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  • de Sade (1)

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Das Sichtbare und das Unsichtbare (Maurice Merleau-Ponty)

ist der Titel des letzten Buches von ihm, aus dem Nachlass herausgegeben.
Das Sichtbare sind all die isolierten Einzeldinge.
Das Unsichtbare: die ganze Welt, die selbst aber nicht gegenständlich ist.
Aus diesem Unsichtbaren werden die Einzeldinge isoliert.
Die Zusammenhänge sind nicht sichtbar, sondern nur spekulativ erschließbar.
Seit den Anfängen der Menschheit - als er begann Steinwerkzeuge herzustellen -
isolierten sich die Hominiden aus den lebendigen Zusammenhängen, denn Steinwerkzeuge herzustellen braucht Zeit, in der nicht gejagt werden kann.
Die Folge: ein Bruch in den Hominiden vor mehr als 2 Millionen Jahren.
Diese Hominiden entwickelten auf diesem Umweg ein Bewusstsein ihrer selbst.
Sie identifizierten sich über ihre Produkte(Dinge) selbst als Dinge, bis es Karl Marx auffiel, dass zu diesen Dingen Wesen gehörten, die sie hervorbrachten - Tätige -
die selbst eben keine Dinge waren. Damit öffnet sich eine Perspektive, in der die Menschen wieder Teil des Gesamten werden können. Wie das geschieht, dazu haben im 20. Jahrhundert sog. Philosophen, eigentlich Denkende, Reflektierende vielfältige Überlegungen angestellt, die selbst Teil des Universums sind.
> Bruno Latour, Isabelle Stengers, Michel Serres,...
> Edgar Morin. In seinen Überlegungen kann man sich selbst als Denkenden wiederfinden und wie das alles vor sich geht. Absolut faszinierend!
> sein Weggefährte Cornelius Castoriadis, dem es um die Erforschung der Demokratie zu tun ist, wie die Gemeinschaft sich selbst erschafft. Gemeinschaft ist nichts einfach naturgegebenes (oder sollte man sagen Gottgegebenes?) Mit Gemeinschaft fällt Tätigkeit und Produkt in eins.
Apropos Gott: die frühen Hominiden begannen zu ahnen, das ihnen etwas fehlt - die Eingebundenheit, die sie in den Tieren verehrten. Um Abhilfe zu schaffen, opferte sie einen Teil der Jagdbeute an den Gott dieses Tieres. Sie verzehrten das Opfer nicht, sondern verbrannten den toten Körper, um den Geist des Tieres zu befreien. Dazu versetzten sie sich in Rauschzustände mit Halluzinogenen, zu denen auch Wein gehört.
Zu denen Göttern der Tiere kamen die Götter der Menschen, schließlich der eine Gott.
Bleibt noch diesen auf die Erde zu holen. In Jesus wird Gott ans Kreuz der Wirklichkeit geschlagen, etwas was die Sekte der Christen mehrheitlich bis heute nicht begriffen hat.
Diese Spur aber konnten Feuerbach und Marx aufnehmen.. Gott als Chiffre für den tätigen Menschen, der Spuren seines Tuns, den Dingen nicht länger unterworfen ist.
Zur Entstehung der Religion hat Georges Bataille, u. a. mit seinen Untersuchungen zur Höhle von Lascaux in Verbindung mit ethnologischen Studien hervorragendes geleistet.

Von Bataille kann man den Weg zu Merleau-Ponty schlagen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (14.04.2021 12:28).

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  • Avatar von knarr
    • knarr

    mehr als 1000 Beiträge seit 14.05.2007

    Antwort auf Das Sichtbare und das Unsichtbare (Maurice Merleau-Ponty) von de Sade (1).

    Dank Dir für die Anregungen! Mit Gruß von nördlich der Elbe, eine kleine Figur, mit drei Hauptrollen und einer Nebenrolle, als Dankeschön. Also, Anregung.

    Der Text Das Sagbare und das Unsagbare von dem (auch von Dir empfohlenen) Cornelius Castoriadis hat mir sehr zugesagt, geschrieben hat Castoriadis diese Widmung zu ehren Maurice Merleau-Ponty, der wiederum tauchte kurze Zeit später in einem bestimmten Parcours meines Labyrinthes wieder auf, oder besser zauberte mir den Hartmut Rosa wieder auf den Tisch, der (Rosa) wiederum in seinem Buch Resonanz Maurice Merleau-Ponty öfter zitiert. Soweit das Setting.

