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  • Der Psychater

417 Beiträge seit 05.04.2020

Warum ist die Debatte so verbissen?

Wenn es zwei Geschlechter gäbe mit einem Kontinuum von Variationen in der Anatomie und Physiologie, so ist es doch eine Interpretationssache, diese Variationen als Vielgeschlechtlichkeit zu bezeichnen. Ich kann darin keine Fake News erkennen. Es ist halt ein Fakt, dass bei manchen Menschen bei der Geburt keine Geschlechtsmerkmale zu sehen sind, diese Personen jedoch aufgrund der doktrinären Zweigeschlechtlichkeit mehr oder weniger willkürlich sofort in das dichotomische Schema gepresst werden, worunter sie später leiden. Offensichtlich macht es sowohl sozial als auch aus empirischen Gründen Sinn, die strikte Vorstellung, es gäbe nur zwei Geschlechter, zu denen jeder Mensch ab Geburt zugeordnet werden müsse, aufzugeben.

Der Streit innerhalb der feministischen Community ist deshalb so verbissen, weil sich manche Frauen in ihrer Identität massiv bedroht sehen. Für sie muss das Geschlecht sex und gender) unveränderbar sein, offensichtlich brechen sonst wichtige Säulen des Selbstverständnisses komplett ein. Zugleich möchte niemand zurück zum Konzept des 'Dritten Geschlechtes' aus dem 19. Jahrhundert, was eine Bezeichnung von schwulen Männern war, lesbische Frauen spielten damals keine Rolle. Diese Konflikte finden auf dem Rücken von Menschen statt, die um ihre körperliche und psychische Unversehrtheit fürchten müssen, da bedeutende Teile der Gesellschaft äußerst gewalttätig auf sie reagieren, oder sie psychisch unter Druck setzen. Das passt nicht zum verfassungsmäßigen Grundsatz, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat seine Persönlichkeit frei zu entfalten, ein Grundsatz, den Feministinnen für sich zu Recht beanspruchen und den sie durch Mehrgeschlechtlichkeit und Wandel der Geschlechtlichkeit bedroht sehen.

Selbstverständlich bedeutet Identitätspolitik keinen Widerspruch zu linker Politik. Zum einen wird linke Politik als emanzipatorisch umschrieben und genau das ist der Anspruch von Identitätspolutik. Zum anderen bedeutet ein Identitätsansatz immer auch eine Beschreibung von Klassen und Verhältnissen. Was im 19. Jahrhundert von Marx als Bewusstsein beschrieben wurde, ist heute mit dem Begriff Identität konnotiert. Wobei der Identitätsbegriff weitergeht und tiefer reicht als der Begriff Bewusstsein.

Der Konflikt der Linken mit Identitätspolitik hat damit zu tun, dass die sozialen emanzipatorischen Bewegungen, auf die der Begriff verengt wird, durchaus erfolgreich sind, während rein ökonomisch-kapitalismuskritische Bewegungen eher von Misserfolg geprägt sind. Manche Linke sehen diese Entwicklung als Antagonismus zwischen gewissen sozialen Bewegungen, der Erfolg der einen ginge zu Lasten von anderen. Das ist Unsinn. Anstatt, dass die sozialen Bewegungen voneinander lernen und sich gegenseitig beflügeln, wirkt eine derartige Spaltung derartig zerstörerisch, dass genau diese spalterische Entwicklung den Misserfolg von sozialen Bewegungen befördert.

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  1. - Der Psychater -50 Warum ist die Debatte so verbissen?
    1. Populist 88 Phänotypische Intersexualität ist sehr selten
      1. parasio   Re: Phänotypische Intersexualität ist sehr selten
    2. 3nplus1 0 Re: Warum ist die Debatte so verbissen?
    3. Rhiannon   Re: Warum ist die Debatte so verbissen?
      1. Populist 20 Kannst Du belegen, dass solche "Fake-Vorkommnisse" erfunden wurden?
        1. Rhiannon -10 Re: Kannst Du belegen, dass solche "Fake-Vorkommnisse" erfunden wurden?
          1. Populist 30 Das ließe sich einfach durch ein entsprechendes Zitat einer Feministin belegen
    4. parasio   Re: Warum ist die Debatte so verbissen?
    5. Rimple Stroem   Re: Warum ist die Debatte so verbissen?
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