archenoe schrieb am 19.05.2021 09:32:
Wahrscheinlich wird hier mal wieder am Tag nach Erscheinen eines Artikels nicht nennenswert weiterdiskutiert, was übrigens zeigt, worum es hier vielen nicht geht.
Dennoch, vielleicht schaut jemand hinein.
Ich bin immer ein grosser Freund davon "die andere Meinung" zu verstehen, daher lese ich vieles dem ich nicht zustimme. Du zeigst sehr schöne Beispiele dafür. Leider läßt meine Zeit nicht zu alles zu lesen. Der DLF Artikel ist extrem lang, trotzdem hat er mich interessiert weil er vom Duktus zeigt wie diese Seite tickt.
Linke Identitätspolitik vs. Klassenkampf?
https://www.deutschlandfunk.de/linke-identitaetspolitik-partikularinteressen-versus.1184.de.html?dram:article_id=438586
Das ist ein großartiges Beispiel wie Studenten der Geisteswissenschaften so von ihrer Hybris überzeugt sind, dass sie mit Holzschnittartigen Bildern und mit vielen Worten ein recht eindimensonales Weltbild rechtfertigen.
Es wimmelt darin von Strohmännern, die die andere Position darstellen sollen, aber im Grunde nur die eigenen Vorurteile bekräftigen, um dann aus diesen selbstkonstruierten "Gegenargumenten" eine sehr enge Weltsicht aufzubauen.
Das klingt dann für viele nach einem toleranten, offenen Sichtweise und für vieles was einfach "gut" ist, dabei wird es nirgendwo im Ansatz klar worum es denn konkret geht.
Es wird z.b. andauernd von "Rechten" gesprochen, ohne einmal zu sagen wo diese denn nicht gewährt werden.
Auch dieses immer wiederkehrende mittlerweile immer mehr Menschen ermüdende Behauptung der unterdrückten Frau, was wie eine Religionsthese nicht widersprochen werden kann, wird nicht aufgelöst.
Auch der Rassismus wird in eine Pauschalität definiert und dann als Einzigartigkeit für Ünterdrückung behauptet, die völlig ausser acht läßt das jeder Mensch im Laufe seines Lebens negative Erfahrungen im sozialen Umgang mit anderen Menschen macht. Und das diese oft eher in soziokulturellen Ursachen liegen, als an irgendwelchen historisch gewachsenen Politischen Überzeugungen.
Sowas läßt sich z.b. damit klarer darstellen: Wer als Ü50 in deutschland aufgewachsen ist, hat in seiner Kindheit in den seltesten Fällen Kontakt mit fremden Kulturen oder Hautfarben gehabt. Ich hatte in meiner (Real-)schulkarriere auf ca. 6 unterschiedlichen Schulen nicht einen Mitschüler der nicht in D geboren ist. In diesem Umfeld waren Ausländer/Schwarze Menschen nie Thema. Daher gab es auch keinerlei Rassismus oder die Notwendigkeit sich von Menschen abzugrenzen. Und da das gesellschaftliche Umfeld sich in den 70'ern wandelte, war die Neugier auf das Fremde größer als die Ablehnung.
(Anmerkung: Das ist so gemeint, das die Abwertung von anderen Menschen in vielen Köpfen in den 50'ern noch vom 3.Reich geprägt war, was wir als Jugendliche noch durchaus zu spüren bekamen, aber in den Schulen waren die meisten Nazilehrer ab Mitte der 70'er weg.)
Trotzdem gab es Mobbing wegen Äußerlichkeiten (Brillenschlange) oder die Kinder aus dem Nachbardorf wurden mit Steinen beworfen. Aber daraus sind keine Fackelaufzüge gegen Untertupfingen entstanden.
Doch worum geht es dem Artikel? Was soll denn konkret erreicht werden?
Ich kann solche Aussagen einfach nicht folgen:
... Wenn der Sozialismus erst mal da wäre, hieß es, würde sich auch die Unterdrückung der Frauen von selbst erledigen - sie sei eben nur ein Nebenwiderspruch. Eine Prognose, die sich bekanntlich nicht bewahrheitet hat.
Ist das "bekannt"? wem?
Wo werden Frauen konkret "unterdrückt"? Von wem?
Wo ist der Sozialismus da?
An keiner Stelle gibt es ein Beispiel darüber was die Autoren sich unter "Unterdrückung" vorstellen und von wem sie fordern diese zu beenden. Mir, und vermutlich vielen anderen auch, wird nicht klar an wen sich diese Klassenkämpfer eigentlich wenden.
