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  • spetctre

mehr als 1000 Beiträge seit 26.01.2004

Gil Ofarim

Oder nehmen Sie das im Vergleich zum Geschehen in der Ukraine absolut triviale Beispiel des Sängers Gil Ofarim in Leipzig. Da wird eine Woche lang in praktisch allen Medien über diesen schrecklichen Antisemiten in Leipzig geschrieben - und dies allein aufgrund der Behauptung, eines nicht sonderlich erfolgreichen Sängers mit einem übersteigerten Geltungsbedürfnis.

Es folgte die Untersuchung einer eigens beauftragten externen Agentur, dann polizeiliche und staatsanwaltliche Ermittlungen. Das Ergebnis: Die Staatsanwaltschaft wird nicht gegen den von Ofarim und der Presse beschuldigten Hotel-Mitarbeiter Anklage erheben, sondern gegen den Sänger wegen diffamierender Verleumdung. Sie ahnen, welchen Schaden dieser Medienhype angerichtet hat: Er brachte viel Wasser auf die Mühlen der ultrarechten Antisemiten.

Ach, der Medienhype hat Schaden angerichtet? Dass Ofarim den Schaden angerichtet haben könnte kommt Haller nicht in den Sinn?

Und waren es nur die Medien (die sich oft hinter Konditionalsätzen versteckt haben)?

Der damalige Bundesjustizkomiker Heiko Maas war "fassungslos" "Leipzig ist kein Einzelfall".

Man kann natürlich auch Fragen, ob Ofarim ein Einzelfall ist. Aber das wäre natürlich schlimmer Antsemitismus.

Aus dem Buch "Doitscha" von Adriana Altaras:

Wir entwickelten einen Art Wettbewerb, ein Punktesystem, wer am meisten Kapital aus dem schlechten Gewissen der Goyim schlagen konnte. Nicht nur Wilna und Nachmann hatten diese unerschöpfliche Quelle für sich entdeckt. Unser Sport hieß: wer holt am meisten raus. In der Regionalbahn Frankfurt-Düsseldorf wurden die Fahrkarten kontrolliert. "Tut mir leid, ich habe meine Monatskarte vergessen!"
"Dann müssen sie an der nächsten Station aussteigen!"
"Sie wollen einen Juden aus dem Zug schmeissen? Ist es tatsächlich wieder so weit, dass Juden aus dem Zug geworfen werden?"
Man zeigte seinen Ausweis als Staatenloser. Der Schaffner errötete, stammelte etwas und machte sich eilig davon. 50 Punkte. ..
Das dt. schlechte Gewissen und jüdische Chuzpe passten schon immer gut zu einander.

OK, man muss zugute halten, das waren wohl Jugendliche. Nur: warum sollten Juden schwarzschaffreie Zone sein? "Der Jude lügt" wie es uns jetzt untergejubelt wird ist natürlich Bullshit.

Ofarim hat in dem Kontext auch den Holocaust ins Spiel gebracht:

Ich bin in München aufgewachsen, ich kannte noch die Omas und Opas, die die Tätowierungen mit Nummern auf dem Unterarm hatten

https://www.watson.de/unterhaltung/interview/383286205-gil-ofarim-habe-nicht-damit-gerechnet-was-das-fuer-wellen-schlaegt

Die Angelegenheit ist noch nicht abgeschlossen. Es spricht einiges dafür, dass die Sache anders war, als von Ofarim dargestellt. Aber das Gericht könnte auch auf "Aussage gegen Aussage" machen.

Der Schaden für alle Beteiligten ist groß, so oder so.

Für den Hotelangestellten, für die Hotelkette, für den AJC:

“This blatantly antisemitic incident is sickening and unacceptable everywhere, but especially in Germany. It reminds us that antisemitism is a problem in all parts of society, not only in the extreme fringes,” said Remko Leemhuis, Director of AJC Berlin. “Marriott should take all necessary steps to ensure that something like this will never happen again. "

...für Ofarim und für so manches Medienprodukt.

Die Medien stehen heutzutage stärker unter Zugzwang. In Internetzeiten muss alles hoplahop gehen.
Und für die Medien (Ausnahme ÖRR) ist es schwerer geworden Geld zu verdienen. Das wirkt sich auch auf die Qualität aus. Man will Emotionen mitnehmen, solange die Sache noch frisch ist. Es sei auch an den Fall Relotius erinnert, der mit Sicherheit nur die Spitze des Eisbergs ist.
Kriegsjournalismus ist ein noch viel schwieriges Kapitel.
Wenn man mutig ist kann man auch abgeknallt werden, wie in Collateral Murder wenn man weit ab vom Schuss ist kriegt man eben alles nur aus zweiter Hand.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (06.04.2022 13:45).

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