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  • Dr. John D. Zoidberg

mehr als 1000 Beiträge seit 02.09.2003

Die Wahrheit, jetzt, hier.

Das Problem in Deutschland ist zumindest zum Teil hausgemacht. Das, was Jahrzehnte lang beweihräuchert wurde, duales Ausbildungssystem und so, führt zu einer grenzenlosen und in Europa einzigartigen Inflexibilität.

Habe ca. 2000 im Ausland gearbeitet. Da kamen damals haufenweise Leute aus Deutschland, die teils keine Ausbildung oder fehlende Papiere hatten. Die kriegten in einem Nachbarland bei Arbeitgebern schlicht eine Chance. Viele davon waren clever und sind heute in hoch qualifizierte Jobs rein gewachsen.

Meanwhile in Deutschland. Da gibt es Leute mit echt geilen Lebensläufen, zum Beispiel IT (ich kenne da einen ganz gut, har har). Denen rennen die Headhunter die Bude ein, aber der Betreffende hat keinen Bock mehr auf Bullshit-Jobs. Und meine Güte, ist das teilweise Bullshit. Da machst Du in Konzernen eigentlich 80% des Tages irgend welchen Overhead - sinnlose Meetings, ABM Massnahmen. Es kommen Headhunter mit Stellenanzeigen, die sind so inhaltsleer und wirr und voller Buzzword Bingo dass sich selbst die Headhunter dafür entschuldigen wollen (mein Highlight war eine von einem Flugzeugbauer, über die haben wir uns im Bekanntenkreis schlicht beömmelt, so unfassbar "buzzwordy" und leer war die).

Der betreffende möchte sich also nochmal beruflich verändern. Hat zwar IT Fach-Background, aber auch 1a Zeugnisse. Haufenweise "Soft Skills" Training teils echt hochtrabender Coleur. Kundenerfahrung. Auslandserfahrung, mehrere Sprachen. Interdisziplinäres IT-Einhorn. Einer von 0,000004% der IT'ler, der sich für IT- und Datenschutzrecht begeistern könnte. Er bewirbt sich seit Jahren in Deutschland, nicht als "Keyboard Warrior" sondern auf andere qualifizierte Jobs mit lediglich "Schnittstellen zur IT".

Und, was passiert? Es ist total unmöglich sich auch nur marginal zu verändern. In Deutschland hast Du echt den Job-Chip aus Futurama implantiert, in Form deiner bisherigen Job Historie oder deines 25 Jahre alten Ausbildungsabschlusses. Für Konzerne sind Quereinsteiger scheinbar undenkbar. Und kleine Firmen? Ha! Die würden meinen "Bekannten" ja gerne einstellen. Aber lehnen dann ab mit "Oh noes! Sie sind uns bestimmt zu teuer!"

DAS ist die Realität hier. Unternehmen, die, selbst wenn man denen sagt dass man für WENIGER Geld arbeiten würde als man heute kriegt, weil man für den potentiellen Job "brennt", ablehnen mit "Sie sind sicher zu teuer" ohne jemals eine Gehaltsverhandlung geführt zu haben! Weil die genau wissen, dass sie für einen qualifizierten Job nicht mehr zahlen wollen als der Discounter seinen Kassierer*innen!

Ich bin inzwischen fest überzeugt, es gibt (neben wenigen Ausnahmen, die man per Vitamin B kriegt) primär diese Arten von offenen* Stellen:

1. Bullshit-Jobs bei Firmen, wo HR passgenau auf den Wunschkandidaten mit passender Schuhgröße, siebzehn Tech Stacks der letzten vier Monate, und Diplom in allem warten (50% der dreihunderttausend Seiten Tech Jobs auf den gängigen Plattformen)

2. Jobs, die gar nicht existieren (die anderen 50%)

3. Ausbeuter, die Peanuts zahlen wollen und dann jammern. Super zu erkennen daran, dass sie qualifizierte Leute per Arbeitsamt suchen, und dass die Jobs dann mehr als ein Jahr bei EURES oder so offen sind,

Ne, so wird das nix mehr hier.

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