    Aus einer einzigen halbierten Fußnote in Resonanz von Rosa, S. 145

    (...) In Das Sichtbare und das Unsichtbare spitzt Merleau-Ponty die Vorstellug einer primordialen Verflochtenheit von Leib und Welt in dem esoterisch anmutenden Begriff des 'Fleisches' (chair) der Welt zu, der an die Stelle des Leibes tritt und von dem aus sich Leib und Welt - und damit Subjekt und Welt - erst konstituieren: "... die gesehene Welt ist nicht 'in' meinem Leib, und mein Leib ist letztlich nicht 'in' der sichtbaren Welt: als Fleisch, das es mit einem Fleisch zu tun hat, umgibt ihn weder die Welt, noch ist sie von ihm umgeben, (...) Es gibt ein wechselseitiges Eingelassensein und Verflochtensein des einen ins andere" (ebd.(Das Sichtbare und das Unsichtbare), S. 182)

    Auf derselben Seite 145 in Resonanz klingt ein mutmaßlich unabänderlicher Aspekt der conditio humana an, wenn Rosa feststellt:

    Aus dieser Perspektive kann dann der Körper als 'Medium' oder 'Vermittler' zwischen dem (reflexiven) Selbst und der Welt erscheinen, ohne dass dies schon eine Akzeptanz des cartesianischen Leib-Seele-Dualismus impliziert: Plessner (, Helmuth. Nebenrolle? Cameo! Anm.d.F.) und die Phänomenologie zielen ja gerade auf die Überwindung. Die Anerkennung dieser Mittlerrolle ist also nicht gleichbedeutend mit der Annahme eines körperlosen reflexiven Selbst oder Bewusstseins, das einen Körper hat, weil sie kompatibel ist mit der Überzeugung, dass der Leib unaufhebbar zum Subjekt oder Selbst gehört, dass jedem Bewusstsein eine Welt nur über den Leib gegeben ist und umgekehrt: dass das Bewusstsein selbst als leiblich zu denken ist.

    Mitgehangen mitgefangen. Merleau-Ponty's chair & Plessner's Futteral.

    Ich mache mir einen Spaß aus der Freude, freundlich auf den augenscheinlichen blinden Fleck von Hartumut Rosa zu zeigen, der in seiner Soziologie der Weltbeziehung das schon irgendwie spökige Thema Sprache unterbelichtet gelassen zu haben scheint, wobei ich es ungefähr in der Waage sehen kann, ob Rosa das nun aus romantischer Absicht (gut, in diesem Fall) oder aus Versehen (der Stoff für eine böse Geschichte) so offen stehen gelassen hat, oder ob ich das schlicht übersehen oder überlesen habe (neutral, zumindest im Auge des Betrachters, gerade dann, wenn man zwischen den Zeilen lesen muss...).

    Damit das Unsichtbare als Wink mit dem Zaunpfahl seine Wirkung entfalten kann?²
    Grund zu dieser romantischen Absicht auf Seite 225 ebenda:

    Aus der primordialen Wahrnehmung, das etwas da und gegenwärtig ist, entwickeln Subjekte, so (... hat Hartmut Rosa) in der Einleitung mit Merleau-Ponty zu zeigen versucht, allmählich einen Sinn dafür, wer wird selbst sind und wer beziehungsweise was die Welt ist. Dieser Sinn beginnt sich vor und außerhalb der Sprache zu formen - durch Berührungen, durch Stimmen, durch Wechselblicke mit der Mutter oder dem Vater beziehungsweise mit 'signifikanten Anderen', durch wiederkehrende Handlungen und rudimentäre Praktiken.

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  • Avatar von de Sade (1)
    • de Sade (1)

    mehr als 1000 Beiträge seit 13.10.2017

    Antwort auf Re: Das Sichtbare und das Unsichtbare (Maurice Merleau-Ponty) von knarr.

    Vielen Dank für den Hinweis auf Hartmut Rosa.
    Ich schaue mir das Buch gerade noch einmal an.

    Ansonsten habe ich noch einen Tipp für Dich:
    Edgar Morin "Europa denken" von 1987
    Ein gut lesbares Buch, das ich bei meinen Freunde zirkulieren lasse und durchweg gute Rückmeldungen bekommen habe.
    Morin hat immer wieder mit Castoriadis zusammengearbeitet, lebt noch und dürfte demnächst seine 100. feiern - und immer noch aktiv
    Sein Hauptwerk "La Methode" Band 1-6, 1976-2005 Band 1 "Die Natur der Natur liegt seit 2011 auch auf deutsch vor. Ist schon ein Hammer und eine echte Herausforderung.
    Er bezieht sich sowohl auf Castoriadis wie auch über vielfältigste Literatur, wie Varela und auf das gesamte Spektrum der Informationswissenschaften. Alles was man sich nur wünschen kann.
    Für mich ist das gesamte Forschen geradezu ein erotischer Akt, die diversen Lektüren immer weiter zu treiben. und auch praktisch werden lassen, z.B. Initiativen für eine neue Demokratiedebatte, unspektakulär aber mit Schmackes.
    Übrigens, für die Zeit, wenn die Universitäten wieder online arbeiten können plane ich in Kassel ein Seminar, in dem Sonnemann und Castoriadis vergleichend gelesen werden.
    Unglaublich viele Parallelen. Mit diesem Seminar mit einem Freund in Kassel und dem Herausgeber der "Ausgewählte Schriften" möchte ich einen Fehler ein klein wenig wenigstens posthum korrigieren. Ich hätte Sonnemann und Castoriadis zu Lebzeiten zusammen bringen sollen. Wäre ein leichtes gewesen. Beide hätten sicher sehr viel miteinander anfangen können und eine fruchtbare Zusammenarbeit gestartet.

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