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Avatar von logiko
  • logiko

mehr als 1000 Beiträge seit 20.11.2020

Das Grauen zeigen und verifizieren

Ich denke jetzt ist der Krieg in den Wohnzimmern richtig angekommen. Vorher wollte man den Schäfchen ja noch nicht die Wahrheit zeigen, die Leichen wurden verpixelt bis zur Unkenntlichkeit der Todesursache. Man wolle den Toten nicht durch Zurschaustellung die Würde rauben.
Ja, was will man? Ein geschöntes Bild, ein gelöschtes Bild oder die Wahrheit? Mit derartigen Verschwommenheiten gibt es eben kein klares Bild auf die Tatsachen. Ich kann nicht beweisen, dass wer von hinten durch den Kopf geschossen wurde, wenn ich den Kopf nicht zeigen kann. Moralische Märchenerzählungen muss man glauben, Kriegsverbrechen und Kriegsgräuel muss man beweisen oder wenigstens glaubhaft machen.
Die Würde wird dem Toten nicht geraubt durch Dokumentation des Verbrechens an ihn, sondern indem man die Wahrheit des Verbrechens wegretuschiert, sie also ungeschehen macht oder zur Glaubens- und Meinungsfrage verunstaltet. Die Unmoral liegt nämlich auf Seiten des Verbrechers, nicht auf Seiten desjenigen, der es zeigt. Der Verbrecher raubt das Leben und die Würde. Das Dokument darüber klärt auf.
Nunmehr, wo die Journaille dazu übergegangen ist, nicht nur Schrotthaufen, sondern Todesopfer zu zeigen, weil man ein Verbrechen dokumentieren will und nicht nur weitläufige Trümmerlandschaften aus der Globalperspektive, hat sich das Format des Zeigens verändert. Diese Wahrheit ist die Perspektive des Gewinners, denn ohne den Rückzug des russischen Militärs bei Kiew gäbe es solche Bilder in dieser Nähe und epischen Breite nicht.
Das größere Grauen dürfte sich in Mariupol abspielen, nur da ist der russische Angreifer auf dem Vormarsch. Dort wird man andere Bilder sehen oder nichts – eine Verifizierung wird kaum möglich sein.

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