Nun ja, manchem von dem, was Haller sagt, kann man zustimmen. Allerdings verharmlost er und wagt nicht, von Propaganda zu sprechen. Eine erste Ungenauigkeit - es sind beileibe nicht nur Journalisten, die so tun, als würden sie sich längst im Besitz der Wahrheit befinden, sondern eben auch Politiker, mithin Mitglieder der deutschen Regierung, die den Eindruck vermitteln, alles sei sonnenklar und man könne zur Frage der Bestrafung übergehen.
Und nein, die Clips, in denen Mitglieder des Asow-Regiments russischen Kriegsgefangenen in die Beine schiessen sind bereits als authentisch bestätigt. Vor einigen Tagen hat die ukrainische Seite den Briten übrigens mitgeteilt, sie werde sich nicht an das Kriegsgefangenenrecht halten. Es gibt viele weitere äusserst bedenkliche Aussagen von ukrainischer Seite, die schlicht ausgeblendet werden. Und in der britischen Times hiess es wörtlich, die rechtsextremen Wurzeln von Asow seien mittlerweile bedeutungslos.
Es stimmt schon, dass sich Russland mit dem Angriff ins Unrecht gesetzt hat. Dennoch ist ein direkter Vergleich mit dem Irakkrieg nicht stimmig. Dass es Russland als eine Bedrohung auffasst, wenn sich nebenan die nato einnistet, ist naheliegende, wie war das nochmals mit der Kubakrise? Dagegen ist es absolut lächerlich zu behaupten, der Irak habe je eine Bedrohung für die usa dargestellt. Aber gut, Reagan brachte es 1983 fertig, sogar Grenada als Bedrohung für die usa darzustellen - übrigens ein weiterer völkerrechtswidriger u.s.-Krieg, für den nie jemand in den usa geradestehen musste.
Und der Grad des Einflusses faschistisch Gesinnter in der Ukraine ist objektiv beträchtlich. Das taugt zwar nicht als Rechtfertigung für einen Krieg, sollte aber auch nicht, wie Haller es implizit tut, als Märchen abgetan werden. Und schliesslich ist es auch ein Faktum, dass die ukrainische Seite sich schlicht weigerte, den Minsk-Vertrag zu honorieren, stattdessen immer wieder die beiden Donbass-Entitäten angriff, was im Lauf der Jahre dort zu Tausenden Toten führte. Auch die russischen Behauptung, der eigne Angriff sei einem ukrainischen auf den Donbass und die Krim zuvorgekommen, klingt angesichts der im Donbass eingegrabenen ukrainischen Streitmacht von ca. 60'000 Soldaten durchaus nicht unplausibel. Auch das rechtfertigt keinen Krieg, aber diese Lage mit den u.s.-amerikanischen Lügen im Fall Irak gleichzusetzen, ist auf jeden Fall mehr als prekär.