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  • elklynx

mehr als 1000 Beiträge seit 07.04.2004

beim Grenzensetzen überzeugt mich die Analyse nicht

Es ist leider genau der Trugschluss, dem viele Lehrer:innen erliegen: Die Gewalt ist soundso, dann müsse das daran liegen, die denen nicht ausreichend Grenzen gesetzt worden wären. Fehlendes Grenzensetzen ist aber nicht das einzige, das zu gewaltsamen Jugendlichen führt. Im Mikrokosmos läuft das manchmal nicht total anders als im Makrokosmos ab: Die Hamas ist megabrutal gegen Israel, aber liegt das daran, dass denen zu wenige Grenzen gesetzt worden wären?

Bei Jugendlichen haben wir eine Identitätbildung, die in einem sehr komplexen Gesellschaftszusammenhang stattfindet. Und mit einem kann ich dich beruhigen: Auch während meiner Jugend vor 30 Jahren, gab es Schüler:innen, die Waffen mit in die Schule nahmen, die Drogen in der Schule dealten usw. Das ist alles nicht neu und, weil ich die Autobiographie von Charlotte von Mahlsdorf gelesen habe, verdächtige ich, dass das vor 100 Jahren auch schon etwas ähnlich war. Nur Schusswaffen waren vor 100 Jahren für Schüler:innen kein Thema, aber vielleicht ist das weniger eine "Verdoomungsfrage" (copyright 1993) und mehr der Preisentwicklung geschuldet.

Klar, Grenzen setzen ist wichtig, aber nur weil meine "Strafe" fürs erstmalige Tischbeschmieren ist, dass die Täter:in sofort den Tisch zu putzen hat, bis er wieder sauber ist, und andere von den Eltern dafür eine Woche Hausarrest verlangen und meine Strafe gar keine sei - meh, vielleicht mangelts manchen Lehrer:innen daran, zu verstehen, dass eine Forderung nach härteren Strafen auch leicht in dem enden kann, was wir zwischen Hamas und Israel sehen. Wenn die Strafe vom bestraften nur als ungerecht empfunden wird, kann ich damit hart werden, wie ich will, und mich selbst schulterbekopfen, dass ich von Woche zu Woche immer härter "Grenzen setze", einen erzieherischen Effekt wird diese Strafe dann nicht mehr haben. Das ist dann nur Kampfhunderziehung. Zur Erklärung, Kampfhunderziehung zielt darauf ab, einen Hund zu erziehen, dem jedes Leid vollkommen egal ist, damit er in der Kampfhundarena selbst im Angesicht des Todes nicht aufgibt und weiterbeißt. Das errreicht man durch permanentes, übertriebenes Bestrafen. Aber wenn man dann so einen Kampfhund vor sich hat, heißt die "Diagnose" vieler in der aktuellen Lehrerschaft allzuhäufig, der hätte "nie" (zu wenig) Grenzen gesetzt bekommen. Bis der dazugehörende Vater irgendwann des Arschversohlens überführt wird - und für viele Menschen im Nahen Osten ist Arschversohlen als Grenzensetzen noch so normal, wie es für den Zeichner von Lucky Luke war oder wie es in der DDR in den 1980ern noch war. Dann kippt die Lehrer:in ganz plötzlich von: "Die Eltern setzen nie Grenzen, ich rede gegen eine Wand", zu: "Die Eltern sind viel zu brutal", dabei gabs das Arschversohlen bei jedem Muttihefteintrag genau wegen des Muttihefteintrags. Die eigene vorangegangene Fehleinschätzung dafür nutzen, in Zukunft solche Vorurteile zu unterlassen? Nein, der nächste Kampfhund wird wieder als: "Die Eltern setzen dem Jungen nie Grenzen", analysiert.

Jugendliche suchen nach einer Idee, wie sie zu einem von der Gesellschaft respektierten Erwachsenen werden können. Scheint es ihnen klar zu sein, dass alles, was sie realistisch auf legalem Weg erreichen können, disrespektiert wird, werden sie kriminell. Das bietet dann Respekt nur von einem sehr sehr kleinen Teil der Gesellschaft, aber immerhin von überhaupt jemandem. Die Eltern sind dabei allerdings ziemlich nebensächlich, von denen glauben die Jugendlichen sowieso, dass die keine Peilung hätten. (man könnte munkeln, es gäbe soetwas namens Pubertät)

Dabei ist es derzeit so, dass alle Ärzt:in oder Anwält:in werden wollen, nicht so ein Loser, der nur handwerkt oder so. Das glauben die meisten, das ist, was bei unserem gesamtgesellschaftlichen Zeigen bei ihnen ankommt. Und natürlich habe ich dann meine Violine spielenden Jonathan und Josephine, die wissen, dass sie Ärzt:in werden, die nicht in Verlockung geraten, weil sie ja wissen, dass sie legal zur Oberschicht gehören werden. Die Ideale unseres Zeitgeists sind das große Problem. Youtube-Werbung: "Mit diesem Trick verdienst du ohne viel Arbeit XY-Reichtum und kannst allen zeigen, was du für ein toller Hecht bist." Wir tanzen zu viel ums goldene Kalb und bieten zu wenige alternative Selbstwertempfindungen an, die gesellschaftlich überzeugen. Die Mehrheit der CD/SU-, AfD- und FDP-Wähler:innen glaubt, dass Reichtum Rechthaben begründet - "wer viel hat, sollte viel haben." Das ist ein typisches Is-Ought-Problem, aber wenn ich versuche in Gesprächen mit Lehrer:innen sowas zu erklären, bin ich nur der verpeilte Professor Schnauz (Anspielung Nazifilm Feuerzangenbowle), bei dem die Kinder "nichts lernen". Bei mir können sie lernen, dass man auch ohne BMW M5 oder AMG Mercedes ein respektables Leben führen kann, aber die reaktionären argumentieren dann immer dagegen, wenn wir das Goldene Kalb da nicht lobpreisten, wäre keiner mehr zu irgendwas motiviert. Und so dreht sich das weiter und wieder eine neue Generation wird die "bösen 68er" an allem schuldig erklären. Bis die Bundeskanzlerin Alice Weidel heißt und im Gleichschritt mit Meloni und Trump marschiert.

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  1. - Sentinel 30 Die Gründe liegen auf der Hand
    1. elklynx   dein 3. schließt dein 1. aus
      1. Sentinel   Re: dein 3. schließt dein 1. aus
        1. elklynx   beim Grenzensetzen überzeugt mich die Analyse nicht
          1. Sentinel   Re: beim Grenzensetzen überzeugt mich die Analyse nicht
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