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  • DJ Holzbank

mehr als 1000 Beiträge seit 03.09.2011

"Im postsowjetischen Raum war der letzte Staatschef ...

... der UdSSR nicht wohlgelitten. Zu dramatisch waren die sozialen Folgen des Zusammenbruchs, die maßgeblich ihm angelastet wurden. Zu Hause angefeindet, im Westen als Polit-Maskottchen auf der Fanmeile am Brandenburger Tor vorgeführt – das war die eigentliche Tragödie des Elder Statesman Gorbatschow.

Der mediale Blick auf den nun Verstorbenen zeigt indes ein grundlegendes Problem der deutschen Medienlandschaft, der es nicht hinreichend zu gelingen scheint, dieses breite Panorama abzubilden. ..." (Neuber)

Wenn man selbst nicht in der Lage ist, die Gründe für die Verachtung Gorbatschows im postsowjetischen Raum zu benennen, dann solche man vielleicht nicht andere schelten.

Versuchen wir's doch mal so: Warum gilt Lincoln neben Washington und F.D. Roosevelt in den USA als einer der drei bedeutendsten Präsidenten? Nicht etwa, weil Lincoln "die Sklaven befreit hat", was er bekanntlich erst tat, als der Sezessions- bzw. Bürgerkrieg bereits eine Weile lief, sondern weil Lincoln um den Preis eines blutigen Krieges die Sezession der Südstaaten, welche nahezu die Halbierung des Territoriums und der Bevölkerung der damaligen USA bedeutet hätte, nicht zugelassen hat!

Gorbatschow ist also zunächst der russische "Anti-Lincoln", der nicht einmal Krieg hätte führen müssen, um die Sowjetunion zu erhalten. Warum ohne Krieg? Weil er für den Erhalt der UdSSR auf dem unionsweiten Referendum im März 1991 eine überwältigende Unterstützung durch die sowjetischen Wähler erhalten hatte. 80% der Wahlberechtigten nahmen am Referendum teil und 75% der Teilnehmenden stimmten für den Erhalt der UdSSR.

Ja, die Regierungen von 6 der 15 Republiken (Litauen, Lettland, Estland, Moldawien, Georgien, Armenien) verweigerten die Durchführung des Referendums, nahmen nicht daran teil. Aber diese 6 Republiken repräsentierten gerade mal 6% der sowjetischen Bevölkerung (17 Millionen von 287 Millionen), auf die hätte man in der Zukunft auch gut verzichten können.

Gorbatschow hätte mit diesem Wählervotum im Rücken die Führungen der Teilrepubliken, die wie die Führung der russischen Teilrepublik unter Jelzin auf die Auflösung der UdSSR hinarbeiteten, problemlos in die Enge treiben können.
Aber das tat er eben nicht - und er ließ auch keinen anderen auf seinen Posten, der dazu in der Lage gewesen wäre. Gorbatschow hat also zunächst seinen Amtseid als Präsident der UdSSR ziemlich deutlich verletzt.

Dasselbe gilt für seinen Eid als Vorsitzender bzw. "Generalsekretär" der KPdSU. Es gab in den letzten beiden Jahren der Perestroika mehr als einen Versuch, Gorbatschow als Parteivorsitzenden abzuwählen, aber er sträubte sich.
Nach dem gescheiterten Ausnahmezustand im August 1991 (19. bis 21. August) wurden im Moskau Rufe laut, die KPdSU zu verbieten. Gorbatschow sprach sich am 23. August vor dem Parlament der russ. Teilrepublik "kategorisch" gegen ein solches Verbot aus, aber legte am nächsten Tag seinen Posten als Generalsekretär nieder und empfahl dem Zentralkommittee die Selbstauflösung.
Das ist der "klassische Gorbatschow", wie ihn die Menschen, die die Perestroika erlebten, in Erinnerung behalten haben. Als einen "Dampfplauderer".

Selbst die im Rückblick geradezu lächerlich wirkende Tatsache, dass Gorbatschow nicht darauf bestand, die 1990 grundsätzlich erzielte Einigung über den Verzicht der NATO auf die Ostausdehnung vertraglich festzuhalten, sagt m.E. genug über ihn aus.
Aber wollen wir uns nicht in Einzelheiten verlieren.

