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Avatar von Waldgeist
  • Waldgeist

mehr als 1000 Beiträge seit 09.03.2000

Die Wissenschaft schafft sich selbst ab

Ich wollte Ende der Neunziger ernsthaft promovieren, damals glaubte ich noch an das humboldtsche Universitätsideal. Ich habe jedoch sehr schnell gemerkt, dass es meinem Doktorvater nur um eines ging: sich selbst zu profilieren. Ihm war nicht daran gelegen, mich in irgendeiner Weise zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen zu lassen. Ich sollte 5 Jahre lang in seinen Allerwertesten kriechen und möglichst viele Drittmittelprojekte vorantreiben, damit ich am Ende mit zwei Buchstaben und einem Punkt werden belohnt würde. Versuche, mit ihm in ein wissenschaftliches Gespräch zu kommen, wurden mehr oder weniger abgeblockt. Nach einem Jahr habe ich dann beschlossen, lieber ein Startup zu gründen und mich nach weiteren 1,5 Jahren Halbtagsstelle komplett aus der Uni verabschiedet. Diesen Schritt habe ich nie bereut. (Meine Alma Mater war übrigens dieselbe wie die von Hadmut Danisch, er dürfte ein paar Semester über mir gewesen sein. Die Gestalten, die er in seinem Buch beschreibt, kenne ich daher allzu gut.)

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  • Avatar von fiesematente
    • fiesematente

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.07.2019

    Die Edelprofessoren aus Karlsruhe sind auch ein Exportschlager

    Antwort auf Die Wissenschaft schafft sich selbst ab von Waldgeist.

    Offenbar gibt es dort einzigartige Bedingungen, um einen Professorenschlag mit einem ganz besonderen 'Geschmäckle' zu züchten.

    Ein solcher Typ bekam damals einen Ruf an meine Alma Mater. Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen: Einen niederträchtigeren Menschen habe ich im akademischen Betrieb weder vorher noch nachher jemals wieder erlebt.
    Wobei seine zahlreichen Gefolgsleute, die er im Schlepptau hatte, noch am ehesten an seinen Charakter ran kamen.

    Die Truppe fand bei uns keinen einzigen neuen Doktoranden, der dauerhaft mit ihnen arbeiten wollte. Selbst einige angeworbene Chinesen gingen nach ein paar Wochen wieder.
    Studenten meldeten sich für Pflichtpraktika teilweise ein Semester an anderen Unis an, weil er reihenweise top vorbereitete Leute absichtlich durchgeprüft und dann noch mit seinem Zweitprüfer ausgiebig verhöhnt hatte. In den Vorlesungen machte er die Uni schlecht, "unerträglich - in Karslruhe wäre ja alles viel besser".
    Einem Techniker, der dort seit 25 Jahren arbeitete, schrieb er kurz nach seiner Ankunft gleich eine Abmahnung wegen Privatkopien mit dem Lehrstuhlkopierer im Wert von 2 Cent.
    ...und das sind nur einige Sachen, die ich mitbekommen habe.

    Der wurde dann nach ein paar Jahren (mangels anderer Möglichkeiten) an ein Helmholtz-Institut weggelobt.

    Das Posting wurde vom Benutzer editiert (30.05.2021 12:07).

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  • Avatar von Stephan Schleim
    • Stephan Schleim

    mehr als 1000 Beiträge seit 27.01.2005

    Abbruch

    Antwort auf Die Wissenschaft schafft sich selbst ab von Waldgeist.

    Waldgeist schrieb am 30.05.2021 06:40:

    Nach einem Jahr habe ich dann beschlossen, lieber ein Startup zu gründen und mich nach weiteren 1,5 Jahren Halbtagsstelle komplett aus der Uni verabschiedet. Diesen Schritt habe ich nie bereut.

    Glückwunsch! Bill Gates, Steve Jobs und viele andere kreative Denker haben meines Wissens auch abgebrochen – und es später nicht bereut.

    Ich weiß nicht, wie mein Leben dann verlaufen wäre. Aber schlechter wäre es wahrscheinlich nicht gewesen.

    P.S. Da die Kritik seit vielen Jahren geäußert wird, ohne dass sich etwas Wesentliches verändert, wäre das vielleicht die Lösung: Genügend müssten abbrechen oder gleich weggehen. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier und das Ego mag Statussymbole.

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  • Avatar von Erkennender
    • Erkennender

    mehr als 1000 Beiträge seit 29.05.2017

    Antwort auf Abbruch von Stephan Schleim.

    Bill Gates kreativer Denker? Echt jetzt? Der hat nur Ideen geklaut und intrigiert, diese Pfeife.

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  • Avatar von Michael Meyer
    • Michael Meyer

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.12.2000

    Antwort auf Re: Abbruch von Erkennender.

    Erkennender schrieb am 30.05.2021 20:20:

    Bill Gates kreativer Denker? Echt jetzt?

    Selbstverständlich! Gut, natürlich nicht bei technisch nützlichen Innovationen. Eher im Marketing. Und seine Vendor-Lock-In-Techniken sind bei MS ja heute noch voll im Einsatz.

