Meinelhans schrieb am 10.02.2022 12:41:
das konnte man in einer aktuellen Studie über den Vergleich bzw. die Entwicklung von 1,5 Millionen SARS-CoV-2-Genomen aufweisen:
"Emerging Vaccine-Breakthrough SARS-CoV-2 Variants"
pubs.acs.org/doi/10.1021/acsinfecdis.1c00557
We show that prevailing variants can be quantitatively explained by infectivity-strengthening and vaccine-escape (co-)mutations on the spike protein RBD due to natural selection and/or vaccination-induced evolutionary pressure. We illustrate that infectivity strengthening mutations were the main mechanism for viral evolution, while vaccine-escape mutations become a dominating viral evolutionary mechanism among highly vaccinated populations
Über welche psychopathologischen Eigenschaften spezielle Menschen verfügen müssen, um dennoch von einer "Impfpflicht" zu schwurbeln, entzieht sich meiner nicht gerade zurückgebliebenen Phantansie.
Ich würde gerne eine Stecknadel an den Luftballon Ihrer Aufgeregtheit bei diesem Thema halten und Sie bitten, das Folgende einfach mal vorurteilsfrei zu lesen, da es sich lohnen könnte.
Es gibt eine zuerst nur in der Wissenschaft diskutierte (Veröffentlichungen u.a. aus dem Labor von M.Nussenzweig, NYC, Referenzen gerade nicht zur Hand) und nicht wirklich öffentlich breitgetretene Story, daß bei recht schweren hospitalisierten und dann wieder genesenen Patienten die B-Zell-Immunantwort noch mehrere Monate nach Krankenhaus-Entlassung (bekannt sind 5 bis 6 Monate) irgendwo im Körper an noch unbekannter Stelle (Darm?) weiterläuft und Antikörper generiert, die anders als bei der Krankenhausentlassung sind und sehr viele der bekannt gewordenen Varianten neutralisieren. Das ist sehr ungewöhnlich, weil eine normal-typische Immunantwort ca. 6 Wochen nach einer Infektion auch wieder abzunehmen beginnt und dann normalerweise keine weiteren Antikörperveränderungen beobachtet werden, aber mit den oben geschilderten Beobachtungen scheint die Immantwort gegen ein vorhandenes Virus-Reservoir weitergelaufen zu sein. Man muß dann logischerweise und zwingend annehmen, daß die Co-Evolution+Selektion von Virus und Antikörpern in dieser Zeit weitergegangen ist, vorstellbar wie ein Hin-und-Her Ping-Pong Wettbewerb: Immunantwort und insbesonders Antikörper arbeiten gegen die Weitergabe des Virus => in der Viruspopulation entsteht eine Variante, die der Antikörperbindung entkommt und sich vermehren kann => in der weiteren B-Zell-Antwort kommt es zu z.B. Antikörpern mit somatischen Mutationen oder aus anderen B-Zellklonen die die Virusvariante binden und unterdrücken können =>in dem Virus-Pool entstehen neue Varianten die den veränderten Antikörpern entkommen können => neue Antikörpervarianten => neue Virusvarianten, etc. pp. (das ist in genau dieser Form über 3 bis 4 Monate bei immunkompromitierten Patienten beobachtet, die die Infektion nicht effektiv abwehren konnten).
Mutationen, die dem Virus erlauben, dem Druck des Immunsystems zu entfliehen, sollten überhäufig beobachtet werden als Ergebnis einer positiven Selektion auf diese bestimmten vorteilhaften Mutationen. Hier ist es auch vorstellbar, daß bei generellem positiven Selektionsvorteil einer Mutation diese mehrere Male unabhängig voneinander als Mutante entsteht und dann positiv selektioniert wird. Da würde man dann bei "konvergenter Evolution" ankommen als Ausdruck davon, daß ein starker Selektionsdruck wiederholtes Entstehen und Verbreiten von nur wenigen überhaupt möglichen Mutations-Problemlösungen fördert.