Als Gorbatschow sein Amt antrat bildete die UdSSR das Zentrum eines eigenen Wirtschaftsraums in einer zumindest bipolaren, eher multipolaren Welt. Vom Siegeszug des Neoliberalismus war noch nichts zu ahnen, er beschränkte sich weitestgehend auf die USA und Großbritannien.
Nach dem Ende der Gorbatschowschen Ära existierten die UdSSR und ihr Wirtschaftsraum nicht mehr, die postsowjetischen Staaten sanken folgerichtig zur deindustrialisierten ökonomischen Peripherie des Westen herab, die Welt wurde unipolar und der Neoliberalismus als _weltweite_ Dominanz der Interessen der Großkonzerne, als "Globalisierung", wurde alternativlose Realität.

Ja, der Mann hat wirklich Weltgeschichte geschrieben.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (31.08.2022 23:52).

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  • Avatar von Olle Knolle
    • Olle Knolle

    mehr als 1000 Beiträge seit 15.08.2012

    Als Gorbatschow sein Amt antrat, war der Untergang nicht mehr abwendbar

    Antwort auf "Im postsowjetischen Raum war der letzte Staatschef ... von DJ Holzbank.

    Zu sehr hatten seine Vorgänger das Land wirtschaftlich ins Verderben geführt. Gorbatschows nicht zu unterschätzender Verdienst besteht darin, dass er für ein friedliches Ende gesorgt hat.

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  • Avatar von Bigbirl
    • Bigbirl

    mehr als 1000 Beiträge seit 07.08.2021

    Antwort auf "Im postsowjetischen Raum war der letzte Staatschef ... von DJ Holzbank.

    Dazu möchte ich ergänzen: einfach die Tatsache, daß nach sowjetischem Recht Teile der Sowjetunion nach Referenden mit entsprechendem Procedere aus der SU austreten durften, sagt einiges aus über das angebliche „Völkergefängnis“ UdSSR.
    Wo gibt es das im Westen?
    Warum durften die Südstaaten nicht aus den USA austreten?
    Man stelle sich vor, Texas würde heute seinen Austritt erklären oder Bayern würde aus der BRD austreten!

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  • Avatar von Bigbirl
    • Bigbirl

    mehr als 1000 Beiträge seit 07.08.2021

    Antwort auf Als Gorbatschow sein Amt antrat, war der Untergang nicht mehr abwendbar von Olle Knolle.

    Glauben Sie, daß für den Westen ein solch relativ friedlicher Verlauf auch nur denkbar wäre?

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  • Avatar von wenigerquatschenmehrschieben
    • wenigerquatschenmehrschieben

    mehr als 1000 Beiträge seit 19.11.2021

    Antwort auf Re: Als Gorbatschow sein Amt antrat, war der Untergang nicht mehr abwendbar von Bigbirl .

    Warum sollte die Lebensweise ein Ende haben müssen?
    Wir leben nicht in einem Zwangskollektiv. Jeder kann friedlich gehen, siehe GB aus der Eu. Und jeder kann das Land verlassen, ohne eingekerkert oder in den Rücken geschossen zu bekommen.
    In unserem System sind einfache, langfristige Änderungen möglich.
    Man kann Leute abwählen ( auch wenn das kaum jemand macht).

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  • Avatar von wenigerquatschenmehrschieben
    • wenigerquatschenmehrschieben

    mehr als 1000 Beiträge seit 19.11.2021

    Antwort auf Re: "Im postsowjetischen Raum war der letzte Staatschef ... von Bigbirl .

    Träumerle. Auf dem Papier konnte man auch die DDR per Antrag verlassen. In der Realität wurde man für den Antrag eingeknastet und für den Versuch erschossen.

    Hat man gut in Polen gesehen am 9.11. russ. Panzer in Warschau. Da durfte niemand gehen.

    Und mal für die EU gesprochen. GB ist raus. Einfach so.

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  • Avatar von Bigbirl
    • Bigbirl

    mehr als 1000 Beiträge seit 07.08.2021

    Antwort auf Re: "Im postsowjetischen Raum war der letzte Staatschef ... von wenigerquatschenmehrschieben.

    Sie scheinen die sowjetischen Gesetze nicht zu kennen. Ist die Ukraine nicht im Herbst 1991 per Referendum nach den Regularien der SU ausgeschieden oder nicht?
    Eben! Aber genau das ist so in keinem mir bekannten Land des Westens möglich. Oder kennen Sie eins?

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