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Avatar von Karl-Katja Krach
  • Karl-Katja Krach

528 Beiträge seit 09.07.2019

Ich habe über Kagarlitskys These nachgedacht...

...und finde, das ist eine vereinfachende Darstellung, die bei der Subjektkritik in der Negation stehenbleibt.

"Russland stehe im Kampf gegen individuelle Entscheidungen nicht allein. Während in Russland der Kampf unter dem Banner "traditionelle Werte" und "Kampf der Homosexualität" geführt wird, werde der Kampf in Europa und den USA unter dem Banner "Kampf dem Patriarchat und der Homophobie" geführt.

Das Ziel, die individuelle Entscheidung zu unterdrücken, sei das Gleiche, nur die Methoden seien verschieden. Außerdem werde die Gesellschaft "gegen den äußeren Feind mobilisiert, der daran schuld ist, dass die Werte gepflanzt werden, die wir ausreißen werden". Man müsse an George Orwells Buch "1984" denken, "wo Eurasien ständig gegen Ozeanien kämpft"."

Kagarlitsky geht also von dem Gegensatz zwischen individueller Entscheidung und deren Unterdrückung durch eine Fremdmacht aus. Deswegen auch der Vergleich mit George Orwells Buch "1984". Das ist aber zu einfach gedacht. Aldous Huxley hat in "Schöne neue Welt" die entgegengesetzte Dystopie beschrieben: eine Herrschaft, die Menschen dazu verführt sich gegen das Entscheiden-Müssen zu entscheiden.

Ob es im (Neo-)Liberalismus nun die "Alexa" ist, Google, der quasi-amtliche "Faktencheck", das Fernsehquiz oder "Bares für Rares" - es wird suggeriert, man müsse sich nicht entscheiden. Algorithmen entscheiden, wo und was man einkauft und welche Internetseiten für eine/n wichtig sind. Wissen wird entkontextualisiert als rohe Fakten dargeboten und abgefragt und es wird unterstellt, damit wären dann die politischen Differenzen nebensächlich. Am Ende winkt das Preisgeld oder der Verkaufswert, was als selbstverständlich und unpolitisch gedacht wird. Dieser Positivismus zeigt sich auch an den teils übertriebenen Forderungen, der Wissenschaft zu folgen (was die Ökologie oder Corona angeht), obwohl Wissenschaft notwendig verschiedene Ansätze voraussetzt und sich insbesondere in gesellschaftlich strittigen Fragen auch die Positionen der Wissenschaftler:innen teils beträchtlich unterscheiden.

Kaum denkbar, dass sich bei "Bares für Rares" mal jemand hinstellt und am Ende der Versteigerung sagt: "Ich wollte nur mal wissen, wie hoch der Verkaufswert wäre. Denn ich bin grundsätzlich dagegen, Kulturgüter und Kunst als Waren zu verramschen.". Noch weniger vorstellbar, dass das dann auch so gesendet werden würde. Das würde schließlich die Illusion zerstören, alle, die da hinkommen, um den schnellen Taler zu machen, seien "bezaubernd" (Horst Lichter).

Andererseits setzt auch auf der rechten Seite die gewaltförmige Unterdrückung der individuellen Entscheidung die Verführung zum Nicht-Entscheiden-Müssen voraus. Wenn man sich die Rhetorik der Alt-Right und der Neuen Rechten und auch der Querfront anschaut, basiert diese wie die liberalistische Rhetorik auf der strengen Unterscheidung zwischen Privatem und Politischem. Jeder hätte schließlich "seine Meinung" und so wird jede Kritik an der eigenen Ideologie als Eindringen in den "eigentlich" privaten Raum der Meinung, als politische Einmischung in das Privatleben denunziert.

Kagarlitsky erkennt und verneint zwar einige problematische Effekte dieser (metaphysischen) Spaltung in Privates und Politisches, aber er reduziert das Problem auf Unterdrückung, Gewalt und Herrschaft und unterschlägt die Verführung, d.h. die Demagogie und die diskursive Macht, die auf eben jener Spaltung des sozialen und diskursiven Raumes beruht. Dadurch bleibt er innerhalb dieser Metaphysik verfangen und reproduziert deren Widerspruch: Obwohl das Private und das Politische als zu trennende Sphären gedacht sind, ist jede Entpolitisierung zugleich eine Politisierung.

Die Warenproduktion als unpolitisch, als alltäglich hinzustellen, politisiert für die Warenproduktion. Die Tradition oder die Nation als unpolitisch, als "normal" hinzustellen, politisiert für die Tradition und die Nation. Die Behauptung, gesellschaftliche Verhältnisse seien natürlich, also unpolitisch, ist in diesem metaphysischen Kontext die stärkste Form der Politisierung überhaupt.
Denn jede Infragestellung dieser "Selbstverständlichkeiten" wird dann als Eindringen in das Private aufgefasst und so wird politische Kritik unterdrückt und marginalisiert.

