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  • exkoelner

mehr als 1000 Beiträge seit 28.06.2012

"Bestimmtheit des Denkens durch das Sein"

"Marx' Satz von der Bestimmtheit des Denkens durch das Sein mit dem entscheidenden Hinweis versehen werden muss, dass das Denken sehr wohl frei ist, über die gegebenen Verhältnisse hinauszugehen, also Einsicht in die Notwendigkeit ihrer Veränderung zu gewinnen."

Und das ist eben das Problem. Das Sein bestimmt das Denken. Und die Fähigkeit, über die gegebenen Verhältnisse hinauszugehen, fällt auch nicht vom Himmel. Die Grundlagen dafür werden schon früh gelegt, und die wenigsten haben dafür ideale Umstände. Das humbold´sche Bildungsideal galt per se real nur fürs gehobene Bürgertum, und sickerte eventuell ein wenig in den 70er/80ern durch die in den 68ern ausgebildeten Lehrer, in die Arbeiterklasse. Für eine gewisse Zeit. Die familiären Verhältnisse der meisten brachten sie nicht im Kindesalter schon mit anregenden Frei- und Querdenkern, mit polyglott Bewanderten in Kontakt. Die TV-Serie "Ein Herz und eine Seele" brachte überspitzt einen Einblick in die Denk- und Umwelt des deutschen Pütt-Malochers der 60/70er. Aber in der katholisch geprägten rheinischen oder bayerischen Provinz sah es vielleicht anders aus, aber sicher nicht besser. Ähnlich eng im Denken wars überall.

Der fortschreitende Wohlstand der Arbeiterklasse nach WKII., die historisch einmalige Situation, das selbst einfachste Menschen mehrheitlich sich durch eigene Hände Arbeit in nur einer Generation in bürgerlichen Wohlstand erheben konnten, versetze die meisten erst in eine Situation, über Zeit und Mittel, und damit über Anregungen zu verfügen, "über die gegebenen Verhältnisse hinauszugehen". Und gleichzeitig bestätigte das, das herrschende System - mit allem Zipp und Zapp, also auch den Regeln des Kapitals, des Eigentums, der repräsentativen Demokratie. Noch nie ging es uns so gut. Also folgte eine "Revolution", eine "Einsicht in die Notwendigkeit ihrer Veränderung" im Wasserglas. Und in den Ausklängen dessen leben wir heute.

Behauptung: Das Bildungssystem ist heute eine Dogmen-Falle und Verwahranstalt, die von Anregung für die Persönlichkeitsentwicklung soweit weg ist, wie preussische Volksschulen - nur das jetzt auch Universitäten dazu gehören.

Die Jugend bietet mit der auch hormonell getriggerten Rebellion immer ein gutes Potential zum Umdenken, weil es bezeichnend für dieses Alter ist, gegen bestehendes aufzubegehren. Nur ist das auch denen bekannt, die ein Umdenken oder gar chaotisches Neudenken nicht wünschen, und nutzen diese leichte Beeinflussbarkeit geschickt für weitere "Revolutionen" im Wasserglas, wie FFF, um grundsätzliche Veränderungen des Denkens erst gar nicht entstehen zu lassen. Green washed capitalism.

Wahrscheinlich sind wir heute ferner denn jeh, von Individuen die Denken frei betreiben, als vor noch wenigen Jahrzehnten.

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  • Avatar von Pearphidae
    • Pearphidae

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.11.2021

    Antwort auf "Bestimmtheit des Denkens durch das Sein" von exkoelner.

    exkoelner schrieb am 21.11.2021 09:14:

    "Marx' Satz von der Bestimmtheit des Denkens durch das Sein mit dem entscheidenden Hinweis versehen werden muss, dass das Denken sehr wohl frei ist, über die gegebenen Verhältnisse hinauszugehen, also Einsicht in die Notwendigkeit ihrer Veränderung zu gewinnen."

