Ich denke, dass wir uns inhaltlich da sehr viel einiger sind, als es den Anschein hat, insbesondere darin, dass Gewalt monokausal nicht hinreichend erklärt werden kann.
Vor allem der Aspekt einer gewissen Perspektivlosigkeit, mangelnder Anerkennung und das Gefühl des unvermeidlichen Scheiterns, kann in vielen Fällen ein sehr starker Faktor sein, der zu Gewalt bei Kindern führt - das ist unbestreitbar richtig.
"Fehlende" Grenzen sind dann nur noch der abschließende permissive Faktor, der die Manifestation der Gewalt nicht mehr ausreichend herausfiltert.
Ja, auch vor 40 Jahren gab es gewalttätige Schüler, auch vor 40 Jahren gab es "Kloppereien" auf den Schulhöfen, auch vor 40 Jahren gab es Einzelne, die mal einen gefährlichen Gegenstand aufs Schulgelände schmuggelten.
Aber: die Messerträger waren damals die Outlier schlechthin, und es hat diesbezüglich eine Entwicklung in den letzten Jahrzehnten gegeben: Die Hemmschwelle für schwere Körperverletzungen ist erheblich gesunken. Früher hat man sich "ordentlich" geprügelt, heute gehört es zum "new normal", auf ein wehrloses, auf Boden liegendes Kind bewusst mit aller Härte gezielt gegen den Schädel zu treten; Auch die Bereitschaft, ein Klappmesser nicht nur herumzuzeigen, sondern auch realiter zuzustechen, ist etwas, was ich von früher nicht kenne.
Auch dass Lehrer und sogar Schulrektorinnen körperlich angegriffen werden, ist etwas, was früher weitestgehend unbekannt war, heute liest und hört man davon immer häufiger.
Es geht also nicht nur um Gewalt an sich, sondern um eine Verschiebung der Gewalt hin zu immer gefährlicheren und zuvor als absolut tabu geltenden Bereichen.
Diese Phänomene lassen sich m.E. nicht ausschließlich durch soziale Perspektivlosigkeit erklären, die gab es zum Teil auch schon vor 40+ Jahren, zumindest behaupten nicht Wenige, dass Einkommensverhältnisse heute ja im Durchschnitt besser seien als vor Jahrzehnten ( ich hätte da so meine Zweifel). Unbestritten war aber die "soziale Durchlässigkeit" in Deutschland schon immer verhältnismäßig gering ausgeprägt.
Was ich für ein mindestens so großes Problem sehe, ist folgendes:
Nach meinem Empfinden stehen die Lehrer als Berufsgruppe heute erheblich schwächer da als "früher":
Sie werden vom Staat extrem geringgeschätzt: man hat es über Jahre(Jahrzehnte) hin versäumt, neue Lehrkräfte einzustellen: Jetzt muss eine Lehrerin in Teilzeit den gleichen Job machen, den vor 40 Jahren 3 Kollegen in Vollzeit erledigen durften.
Zusätzlich werden den Lehrern immer mehr administrative und Dokumentationspflichten aufgebürdet.
Anstatt dass Schulen eine eigenständige IT-Abteilung erhalten, wo sich Profis (!) um Vernetzung, Computer und Software kümmern, müssen das großteils Lehrerinnen machen, die nie eine Ausbildung darin hatten - und am Ende wird wieder auf die Lehrer geschimpft, dass sie nichts hinkriegen. Ja wie denn auch: Man würde ja auch nie auf die Idee kommen, einen Opernsänger eine Hirn-OP machen zu lassen: Im Schulwesen ist das aber zur neuen Norm geworden.
Wenn die Lehrer also von Staat bereits wie die letzten Wertlosen behandelt werden, welchen Wert, welche Vorbildfunktion und welche Autorität können Sie noch bei den Kindern haben?
Früher schaute man voller Ehrfurcht auf den Lehrer auf, man hatte ein wahrhaftes Vorbild vor sich - heute hört man die Aussage: "Ey, geh' mir aus der Sonne, du Opfer!"
Es gibt hier so viele Aspekte zu besprechen, dass man vermutlich ganze Bücher damit füllen könnte.
Danke für den guten Gedankenaustausch!
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (23.12.2023 12:16).