Wenn man mit Long Covid so wie mit dem offensichtlich verwandten Chronic Fatigue Syndrom umgeht, dann gute Nacht, liebe Long-Covid-Betroffene. CFS-Betroffene wurden nämlich jahrzehntelang von der Schulmedizin nicht ernst genommen, v.a. nicht von den maßgeblichen Institutionen im deutschen Gesundheitswesen. Man bekommt keinerlei Behandlung, Pflege oder Unterstützung, mit Ausnahme von (ziemlich sinnloser, da körperliche Krankheit) Psychotherapie oder Psychopharmaka.
Der Deutschlandfunk und der Bayerische Rundfunk berichteten letztes Jahr über diesen Skandal:
https://www.deutschlandfunk.de/chronisches-erschoepfungssyndrom-veraltetes-wissen-fuehrt.676.de.html?dram:article_id=461020
https://www.br.de/mediathek/podcast/wissenschaft-und-technik/artenschutzkonferenz-hoffnung-fuer-140-arten/1709669
Patientenorganisationen protestierten vor ein paar Jahren erfolglos gegen die entsprechende Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM):
https://www.mecfs.de/stellungnahme-leitlinie-muedigkeit/
Eine kurze Lagebeschreibung einer der Patientenorganisationen:
Die Lage von ME/CFS-Patienten in Deutschland ist katastrophal. Im „Sozialstaat“ Deutschland gibt es etwa 250.000 Menschen mit ME/CFS, die keine angemessene medizinische Versorgung bekommen – viele von ihnen sind über Jahre hinweg ans Bett gefesselt. Die Pflege dieser Menschen wird Eltern, Verwandten, Kindern oder Freunden überlassen, die keinerlei medizinische oder pflegerische Ausbildung genossen haben und damit überfordert sind.
Forschung
[i]Seit etlichen Jahren findet die internationale Forschung immer weitere Hinweise und Belege dafür, dass es sich bei ME/CFS um eine neuroimmunologische Erkrankung handelt, deren Schwere mit MS oder AIDS verglichen werden kann.
In anderen Ländern führen diese Forschungsergebnisse zu Verbesserungen in der Versorgung der Patienten.
In Deutschland dagegen werden die Ergebnisse der internationalen Forschung kaum zur Kenntnis genommen und fließen nicht in die ärztlichen Fortbildungen ein. Dies führt dazu, dass in den meisten Fällen ME/CFS als eine relativ harmlose psychische Erkrankung fehlinterpretiert wird, die mit Ausdauertraining und kognitiver Verhaltenstherapie gut behandelbar sei. Tatsächlich zeigen immer mehr Studien, dass diese Maßnahmen bei ME/CFS im Gegensatz zu psychisch bedingten Erschöpfungszuständen kontraindiziert sind und den Betroffenen in hohem Maße schaden können.[/i]
Quelle: https://www.buendnis-mecfs.de/lage-der-patienten/
Wie ein Betroffener, ein kranker älterer Herr in einer Rehaklinik auf diese Weise geschädigt wurde, kann man sich in der Doku "In engen Grenzen - CFS" auf Youtube anschauen. Ebenfalls findet man dort einen Vortrag von Frau Prof. Carmen Scheibenbogen, der in Deutschland führenden CFS-Forscherin, die jetzt auch im Zusammenhang mit Long Covid ständig in den Medien gezeigt wird. In dem Vortrag berichtet sie, dass auf jeden MS-Patienten geschätzt zwei CFS-Patienten kommen (d.h. es gibt ein paar hunderttausende Betroffene allein in Deutschland) und man bei der Anwendungsstudie eines erfolgversprechenden Medikaments (Rituximab) nur die halbe Dosis verabreichte, aus Kostengründen, so dass man jetzt nicht weiß, ob es nur aufgrund dieser Sparmaßnahme nicht zu den erhofften Ergebnissen führte! Das allein zeigt den Stellenwert dieser Krankheit.
Die Hoffnung der CFS-Patienten ist, dass mit dem Augenmerk auf Long Covid nun auch CFS mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass es genau umgekehrt laufen könnte: dass man Long-Covid-Patienten auch als psychogen krank diffamieren und sie von Sozialleistungen (Diagnostik, Therapie, Rente etc.) ausschließen könnte, wie man es bei CFS die ganze Zeit macht. Das entsprechende System mit Gutachtern und Forschern, die wissen, was sie zu schreiben haben, gibt es ja schon. Lieber wird man Long Covid auf die Psycho-Schiene schieben, als zuzugeben, dass CFS (oder auch MCS und Fibromyalgie) nicht psychisch ist.
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (12.05.2021 09:21).