Räwel treibt einen beträchtlichen intellektuellen Aufwand, um seine Botschaft so weit zu verpacken, dass sie wie eine Zuckerpillulle widerstandslos geschluckt werde. In einer geradezu perfiden Taktik vermischt er berechtigte Kritik an hypermoralischen, von einem devianten Identitätsdenken geprägten Ver- und Geboten mit derjenigen an der in Wirklichkeit nicht wie er unterstellt überzogenen, sondern vielmehr defizienten Seuchenprävention. In einer Art Kontaktmagie soll damit der moralisierende Kern der Massnahmenlegitimation zersetzt werden. Moral liege im Auge des Betrachters - um es kurz zu fassen, sei daher relativ und nicht zwangsläufig zum Nennwert zu nehmen.
Diese [ die "aktuellen Corona-Massnahmen"] sind als reflexionsfeindlich, als moralisch dominiert zu verstehen. Derzeit ist kaum möglich, die seit mehr als einem Jahr gesellschaftlich dominante epidemiologische Perspektive (grundsätzlich) infrage zu stellen.
...behauptet Räwel, sein Unterfangen begründend.
Die Wirklichkeit ist eine andere. Was Seuchen für eine Gesellschaft bedeuten, kann bei Medizinhistorikern wie Frank Snowden nachgelesen werden. Das geht weit über moralische Aspekte hinaus. Keine Regierung, weder eine heutige, noch eine vergangene, kann eine Seuche einfach aussitzen. Und was immer sie tut, oder nicht tut, die gesellschaftlichen Effekte sind immens.
Die einleitende Behauptung ist schlicht eine Lüge. Virologen, Hygieniker argumentieren nicht moralisch. Aber darüber hinaus - seit wann sind moralische Aspekte als solche reflexionsfeindlich? Das ist eine in ihrer Absolutheit unsinnige faktenwidrige Behauptung. Aber eben, um ihr höchstmögliche Plausibilität zu verleihen, der einleitende Exkurs zu den Identitätsfetischisten.
Tatsächlich ist die Wahrnehmung von Ereignissen (wie aktuelle Pandemie) als Gefahr, die hinzunehmen ist, oder als Risiko, dem handelnd entgegnet werden kann, kontingent.
Auch das, eine kecke Behauptung - das versichernde 'tatsächlich' am Satzanfang zeigt es an. Schon nur ihre digitale Struktur ist unsinnig. Hier aktives Handeln, dort passives Hinnehmen. Real handelt es sich stets um eine Mischung. Das Erscheinen wirkungsvoller Vakzine hat z. B. das Verhältnis zwischen Hinnehmen und Dagegen-Handeln verschoben. Keine menschliche Gesellschaft hat je einen Seuchenzug einfach hingenommen. Mangels echten Wissens um die Zusammenhänge war das Handeln lange auf magisch grundierte Rituale beschränkt. Wenn Menschen etwas extrem schlecht ertragen, dann das Gefühl von Ohnmacht, das Gefühl ausgeliefert zu sein. Sie werden stets jeden Strohhalm ergreifen, um sich der misslichen Situation zu entziehen. Das ist eine anthropologische Grundkonstante.
Der inzwischen seltener gewordene Vergleich mit der Influenza gereicht dem Autor auch nicht zur Ehre. Handelte es sich um besonders starke Varianten, wie diejenige, die gegen Ende des Ersten Weltkrieges ausbrach, die trotz der ausgeprägten Saisonalität der Grippe in mehreren Wellen auftrat, wurde durchaus dagegen vorgegangen, etwa durch Quarantänemassnahmen, Maskengebrauch etc. Die beiden von Räwel erwähnten Grippezüge, 1958 und 1968 wurden durchaus nicht als 'übliche Lebensrisiken' wahrgenommen, sondern waren von einer relativ ephemeren Natur, überraschten die Gesellschaften und waren vorbei, bevor sich genügend entsprechendes Bewusstsein in der Bevölkerung ausbilden konnte. Räwel glorifiziert hier den Zynismus damaliger Politiker, die insoweit informiert es vorzogen, das Schweigen nicht zu brechen und die Dinge laufen zu lassen. Die heutige Medienlandschaft verunmöglicht ein solches aufklärungsfeindliches Verhalten.
Dazu kommt die offensichtliche Unadäquatheit des Vergleichs. C-19 ist nicht saisonal. Hat man eine Welle überstanden, kommt die nächste, bis zum Aufbau einer natürlichen Herdenimmunität. Schlimmer noch, inzwischen ist klar, dass auch eine solche nicht zwangsläufig schützt. Mutanten könnten sie aushebeln. Die als Möglichkeit von Räwel in Betracht gezogene passive Reaktion führt zu einer maximalen zeitlichen Ausdehnung der Kalamität. Wo genau das natürliche Ende wäre, kann man nicht wissen.
Aus dem schon genannten Grund ist eine solche absolute Nicht-Reaktion in der Praxis ganz ausgeschlossen. Die inzwischen weit hypertrophe Menschheit ist zudem gezwungen, das Äusserste zu unternehmen, um die Seuche zu stoppen, die eben besonders heimtückisch ist, weil vermeintlich nicht besonders letal. Sonst ist ihre allgemeine Handlungsfähigkeit auf unabsehbare Zeit eingeschränkt. Und das kann, angesichts all der anderen ernsten Probleme, mit der sie konfrontiert ist, kein einigermassen vernunftbegabter Mensch ernsthaft wollen.
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (18.04.2021 21:30).