeiten wie Michael Ballweg eine Annäherung zu "ZeroCovid" gab. Man war bereit, einen zeitweiligen radikalen Lockdown zu akzeptieren, um dann die Beschränkungen aufheben zu können. Zero oder Null Covid wäre möglicherweise ein erfolgversprechender Weg gewesen, um "Querdenken"-Kritik und Gesundheitsschutz, querdenkende und andere Bürger, "Querdenken"-Führungspersonen und Politik einander näherzubringen.

Auch hier thematisiert Janzen den noch einigermassen rationalen Teil der Bewegung. Inhaltlich ist das eine interessante, mir bisher nicht bekannte Aussage, eine, der ich mich anschliessen kann. Die meisten Regierungen, auch die deutsche, haben regelmässig und ohne erkennbaren Lerneffekt zu spät und zu schwach gehandelt und dadurch den wirklich schwer erträglichen Jojo-Effekt provoziert.

Allerdings vermag diese partielle inhaltliche Kongruenz nicht die Kritik an der queren Praxis zu mildern. Anlässe zu organisieren, die von A bis Z darauf getrimmt sind, die Prävention aktiv zu unterlaufen und Superspreading zu befördern, ist und bleibt dumm, rücksichtslos und geradezu kriminell.

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