Auch Kagarlitzki politisiert unausweichlich das "Unpolitische", wenn er die gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse als Privatsache ohne ethisch-politische Dimension konzipiert. Dabei macht er die Beantwortung der Frage unmöglich, wo die Diskursmacht herkommt, die es einer Regierung ermöglicht, die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen einzuschränken. Denn diese Diskursmacht beruht gerade darauf, dass patriarchale Geschlechterverhältnisse als natürlich dargestellt werden. Deswegen sei Patriarchatskritik ein Eindringen in die Privatsphäre - bis aus "unerfindlichen Gründen" urplötzlich dieses vermeintlich Private so politisch wird, dass Schwangerschaftsabbrüche verboten werden.

Für einen linken Soziologen fehlt bei Kagarlitsky sowohl die Gesellschaft als politischer Raum, als auch die (quasi-)materialistische Spurensuche, die der Verschränkung von Geschlechterverhältnissen und Produktionsweise nachgeht. Die reproduktive Selbstbestimmung wird nicht einfach als Mittel zur Einschüchterung und Unterdrückung eingesetzt, wobei der Zweck nur der Machterhalt wäre. Es geht dabei um die staatliche Kontrolle über die Reproduktion der Arbeitskraft, um die Unterwerfung weiblicher Körper unter die Nationalökonomie.

Wie Michel Foucault in "Sexualität und Wahrheit" herausgearbeitet hat, steht der sexistische Diskurs um das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen im engen Zusammenhang mit dem rassistischen Diskurs über den Erhalt der "ethnisch reinen" Population des Nationalstaates, des "Volkskörpers". Lange bevor die "Lebensschützer" zahlreichen Zulauf erhielten, verfasste Thilo Sarrazin sein Machwerk "Deutschland schafft sich ab", dass in einem Siegeszug durch die bürgerliche Presse ging. Parallel zur stufenweisen Abschaffung des Rechtes auf reproduktive Selbstbestimmung in Polen liefen Kampagnen zur Erhöhung der Geburtenrate.

Dass in der Postmoderne das Private politisch geworden ist, erschüttert Selbstverständlichkeiten und das ist gut so. Wenn sich der Kapitalismus dieser Wissensdisposita bemächtigt, führt das dazu, dass Löcher in den kapitalistischen Alltag geschlagen werden. Im Gegensatz zur regressiven Ent- und Repolitisierung des Privaten hat die kritische Politisierung des Privaten ein subversives emanzipatorisches Potential. Da Kapitalismus auf relativ kurzfristigen Kosten-Nutzen-Rechnungen beruht, entgeht der langfristige Effekt dieser Politisierung auch nur eines Teils des Privaten der kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie, liegt unter der Wahrnehmungsschwelle. Die Grenze der kapitalistischen Sprache ist die Grenze der kapitalistischen Welt (frei nach Wittgenstein).

Als Kalkül dieses "retrait de la politique" (Derrida), des politischen Rückzugs und der Neuziehung des Politischen kann gelten, dass der Kapitalismus sich quasi ein trojanisches Pferd aneignet und sich der Zusammenbruch der Grenzen zwischen Privatem und Politischem nicht durch eine (neo-)liberale Anerkennungspolitik örtlich beschränken lässt. Wenn junge Menschen mit einem in Gender- und Racefragen politisierten Privatleben aufwachsen, werden sie - so die Hoffnung - viel eher bereit sein, auch die Produktionsverhältnisse zu politisieren.

Durch die Politisierung des Privaten werden die Subjekte erst in die Lage versetzt, Handlungsoptionen wahrzunehmen und frei zu entscheiden und nicht aus einer "Selbstverständlichkeit" oder "Normalität" heraus zu handeln. Bei Fridays for Future lässt sich schon beobachten, wie Jugendliche über den Zusammenhang von Umweltzerstörung, Kapitalismus und Rassismus diskutieren und einer Vielzahl geschlechtlicher und sexueller Differenzen positiv gegenüberstehen und das ist ein Riesensprung im Vergleich zu der (Nach-)Wendezeit, in der ich aufgewachsen bin.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (13.03.2021 03:02).

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  • Avatar von macc
    • macc

    mehr als 1000 Beiträge seit 15.03.2002

    Antwort auf Ich habe über Kagarlitskys These nachgedacht... von Karl-Katja Krach.

    In der Realität können wir beobachten das der
    Trend dazu geht
    die Menschen auf reflexives Verhalten abzurichten.

    Trigger sollen bestmöglich ins Kleinhirn geleitet werden.

    Pavlow lässt grüßen

    MACC

    Das Posting wurde vom Benutzer editiert (14.03.2021 10:26).

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  • Avatar von sumoduro
    • sumoduro

    220 Beiträge seit 24.04.2015

    Antwort auf Ich habe über Kagarlitskys These nachgedacht... von Karl-Katja Krach.

    Eine sehr interessante Replik. Danke. Allerdings war das Politische schon immer Privat und das Private schon immer Politisch. Insofern rennen Sie offene Türen ein. Dennoch Danke.

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