    Und das ist eben das Problem. Das Sein bestimmt das Denken. Und die Fähigkeit, über die gegebenen Verhältnisse hinauszugehen, fällt auch nicht vom Himmel. Die Grundlagen dafür werden schon früh gelegt, und die wenigsten haben dafür ideale Umstände. Das humbold´sche Bildungsideal galt per se real nur fürs gehobene Bürgertum, und sickerte eventuell ein wenig in den 70er/80ern durch die in den 68ern ausgebildeten Lehrer, in die Arbeiterklasse. Für eine gewisse Zeit. Die familiären Verhältnisse der meisten brachten sie nicht im Kindesalter schon mit anregenden Frei- und Querdenkern, mit polyglott Bewanderten in Kontakt. Die TV-Serie "Ein Herz und eine Seele" brachte überspitzt einen Einblick in die Denk- und Umwelt des deutschen Pütt-Malochers der 60/70er. Aber in der katholisch geprägten rheinischen oder bayerischen Provinz sah es vielleicht anders aus, aber sicher nicht besser. Ähnlich eng im Denken wars überall.

    Der fortschreitende Wohlstand der Arbeiterklasse nach WKII., die historisch einmalige Situation, das selbst einfachste Menschen mehrheitlich sich durch eigene Hände Arbeit in nur einer Generation in bürgerlichen Wohlstand erheben konnten, versetze die meisten erst in eine Situation, über Zeit und Mittel, und damit über Anregungen zu verfügen, "über die gegebenen Verhältnisse hinauszugehen". Und gleichzeitig bestätigte das, das herrschende System - mit allem Zipp und Zapp, also auch den Regeln des Kapitals, des Eigentums, der repräsentativen Demokratie. Noch nie ging es uns so gut. Also folgte eine "Revolution", eine "Einsicht in die Notwendigkeit ihrer Veränderung" im Wasserglas. Und in den Ausklängen dessen leben wir heute.

    Behauptung: Das Bildungssystem ist heute eine Dogmen-Falle und Verwahranstalt, die von Anregung für die Persönlichkeitsentwicklung soweit weg ist, wie preussische Volksschulen - nur das jetzt auch Universitäten dazu gehören.

    Die Jugend bietet mit der auch hormonell getriggerten Rebellion immer ein gutes Potential zum Umdenken, weil es bezeichnend für dieses Alter ist, gegen bestehendes aufzubegehren. Nur ist das auch denen bekannt, die ein Umdenken oder gar chaotisches Neudenken nicht wünschen, und nutzen diese leichte Beeinflussbarkeit geschickt für weitere "Revolutionen" im Wasserglas, wie FFF, um grundsätzliche Veränderungen des Denkens erst gar nicht entstehen zu lassen. Green washed capitalism.

    Wahrscheinlich sind wir heute ferner denn jeh, von Individuen die Denken frei betreiben, als vor noch wenigen Jahrzehnten.

    Hat sich jemand erst einmal vor einen fremden Karren spannen lassen, hat er keine Zeit mehr, selbst zu denken. Er hat gar nicht mehr die Möglichkeit, einen anderen Weg einzuschlagen, denn er wird stetig angetrieben, den Wegen seines Geistes Herrn zu folgen.

    Selbst bei Erkenntnis schlägt er keine andere Richtung ein, weil er die physischen Prügel seines psychischen Herrn und dessen Truppen fürchtet.

    Die Vernunft rudelt sich leider nicht so dicht zusammen, wie es Unvernunft tut und kann einem Abrtünnigen deshalb keine alternative Gemeinschaft bieten, in der er sich geborgen fühlen kann.

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  • Avatar von blu_frisbee
    • blu_frisbee

    mehr als 1000 Beiträge seit 12.09.2002

    Re: "Der fortschreitende Wohlstand der Arbeiterklasse"

    Antwort auf "Bestimmtheit des Denkens durch das Sein" von exkoelner.

    exkoelner schrieb am 21.11.2021 09:14:

    Der fortschreitende Wohlstand der Arbeiterklasse nach WKII., die historisch einmalige Situation, das selbst einfachste Menschen mehrheitlich sich durch eigene Hände Arbeit in nur einer Generation in bürgerlichen Wohlstand erheben konnten, versetze die meisten erst in eine Situation, über Zeit und Mittel, und damit über Anregungen zu verfügen, "über die gegebenen Verhältnisse hinauszugehen".

    Wie hattens die Bergarbeiter damals geschafft, nach der Schicht im Pütt noch Fußballvereine zu gründen? Das fehlende Fernsehen?
    Marx hatte erwartet daß die Proletarier den Geländegewinn im Klassenkampf nutzen für sich (->Lohn, Preis, Profit).
    Statt dessen waren sie in nationaler Verblendung bereit das Elend aufs Ausland zu verlagern und selbst zur Arbeiteraristokratie zu werden.
    Was ist eigentlich aus der sozialistische Internationale geworden?
    Auch ein Hartz4er beutet Drittweltarbeiter aus, sonst wär LIDL nicht so billig.

