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  • Irwisch

mehr als 1000 Beiträge seit 22.03.2005

Depression soll eine Krankheit sein?

Im Juni 2020 hatte ich bereits darüber geschrieben, daß Psychische Störungen keine Fehlfunktion des Gehirns darstellen. (1)

In unserer Gesellschaft wie auch in allen anderen ähnlich strukturierten Zivilisationen neigt der angepaßte Durchschnittsmensch immer stärker dazu, Menschen als psychisch oder geistig krank wahrzunehmen und zu beurteilen, die ein mehr oder weniger auffälliges Verhalten zeigen. Der Obdachlose, der auf der Straße bettelt, der Jugendliche, der seine Zerstörungswut und damit seinen Selbsthaß auslebt, der Zwanghafte, der mehrmals überprüft, ob er auch das Gas ausgemacht hat, bevor er die Wohnung verläßt, oder gar jene, die offensichtlich mit sich selbst sprechen (was heute kaum noch auffällt, man vermutet erstmal ein Handy am Ohr, bis man genauer hinsieht) – all diese Menschen gelten dem Otto Normalverbraucher als psychisch gestört. Daß sich der Störungsbegriff weit mehr auf die Normalen bezieht, die sich von solcher Wahrnehmung tatsächlich häufig gestört fühlen, wird nur selten realisiert.

Wer keinen Schmerz mehr empfindet, lebt gefährlich

Wie bereits Erich Fromm erklärt hat, zeigt der Mensch, der als psychisch krank bezeichnet wird, daß bei diesem einiges in seiner Seele noch nicht so stark der Verdrängung und Abspaltung anheim gefallen ist wie bei angepaßten Menschen. Die angeblich Kranken geraten in Konflikt mit gesellschaftlichen Strukturen und entwickeln daraufhin gewisse Symptome. Letztere sind nicht wirklich Ausdruck einer Funktionsstörung, sondern evolutionär entwickelte Auswege in Form von seelischen und oft auch körperlichen Schmerzen, die den Konflikt anzuzeigen, ihn dem Betroffenen wahrnehmbar machen und nicht – wie bei der Verdrängung –, um dem Schmerz zu entrinnen, ihn praktisch zu betäuben. Der Verdränger gibt dabei einen Teil seines Selbst auf, der angeblich seelisch Kranke gibt sich gewöhnlich weniger auf. Würden wir bei Entzündungen z.B. im Zahnfleisch keinen Schmerz empfinden, gingen wir nicht zum Zahnarzt und unser Schädelknochen würde durch den Eiter, der sich dabei unweigerlich bildet, weich werden und sich langsam auflösen – tödlich! Fromm weiter:

Aber sehr viele Menschen – das heißt, die Normalen – sind so angepaßt; die haben alles, was ihr Eigen ist, verlassen. Die sind so entfremdet, so instrumenten-, so roboterhaft geworden, daß sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden. Das heißt: Ihr wirkliches Gefühl, ihre Liebe, ihr Haß, das ist schon so verdrängt oder sogar schon so verkümmert, daß sie das Bild einer chronischen leichten Schizophrenie bieten.

Karl Marx soll einmal gesagt haben, daß die Geschichte gar nichts tue, sie kämpfe keine Kämpfe und gewinne keine Schlachten. Alles, was in diesem Zusammenhang getan wird, tun Menschen – Menschen, die von der Gesellschaftsstruktur dazu manipuliert werden, sich dem sozialen Druck zu beugen und sich so anzupassen, daß sie am Ende gerne tun, was ihnen befohlen bzw. von ihnen verlangt wird. Propaganda sorgt vor jedem geplanten Krieg für die dazu notwendige Kriegsbereitschaft in der Bevölkerung. Propaganda greift direkt in das Gefühlsleben der Menschen ein, umgeht dabei das kritische Denken und hetzt die Menschen gegen den erklärten Feind auf. Dieses Muster durchzieht alle historisch bekannten Kriege, ohne vorbereitende Aufhetzung der Bevölkerung gibt es keinen Krieg.

Doch zurück zu den »psychischen Störungen«. In einer kurzen Zusammenfassung – Über Depression, die keine Krankheit ist – Die Vernebelung des Begriffs der empfundenen Bedrückung und weitere Zusammenhänge (2) – habe ich u.a. darüber geschrieben, daß wir in einer Gesellschaft leben, die bereits in ihrer Grundstruktur so aufgebaut ist, daß viele in eher bedrückenden als beglückenden Verhältnissen ihr Dasein fristen müssen. Die künstliche Verknappung von Geld und Gütern des täglichen Bedarfs stellt dabei nicht die einzige Voraussetzung zur Bedrückung dar. Das Arbeiten im Niedriglohnsektor, das Leben in der Hartz-IV-Situation, die ganze strukturelle Gewalt in unseren entwickelten Industriegesellschaften rufen massenhaftes Leiden hervor. Nach neoliberalem Verständnis sei zwar jeder seines eigenen Glückes Schmied und damit selber schuld, wenn er in finanzielle und materielle Nöte gerät. Doch daß das nicht stimmen kann, zeigt sich heute in Corona-Zeiten verstärkt, wo zig Millionen Menschen in Europa ihre Arbeit und damit ihr Einkommen verlieren und dann oft nicht wissen, woher sie am nächsten Tag Nahrung erhalten können.

