Die Entwicklung von Marxens Laufbahn vom Jurastudenten über die Philosophie hin zum Theoretiker der Nationalökonomie ist schon ziemlich faszinierend. Mit der heutigen Studienordnung wäre so etwas wahrscheinlich weit schwieriger.
Ich fand an den ersten paar Bänden MEW die fortschreitende Entwicklung seiner Ansätze sehr interessant, wobei ich natürlich wohl kaum die Hälfte wirklich verstanden habe, mangels philosophischem Basiswissen. An seinen Texten zu Hegel merkt man schon, dass er ihn schon respektierte, aber ihn nach und nach überwindet. Das war wohl ein sehr grundsätzlicher Charakterzug von ihm, dass er sich von anfänglicher Begeisterung für Personen und deren Ideen sich nie davon abhalten liess, alles noch mal in Frage zu stellen und Brücken abzubrechen, wenn Diskrepanzen zwischen Theorie und Realität bemerkbar wurden.
Was nun aber die Frage betrifft, ob und wie ein Umdenken möglich ist, da muss man glaube ich eher bei den späteren Werken nach Antworten suchen. Mit dem Scheitern der europäischen revolutionären Bewegungen von 1848 setzt ja, soweit ich das bislang überblicke, auch bei Marx ein Prozess der Ernüchterung und Vertiefung ein. Die kommenden paar Jahrzehnte verbrachte er mit einer tiefen, leider nie vollendeten Analyse der bestehenden Verhältnisse, die auch durch seine eher mässigen Talente als Finanzmathematiker schon ein Stück weit behindert wurden, wenn man sich den bereits posthum herausgegebenen 2. Band des Kapital mit den eher gequälten Rechenexempeln anschaut. Vom Ansatz her hatte er schon erkannt, dass ein Schlüssel für die Veränderung der Gesellschaft im tiefgreifenden Verständnis der bestehenden Verhältnisse und ihrer Dynamik liegt. Das Thema ist aber wohl so multidisziplinär angelegt, daß viel theoretisches und praktisches Wissen aus vielen Gebieten zusammenkommen muss, um nicht nur eine ebenso allgemein wie individuell anstrebenswerte und innerhalb der Beschränktheit menschlicher Kondition realisierbare Zukunftsvision aufzuzeigen, sondern auch tatsächlich einen Weg zu finden, wie man dorthin kommt, bevor unsere physische Existenz für das Weiterbestehen des Kapitalismus obsolet geworden ist. Witzigerweise hat der Kapitalismus bereits Abwehrmassnahmen gegen die Geisteswissenschaften entwickelt und arbeitet daran, sich auch auf anderen Gebieten von uns autonom zu machen...