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  • Avatar von faktencheck
    • faktencheck

    971 Beiträge seit 06.07.2021

    Antwort auf "Bestimmtheit des Denkens durch das Sein" von exkoelner.

    Das Zitat von Marx lautet korrekt:

    „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. “ – Marx

    Der Begriff Denken taucht also gar nicht auf.

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  • Avatar von c.renée
    • c.renée

    mehr als 1000 Beiträge seit 29.03.2011

    Antwort auf Re: "Bestimmtheit des Denkens durch das Sein" von faktencheck.

    Das Zitat stammte aus dem Artikel.

    Schön, dass Sie das Originalzitat auswendig kennen. Kennen Sie auch den Zusammenhang von "Bewusstsein" und "Denken"? Oder sind das für Sie einfach nur Begriffe, welche nichts miteinander zu tun haben? Ihr Beitrag klingt jedenfalls danach.

    :-|

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  • Avatar von faktencheck
    • faktencheck

    971 Beiträge seit 06.07.2021

    Antwort auf Re: "Bestimmtheit des Denkens durch das Sein" von c.renée.

    c.renée schrieb am 21.11.2021 19:42:

    Das Zitat stammte aus dem Artikel.

    Schön, dass Sie das Originalzitat auswendig kennen. Kennen Sie auch den Zusammenhang von "Bewusstsein" und "Denken"? Oder sind das für Sie einfach nur Begriffe, welche nichts miteinander zu tun haben? Ihr Beitrag klingt jedenfalls danach.

    :-|

    Denken bedingt Bewusstsein, Bewusstsein erzeugt nicht zwangsläufig denken.

    Außerdem ist das Ursprungszitat in den Originalmanuskripten von Marx ein ganz Anderes.

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  • Avatar von SoShy
    • SoShy

    mehr als 1000 Beiträge seit 01.09.2018

    Antwort auf Re: "Der fortschreitende Wohlstand der Arbeiterklasse" von blu_frisbee.

    blu_frisbee schrieb am 21.11.2021 12:48:

    exkoelner schrieb am 21.11.2021 09:14:

    Der fortschreitende Wohlstand der Arbeiterklasse nach WKII., die historisch einmalige Situation, das selbst einfachste Menschen mehrheitlich sich durch eigene Hände Arbeit in nur einer Generation in bürgerlichen Wohlstand erheben konnten, versetze die meisten erst in eine Situation, über Zeit und Mittel, und damit über Anregungen zu verfügen, "über die gegebenen Verhältnisse hinauszugehen".


    Statt dessen waren sie (die Arbeiter (eingefügt SoShy))in nationaler Verblendung bereit das Elend aufs Ausland zu verlagern und selbst zur Arbeiteraristokratie zu werden.

    Ja ich kann mich noch genau erinnern. Als ich damals in riesigen Produktionshalle stand und mit einer Schleifmaschine Schweissnähte reinigte. Da kamen die Gewerkschaftler zu mir und fragten:
    "Willst Du das Elend auf das Ausland verlagern und selbst zur Arbeiteraristokratie werden?"

    Ehrlich gesagt hatte ich das gar nicht so recht verstanden, in der Halle wurden riesige Metallröhren hergestellt. Wenn die gehämmert wurden, war es ohne Micky Maus nicht auszuhalten (Gehör Schutz). Aber der Kumpel sagte ja, da habe ich einfach auch genickt. Er erklärte mir den Vorgang dann später.

    Sorry, aber es war mir nicht klar wie sehr ich damals die Wirtschafts- und Aussenpolitik verändert hatte.

    Ich erinnere mich aber noch sehr gut an Folgendes: Die Gewerkschaften wurden damals gefragt ob sie eine grössere Unternehmensbeteiligung wollten oder eine fette Lohnerhöhung. Bei einer Unternehmensbeteiligung hätte ja der Arbeiter sich selbst den Mehrwert weggenommen und ihn so seinem rechtmässigen Besitzer zugeführt -> sich selbst. Zumindest teilweise.

    Das wollten aber die Gewerkschaftler nicht. Sie hätten - wäre das Modell erfolgreich gewesen - ja sich selbst aus dem Spiel genommen.

    Das Posting wurde vom Benutzer editiert (21.11.2021 23:54).

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