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  • archenoe

mehr als 1000 Beiträge seit 05.02.2004

Interpretationsmöglichkeiten

Es gibt keine anderen und besseren Zahlen/Daten als die vom RKI, von John Hopkins U., Worldometer, Corona in Zahlen u.Ä. (die Links sind alle bekannt). Also muss man sie wohl verwenden.

Interpretationsmöglichkeiten für ausgewählte west-, nord- und südeuropäische Staaten

- Die europäischen Länder mit den geringsten Kontaktbeschränkungen seit Spätsommer/Frühherbst sind besonders früh von der Omikronwelle betroffen, besonders Dänemark und Großbritannien.
- Einige Staaten hatten ab Oktober eine starke oder sehr starke Deltawelle, v.a. Österreich, Belgien, Niederlande und Deutschland, deren Inzidenzen zur Zeit noch sinken, wegen drastischer Maßnahmen in Österreich rapide. In solchen Staaten schneidet sich die abnehmende Deltawelle mit der schnell zunehmenden Omikronwelle, so dass die explosionsartigen Inzidenzzuwächse in diesen Staaten verzögert einsetzen.
Bedeutsam wird in diesen Staaten sein, wie hoch noch die Deltainzidenz ist, bis Omikron die Vorherrschaft übernimmt.
- Dieser Zusammenhang wirkt sich jetzt im Sonderfall Großbritanniens negativ aus, das ab Mitte des Jahres mit der Begründung, die vulnerablen Gruppen der Gesellschaft seien zu einem sehr hohen Prozentsatz doppelt geimpft, Kontaktbeschränkungen weitgehend eingestellt hat. Folge war ein bereits ziemlich hohes Deltainzidenzniveau ab Anfang Juli, auf dem nun die rasante Omikronwelle seit Dezember aufsetzt. Aktuelle Inzidenz: 796.
- Dänemark hatte von Februar bis Mitte Oktober 2021 eine niedrige oder tolerable Inzidenz und eine schnell auf ein hohes Niveau anwachsende Impfquote und galt deshalb quasi als Musterschüler Europas. Auf diesem Hintergrund gab Dänemark im September nahezu fast alle nicht-medizinischen Maßnahmen gegen die Virusausbreitung auf. Das scheint Dänemark nun büßen zu müssen, weil es von Mitte Oktober an nach einer 4-wöchigen Phase sehr niedriger Inzidenzen (deutlich unter 100) innerhalb von sechs Wochen bis zum 30. November mit Delta auf 500 hochschnellte und nun innerhalb von drei Wochen mit Delta und Omikron eine weitere Verdoppelung auf eine Inzidenz von 1082 zu verkraften hat.
- Die Staatsregierungen Großbritanniens und Dänemarks versuchen nun hektisch nachzusteuern. In Österreich ist wegen der Inzidenzen die Reißleine noch relativ schnell gezogen worden, die Niederlande haben es gerade getan. Belgien und v.a. Deutschland justieren zwar nach, aber noch deutlich weniger einschneidend und zögerlicher.
- Frankreich, Spanien, Portugal und Italien haben allesamt ein gewolltes Zwischenhoch der Inzidenzen wegen des profitablen Tourismus im Juli/August 2021 akzeptiert. Am besten hat dabei Italien wegen auch während der Reisesaison gezielter Maßnahmen abgeschnitten. Die hingenommenen Höchstinzidenzen während der touristischen Saison waren folgende: Italien 75, Portugal 226, Spanien 408, Frankreich 418. Nach der Saison fielen in allen vier Tourismus-Staaten die Inzidenzen auf relativ niedrige Werte, die sich aber seit November (Delta) und Dezember (Delta und Omikron) schnell gesteigert haben. Italien 271, Portugal 303, Spanien 354, Frankreich 543. Auch hier ist der Zusammenhang zwischen dem Niveau der Delta-Inzidenz und dem der beginnenden Inzidenz festzustellen, in der Delta noch wirkt, aber Omikron schnell übernimmt. Das übrigens verspricht für Deutschland nichts Gutes, es sei denn, die morgige MPK kann den ehemaligen Hauptwarner Lauterbach, der als Minister schnell zum Trostspender und Mutmacher mutiert ist, wieder einfangen und von doch noch einigermaßen zügigen Gegenmaßnahmen überzeugen. Nach Lauterbachs vollmundiger Ankündigung, es werde keinen Lockdown vor Weihnachten geben, wäre der 27.12.2021 ideal für den Beginn wirksamer Kontaktbeschränkungen, weil es nach Weihnachten und ein Montag ist. Zwar zu spät, aber immerhin.
- Die nordeuropäischen Staaten geben neben Dänemark ein einigermaßen diffuses Bild ab.
Norwegen glänzt mit einer Letalitätsrate von nur 0,3 %, hatte im September eine mittelstarke Delta-Welle, die bis auf eine Inzidenz von 187 anstieg, um dann bis Mitte Oktober auf Inzidenzen zwischen 50 und 60 abzufallen. Dann aber kam eine weitere heftigere Deltawelle, die bis zum 30. November auf 338 kletterte, um von da aus wohl zusammen mit Omikron innerhalb von 16 Tagen auf 622 hochzuschießen. Was von der Abnahme auf 595 bis zum 20 Dez. zu halten ist (Meldeprobleme wie in Deutschland?) wird sich in den nächsten Tagen/Wochen zeigen.
Finnlands Inzidenzen liegen insgesamt auf relativ niedrigem Niveau. Eine kleine Delta-Welle, die Mitte August 110 erreichte, wurde von relativ stabilen Inzidenzwerten bis Anfang November deutlich unter 100 abgelöst, verdoppelte sich aber von etwa Mitte November bis zum 20 Dez. auf 221.
Schweden, das lange als Gegenmodell zu den Staaten mit schärferen Einschränkungen und angeblich besseren Ergebnissen v.a. gegenüber Deutschland gehandelt wurde, hat offenbar zu viele Infektionen v.a. auch der vulnerablen Gruppen zugelassen. Vergleicht man Schweden mit Deutschland, fällt zuerst einmal die um 25 % höhere Testaktivität auf, so das die um ein Drittel höhere Infektionsrate von 12,3 % der Bevölkerung gegenüber 8,19 % in Deutschland das Bild verzerrt. Die Dunkelziffer in Deutschland ist höher als in Schweden, so dass die tatsächlichen Infektionsraten nicht so deutlich auseinander liegen dürften, wie es von den Daten her erscheint. Dennoch haben die Schweden zu viele Infektionen zugelassen, denn trotz geringerer Letalitätsrate - 1,22 % zu 1,59 % - hat Schweden pro 1 Mio. Einwohner 15 % mehr Coronatote zu beklagen als Deutschland. Bezüglich des Verlaufs der Inzidenzen ist Schweden außergewöhnlich. Zwei mächtigen Infektionswellen mit Höhepunkten im Januar mit einer Inzidenz von 516 und im April 2021 von 438 und einem zwischenzeitlichen Absinken auf 200 folgt eine lange Phase zwischen Mitte Juni und Ende November, in der das Virus scheinbar insbesondere den Schweden nur noch wenig anhaben konnte. Die Inzidenz lag immer unter 100, oft unter 50. Am 30. November lag die Inzidenz bei 99,5. Dann aber erwischte es auch Schweden wieder, wahrscheinlich mit Omikron, denn heute am 20. Dezember liegt die Inzidenz bei 213.
- Die Impfquote der skandinavischen Staaten liegt übrigens bis auf Dänemark bei 70 - 73 %, Dänemark sticht mit 77 % etwas heraus.