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  • Avatar von frueherwarallesbesser
    • frueherwarallesbesser

    mehr als 1000 Beiträge seit 06.12.2015

    in den Unis gibt es halt nur Professoren als Vorbilder

    Antwort auf Die Wissenschaft schafft sich selbst ab von Waldgeist.

    und daher entscheiden sich viele Studenten fuer eine Uni-Karriere.
    Die meisten landen in schlecht bezahlten und nichtmal sondern spannenden Jobs und sorgen in erster Linie dafuer dass ihre Vorgesetzte auf Konferenzen glaenzen koennen.
    Der Traum von der eigenen Professur erfuellt sich fuer die Meisten nicht.

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  • Avatar von WurstMitSenf
    • WurstMitSenf

    mehr als 1000 Beiträge seit 05.04.2001

    Antwort auf Abbruch von Stephan Schleim.

    Nun, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, ging es um die Promotion, nicht um den Abbruch des Studiums. Zumindest bei mir war es so, man musste schon den Abschluss haben, um fürs Promotionsstudium zugelassen zu werden. Aber das mag von Studiengang zu Uni zu Bundesland anders sein, andere haben ja in ihrem Lebenslauf lautstark auf ein Promotionsvorhaben hingewiesen, und hatten selber nur ein Vordiplom und einen ausländischen Abschluss, der dem Abschluss eines deutschen Hochschulstudiums nicht gleichwertig ist...

    Aber, das Problem ist in der Tat alt und älter. Die Ausbeutung der Promotionsstudenten etwa über faktisch Vollzeit, tatsächlich aber viertel- oder Drittel-bezahlte Assistentenstellen war schon zu meinen Zeiten die Regel. Dass bei Professoren ein bestimmter Charaktertyp häufiger vorkommt, den man gerne mal mit "schmerzfrei" bezeichnet, war auch eine Beobachtung in meiner Zeit. Das Statussymbol mag damals allerdings mehr wert gewesen sein, und es gab damals auch erste Gehversuche mit den Billig-Professuren, auf die sich einige stürzten.

    Insgesamt ist das System zumindest in meinem Fach nicht unbedingt optimal für Menschen, die sich für das Fach an sich und die Forschung darin interessieren, sondern eher was für Egomanen, die sich gut verkaufen können, viel Drittmittel einwerben, und im Übrigen vor allem mit dem Verkauf des oder der eigenen Bücher und mit Nebentätigkeiten befasst sind, die teilweise sehr viel lukrativer sind als die Professorenstelle.

    Danisch hat in seinem Blog auch mehrfach beschrieben, wie unbeleckt die Leute im Prüfungsrecht sind. Hier könnte man vielleicht mal ansetzen, ohne gleich alle Strukturen komplett umzuwerfen: eine härtere Gangart, was die Einhaltung des Prüfungsrechts angeht, und zwar gerne auch für beide Seiten (Prüfer und Prüfling). Die Prüferfreiheit bzw. Prüfungsfreiheit ist, da teile ich die Ansicht von Danisch, sehr weit ausgedehnt interpretiert worden, da müsste man mal von weg.

    Und, man müsste sich mal, trotz aller Schwierigkeiten, eine Form der Leistungsmessung überlegen. Die sollte nicht alleine auf Publikationen beruhen, aber auch nicht auf Bewertungen durch Studenten (wg. Shitstorms), oder Drittmittel.

    Irgendwas von allem, und mit einem Faktor X, vielleicht hat jemand eine Idee.

    wmS

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  • Avatar von MSc (2)
    • MSc (2)

    67 Beiträge seit 07.07.2018

    Antwort auf Die Wissenschaft schafft sich selbst ab von Waldgeist.

    Wie sagte Professor Doktor Thomas B. (TH KA, nun "Kitt") einmal: "Das Beste an Karlsruhe (INF) sind die Studenten". Da hatte er wohl recht. Und der Lehrkörper wurde dem NICHT gerecht. Gegenbeispiel Mathe/Bonn: Exzellente Studenten UND exzellente Professoren. KA hingegen: Ein Typ - die geronnene ARROGANZ - (was er sich als weltbekannter Super-Editor auch leisten konnte) hielt seine VL grds. montags, 8:00h, so einschläfernd wie sein Buch - obwohl immerhin frei vorgetragen. Sein Kollege, weniger bekannt, hielt die VL tatsächlich als VL: Buch, Seite X aufgeschlagen, abgelesen, das war's "Der Sekretär ist ein ..." Vermutlich hatte er spätestens ab der 4. Woche Null Zuhörer und vermutlich war genau das auch das Ziel.

    Ein Sauhaufen!

    Ich bin dann auch nach unter 2 Jahren weg, da andere die vollen 5 durchgehalten haben OHNE den Dr. zu erhalten, wissenschaftlich war DA (trotz 2 Instituten!) eher nicht so viel - im Lehrkörper; die Assis waren durchaus promotionswert. Schnell gab es den Titel auf 2 Wegen ... entweder als Frau ODER wenn Papas "Fleischerei, sag ich mal (aber vegetarisch ;-)" - sponsorierend tätig wurde.

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