Wenn bei den Patienten mit noch 6 Monate weiterlaufender Immunantwort Antikörper beobachtet werden, die recht universell die Variants-of-Concern neutralisieren, dann muß man zwingend annehmen, daß die Varianten auch wieder und wieder jeweils neu innerhalb der einzelnen Patienten als Ergebnis konvergenter Evolution entstanden sind. Sie scheinen nur nicht es aus dem Körper heraus zu einer infektiösen Weitergabe geschafft zu haben.
Omikron ist ein Virus, der so ein konvergentes Evolutionsmodell der CoV-2-Varianten bestätigt. Omikron trägt ein vergleichsweise hohe Zahl von Mutationen, und es ist spekuliert worden, ob sich dieser Virus in einem immunkompromitierten Patienten entwickelt hat und dann doch noch einen infektiösen Übersprung geschafft hat. Interessant sind die Mutationen in der Spike-RBD, wo Omikron alle 4 Schlüsselmutationen von Alpha, Beta, Gamma, und Delta in sich vereinigt und dann noch Omikron-spezifisches draufmutiert hat. Wenn Omikron von irgendeiner der vorhergenden Varianten abstammt + ich weiß gerade nicht von welcher genau, aber nehmen wir mal an es wäre Delta gewesen, dann müssen die 3 anderen Schlüssel-Mutationen von Alpha bis Gamma alle erneut und unabhängig von den tatsächlichen Alpha bis Gamma-Viren in den Omikron-Vorläufer gekommen sein, was im Vergleich zu den "normalen" SARS-CoV-2 Mutationsraten nur mit positiver Selektion und konvergenter Evolution zu einem "ideal" ansteckenden Virus hin funktionieren konnte. Die "normalen" niedrigen SARS-CoV-2 Mutationsraten sehen wir genau deshalb so normal niedrig, weil bei typischen Infektionsverläufen wir nur das Ergebnis von ca. 10 Tagen Virusvermehrung sehen und danach eine Immunantwort die Weitergabe von infektiösem Virus unterbunden hat.
Danke für das Durchhalten bis hier.
Und jetzt die Gretchenfrage: wenn das Enstehen von besorgniserregenden Virusvarianten nicht ein punktuelles und selten auftretendes Ereignis ist, sondern eher vielmals und vorhersagbar und zum Glück meist ohne Weitergabe in indivudellen schweren Krankheitsverläufen auftritt, glauben Sie dann, daß Ihre Aufregung in Ihren threadstartenden Post noch eine Grundlage hat? Wenn nicht Impfungen egal welcher Art die Virusvarianten "erzeugen" (eigentlich eher selektionieren, aber diesen billigen Vorwurf einer falschen Terminologie werde ich Ihnen nicht machen), sondern die Infektionen an sich? Ich werde mich überhaupt nicht herumstreiten wollen, daß vorhandene impfausgelöste Antikörper die virale Evolution in eine bestimmte Richtung schieben werden, aber wenn das Potential für diese Richtung unter der sichtbaren Oberfläche und unabhängig von Impfungen grundsätzlich ständig vorhanden ist? Da bin ich persönlich dann doch eher der Meinung, daß die Zahl der Infektionen überhaupt hätte niedrig gehalten werden müssen (geschenkt, das ist jetzt vorbei), um dem Virus nicht so viele Gelegenheiten zu geben, sich evolutionär auszuprobieren.
Das Impf-Thema als solches lässt sich weiterhin kontrovers diskutieren (und da sage ich nichts Weiteres an dieser Stelle zu), aber meiner bescheidenen Meinung nach nicht mehr so aufgeregt wie von Ihnen hier sichtbar.
PS: Tröstlich an so einem konvergenten Evolutionsmodell ist, daß es nur ein begrenzte Zahl möglicher Schlüsselmutationen überhaupt geben könnte und nicht mehr unendlich weitergehen kann mit besorgnserregenden Virusvarianten.
Edit: Schreibfeeler; Überschrift präzisiert
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (10.02.2022 19:13).