Auch die zahlreichen Hartz-IV-Empfänger leiden darunter, daß die Tafeln geschlossen oder nur noch eingeschränkt zugänglich sind. Man muß im Freien bei Eiseskälte Schlange stehen, was für einen rheumageplagten und rückengschädigten Menschen wie mich unzumutbar ist. Ich kann daher nicht mehr zur Tafel, weil ich die Warterei körperlich nicht mehr durchstehe; ich muß seither damit leben, daß mir immer um den 25sten herum das Geld ausgeht, egal wie sehr ich zu sparen versuche. Das heißt, ich weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, was es mit der Bedrückung auf sich hat. Hält sie länger an – das ist quasi vorprogrammiert in diesen Zeiten –, gilt sie plötzlich als Krankheit? Doch wie soll man sich aus der Bedrückung befreien, wenn die Umstände, die sie hervorrufen, andauern? Das geht nicht! Natürlich könnte man sich durch das sog. Positive Denken die Welt und die Umstände schöndenken und -reden. Doch damit entfremdet man sich von sich selber: Man verliert die Fähigkeit, kritisch zu denken und zu beurteilen, man stützt sich auf Illusionen und verliert dabei die Orientierung. Und es hilft auch nicht, wenn am Ende noch zu viel Monat übrig ist.

Der Ursprung der Bedrückung oder Depression liegt gewöhnlich nicht in den Betroffenen, sondern im Außen, im Umfeld, in der Sozialstruktur und in den Umständen, denen sie ausgesetzt sind. Gesellschaften sind in der Regel so aufgebaut, daß sie ausweglose Situationen für gewisse Schichten gesetzmäßig produzieren. Modern an den heutigen Gesellschaften ist im Prinzip nur die verfügbare Technik, Maschinen, Computer etc., nicht aber die grundlegende Struktur. Die entspricht noch immer dem tausende Jahre alten Pyramidensystem: Unten die breite Masse, die alles erwirtschaftet und die notwendigen Arbeiten erledigt, oben die wahren Arbeitslosen, die Nutznießer, die von leistungslosen Spitzeneinkommen leben.

Aus meiner Sicht besteht das hauptsächliche Problem darin, daß der Mensch in archaischen Gesellschaften, zu denen alle Industrienationen jeglicher Religionsrichtung gehören, bereits als Kleinkind so programmiert wird, daß er quasi ständig im Modus des Ausagierens und Ersatzbefriedigens handelt. Man installiert eine fundamentale Unterwerfungs- und Gehorsamsbereitschaft, indem man ihm, kaum daß er geboren wurde, die natürliche Entwicklung eines voll integrierten Selbst verweigert. Wie Arno Gruen in seinem Vortrag »Die Konsequenzen des Gehorsams für die Entwicklung von Identität und Kreativität« (2003) ausführte, identifizieren sich kleine Kinder mit dem Aggressor (den erziehenden Eltern), weil allein schon die Vorstellung einer Trennung von der Mutter oder der Familie in der Vorstellung des Kindes eine tödliche Bedrohung darstellt: »Terror kippt in Geborgenheit um«. (2 - S. 7)

https://www.youtube.com/results?search_query=Arno+Gruen

Anmerkungen

(1) Depression ist keine Krankheit

(2) irwish.de/PDF/Psychologie/_Sonstige/Depression-Bedruecktheit.pdf

Weitere Literatur

Josef Giger-Bütler: Depression ist keine Krankheit – Neue Wege, sich selbst zu befreien (2012 Beltz Verlag, Weinheim und Basel, ISBN 978-3-407-22460-6)
Es läuft vieles falsch in der Wahrnehmung und Beurteilung depressiven Erlebens. Was gar nichts mit einer Depression zu tun hat, wird ihr dennoch zugeschrieben. Und auffällig ist, wie resistent diese Fehlannahmen und Beurteilungen sind, wie sie von Generation zu Generation weitergegeben und in Büchern immer wieder neu beschrieben werden und sich damit verfestigen. Leseprobe:
https://www.beltz.de/fileadmin/beltz/leseproben/978-3-407-85940-2.pdf

Martin E. P. Seligman: Erlernte Hilflosigkeit – Über Depression, Entwicklung und Tod
Martin Seligmans bahnbrechender Erklärungsansatz, wie die Erfahrung von Unkontrollierbarkeit zu Hilflosigkeit und in Folge zu Depression, Angst und Apathie führt, war Ausgangspunkt unzähliger Untersuchungen und theoretischer Erklärungsmodelle sowohl in der Entwicklungspsychologie, Sozialpsychologie und Klinischen Psychologie wie auch inder Pädagogik und Soziologie. Die Bandbreite des Modells der »Erlernten Hilflosigkeit« reicht von der Erklärung psychopathologischerSymptome bis hin zur Erforschung gesellschaftlicher Zustände wie Armut und Arbeitslosigkeit.
https://docplayer.org/32749190-Erlernte-hilflosigkeit.html

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Das Posting wurde vom Benutzer editiert (11.03.2021 13:04).

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