Völlig abstrus wird es dann, wenn diese versuchen sich selbst als Teil des Klassenkampf zu definieren
Lenin und Georg Lukács, Rosa Luxemburg und Antonio Gramsci, alle namhaften marxistischen TheoretikerInnen machten sich ausführliche Gedanken zum Klassenbewusstsein - also zur Frage, wie sich die ArbeiterInnenklasse identitätspolitisch formieren kann und soll.
In dieser Tradition stehen auch die heutigen linken Identitätspolitiken, die seit den 1960er-Jahren im Kontext der Neuen Linken entstanden sind.
Humpf?
Tatsächlich bin ich theoretisch nicht wirklich bewandert aber frage mich beim lesen dieser Zeilen: Na und?
Während man Lenin im Kontext der russichen Politik durchaus einen gewissen Einfluss zusprechen könnte - auch da kenne ich nicht die Theoretischen Details, halte aber die sowjetische Revolution für einen Erfolg für die Menschen, Inwieweit aber seine Identitätspolitischen Überlegungen diese beeinflusst haben, entzieht sich meinen Kenntnissen.
Aber der Einfluss deranderen genannten dürfte auf unsere heutige Politik eher so bei Null liegen und vor allem eher aus einem jugendlichen Schwärmen bestehen. Das diese in einem Artikel des Staatsfunk erwähnt werden wirkt auf mich eher belustigend als eine glaubwürdige politische Abhandlung.
Ein weitere Beispiel einer unaufgelösten Behauptung folgt dann auf den Fuß:
"Der Vorwurf, Identitätspolitik sei partikularistisch und würde damit den Universalismus der Kämpfe um soziale Gerechtigkeit unterminieren, verkennt den ursprünglichen Impuls vieler sozialer Bewegungen, die heute als 'identitätspolitisch' gelabelt werden."
Damit soll die Aussage "[d]ie Autorinnen Dowling, van Dyk und Graefe stellen fest " untermauert werden. Aber was ist denn der "ursprüngliche[n] Impuls"? (Der Schreibfehler stammt aus dem Orginal)
Und vor allem wie kommen die Autoren auf den Schluss, dass jemand etwas "verkennt"?
Das sind alles diese "ich denke richtig und die anderen falsch"-Masche, die weder die Positionen der anderen wirklich versucht nachzuvollziehen und selbst keine neue Logik aufbaut.
Ich kann daher auch mit solchen Sätzen nichts Anfangen:
Noch einmal anders formuliert: Linke Identitätspolitik benennt blinde Flecke und fordert Gerechtigkeit für alle. Sie zielt darauf ab, die kollektiven Erfahrungen von Menschen einzubeziehen, die in den großen Erzählungen von der Menschheit oder der Arbeiterklasse nicht vorkommen: etwa die Erfahrungen von schwarzen, lesbischen Frauen, um auf das Beispiel des Combahee River Collective zurückzukommen
Welche "blinde Flecken"? Welche Forderungen?
Dann wird dieses Diversitätsbild konstruiert, wo jede marginale als Definitionselement für eigene Identäten benutzt wird. Ohne zu bemerken, dass gerade in den "kollektiven Erfahrungen" oft der Aussenseiter das Besondere, die Avantgarde ist. Das heißt in der Wahrnehmung der meisten Menschen sind die Erzählungen von Randgruppen exotisch und damit größer als sie in Wirklichkeit sind. Diese Exotik wird heute aber von den gleichen Leuten dann weg definiert oder sogar ins Gegenteil konstruiert, wie z.b. die "blackfacing" Debatte. Wo der Versuch den anderen in die eigenen Erzählungen einzubauen und durch das einbinden in verschiedene Erzählformen darzustellen, pauschal als abwertend behauptet wird.
Ich könnte diesen Aufsatz noch endlos weiter kritisieren, ich finde ihn furchtbar, aber wichtig weil er diese chimäre der Identitätspolitik in seiner Absurdität und Hybris deutlich zeigt. Aber abschliessend noch einen Satz, weil du Wagenknecht im Titel erwähnst, sie tun es indirekt auch:
Aber das ist durchaus ein weiteres Problem gegenwärtiger Identitätspolitiken von links: die politische Haltung in den Hintergrund treten zu lassen und dabei die identitätsstiftenden Merkmale zu feiern.
Das ist eine der Kernaussagen in Wagenkenchts Buch.