Fazit und Konsequenzen

Die Pandemiebarbeitung ist in allen europäischen Staaten inkonsistent. Vor die Wellen kommt kein Staat mit seinem Maßnahmen, so unterschiedlich sie auch erscheinen. Die Impfungen als Hauptmaßnahme sind offenbar mildernd, was schwere Verläufe und Letalitätsrate betrifft. Das kann man an den beiden Schaubildern auf der Startseite von Worldometer leicht erkennen - Vergleich von "Daily New Cases" mit "Daily Deaths". Das kann aber auch an Deutschland exemplarisch gezeigt werden. Von in der Spitze 4,7 % im April/Mai 2020 in der ersten Welle sinkt die Letalitätsrate im Spätsommer 2020 sukzessive auf unter 2 %, steigt dann wieder ohne nennenswerte Impfwirkungen bis Mai 2021 auf 2,9 % und sinkt dann trotz hoher Inzidenzen ab Ende Oktober 2021 wegen Impfwirkungen auf knapp 1,6 %. Die Letalitätsrate bezogen auf die vergangenen drei oder vier Monate liegt noch tiefer, denn die 1,6 % Letalitätsrate ist bezogen auf die gesamte Pandemiezeit (Zahlen dazu habe ich nicht gefunden)und schleppt deshalb die hohen Letalitätsphasen von 2020 und Winter 2020/21 mit.

Dennoch, Omikron erwischt die Staaten wieder auf traumtänzerischem Fuß, ob nun die Fluchtreaktion des Virus durch nach wie vor hohe Infektionszahlen oder auch durch Impfen in eine Pandemie hinein begünstigt wird, ist dabei gar nicht entscheidend, denn ohne Impfung und nur mit nicht-medizinischen Maßnahmen lässt sich der Pandemie nicht beikommen, wie z.B. exemplarisch Vietnam zeigt, dass bis Juli 2021 wegen nicht-medizinischer Maßnahmen und anderen günstigen Bedingungen scheinbar mit SARS-CoV-2 gar nichts zu tun hatte. Dann aber gab es auch dort bei extrem niedriger Impfquote hohe Inzidenzen, zumindest im Vergleich zu fast gar keinem Infektionsgeschehen vorher (aktuell hat Vietnam eine Inzidenz von 130 und knapp 30.000 Covid-Tote zu beklagen (fast alle ab Juli/August 2021)). Inzwischen bekämpft auch die vietnamesische Regierung die Pandemie mit Impfungen (77 % Erstimpfungen).

Es gibt keine Alternative (diese Redewendung lehne ich normalerweise ab, aber es handelt sich um eine wahrscheinlich durchaus kapialismusinduzierte, nun aber biologische Krise) zu einer Mischung aus nicht-medizinischen Maßnahmen, Druck auf die Entwicklung antiviraler Medikamente und Impfungen (inkl. Impfentwicklung). Das aber ist angesichts der Aufgabe für die Staatsregierungen und Parlamente immer schon konterkariert durch die alles überformende Notwendigkeit, die Kapitalverwertung in privatkapitalistischer Weise nicht zu stark zu behindern.

Vor die Wellen zu kommen, scheint in diesem Modus unmöglich. Der gesellschaftliche Druck auf die politische Klasse, es wenigstens zu versuchen und das heißt nichts weniger, als nicht-medizinische Maßnahmen rechtzeitig zu verschärfen, müsste dazu stärker werden. Leider agiert eine laute Minderheit in die gegenteilige Richtung und fordert die Aufhebung aller Anti-Corona-Maßnahmen.

Es sieht nicht gut aus.

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