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  • Herbert Bader

992 Beiträge seit 03.09.2008

Re: Nicht wollen zu können, etwas wollen zu wollen - ist das frei?

Erstmal vorweg: Für Deine Rotfärbung bin ich nicht verantwortlich. Im Gegenteil frage ich mich, welcher Muffel sich hier so feige im Schutze der Anonymität in unsere fruchtbare Diskussion mischt. Wer zu diesem Thema irgendetwas zu sagen hat, der sollte das in Worten ausdrücken und nicht den Vortragenden anspucken wie eine Ziege, der man etwas über Agrarsubventionen erzählt.

Es wird schwer sein, mich von der Existenz eines freien Willens als Voraussetzung für jede bewusste Handlung zu überzeugen, wenn die Argumentation ihn bereits voraussetzt.

Ein Wille, der sich selbst der Unfreiheit ausgeliefert hat, sich selbst nicht als frei zu glauben... ist der unfrei? Oder ist er nicht die Spitze der Feiheit, insofern er sich sogar selbst ad absurdum führt?

In Analogie zu "Ich weiß, dass ich nichts weiß" als die Spitze der Erkenntnisfähigkeit? Oder auch wie die Frauenrechtlerin, die es als Spitze ihrer Freiheit betrachtet, sich irreversibel in die Sklaverei einer Ehe mit einem gewalttätigen und eifersüchtigen Macho einzulassen? Einem "Freien Willen" sollte man nicht allzu menschliche Eigenschaften zubilligen – egal was man von ihm hält und wie man ihn definiert. Außer man meint: Der "Freie Wille" ist der Mensch.

Allerdings sollte sowohl der freie wie der unfreie Wille bei den Fomulierungen aufpassen, denn...

Es ist keinesfalls so, dass die Naturwissenschaften Korrelation und Kausalität voneinander trennen können.


... solche Äußerungen sind, wenn man sie "herkömmlich" interpretiert, schwer belegbar bis leicht widerlegbar. Mit den nötigen Winkelzügen natürlich noch zu retten: da Kausalität in Korrelation mündet, gibt es in dieser Richtung keine Trennung. Aber man kann eine Korrelation, der keine Kausalität zugrundeliegt, zumindest fallweise von einer Kausalität durchaus naturwissenschaftlich unterscheiden.

Dies ist keine naturwissenschaftliche, sondern eine mathematisch/religiös/geisteswissenschafliche Heuristik. Dort geht man von einer Wahrheit (Axiom, Definition, trivialer Konsens) aus und deduziert alle möglichen Erkenntnisse daraus ("Der Täter hat einen Mord begangen, also muss er bestraft werden" oder "1000 ist nicht durch 7 teilbar, also ist 1000 auch nicht durch 77 teilbar" oder "Gott hat die Welt erschaffen, also kann er sie auch wieder zerstören"). Diese Folgerungen sind kausal. Aber in Naturwissenschaften gibt es solche Wahrheiten nicht. Selbst alle Erkenntnisse der Physik (als eine der Mathematik benachbarte Naturwissenschaft mit dem Ruf, "exakt" zu sein) sind oder fußen auf Theorien, die nicht bewiesen sind. Weil sie gar nicht beweisbar sind. Diese Theorien sind Modelle, mathematische Fiktionen, wie sich die Naturwissenschaftler die natürliche Wirklichkeit (eben die Natur) nach einem gewissen Kriterium vorstellen. Das einfache Gesetz: v (Geschwindigkeit) = s (Strecke) / t (Zeit) könnte man auf Grund lebenslanger Erfahrung für eine Wahrheit halten. Doch sobald man für v in Regionen der Lichtgeschwindigkeit kommt und versucht, zwei solcher Geschwindigkeiten zu addieren, wird man erkennen, dass es nicht universell gültig sein kann und auch in seinem Gültigkeitsbereich nur eine Näherung ist. Wie entstehen physikalische Theorien? Durch Messungen! Messungen der Ausgangsgrößen verglichen mit den Ergebnissen ergeben eine Vorstellung von den Zusammenhängen. Aus diesen erdachten Zusammenhängen konstruieren die Wissenschaftler eine Formel, ein Gesetz, einen Satz oder dergleichen, die die Welt dann als "Pseudo-Wahrheit" akzeptiert – aber immer unter dem Vorbehalt, dass ein genaueres Hinsehen ein genaueres Gesetz erforderlich macht. Es also keine absolute Wahrheit ist. Und für "uns" bedeutet das: Wenn die Messungen und die Theorie korrelieren, dann sind die Wissenschaftler bereit, von einem Konsens zu reden und dazu, eine Kausalität beteiligter Phänomene anzunehmen. Dennoch ist diese Kausalität wackelig und kein wesentliches Erkenntniswerkzeug.

Bzw., der unfreie Wille kann zum festen Glauben gebracht werden, daß dem so wäre...

Wenn "der Wille" nur eine physiologische Summenbildung ist, erschließt sich mir nicht, warum überhaupt jemand oder etwas Interesse daran hat, sich mit ihr zu befassen.

Dein Zweifel bezieht sich auf den Willen, lass uns gleich auf das Bewusstsein erweitern: Wenn das Gehirn nur elektrisch Summen bildet und auf diese Art ohne Einfluss des Bewusstseins den ganzen Menschen steuert, wozu hat der Mensch dann überhaupt ein Bewusstsein?

Die Antwort: Um mit anderen Menschen kommunizieren zu können. Mit dem Bewusstsein und mit dem Mittel der Sprache hat er einen Einblick auf seine elektr. Potenziale, auf den Zustand seiner Bedürfnisse, seine Leiden, seine Erkenntnisse usw. und kann sich mit anderen Individuen austauschen.

Wozu das Konstrukt "Wille"? Dazu gibt es verschiedene Erklärungen. Meine Theorie ist es, damit die Zufälligkeit mentaler Produkte begreifbar zu machen. Insbesondere Kindern. Wenn sich ein anderes Kind nicht erwartungsgemäß verhält, dann haben in seinem Kopf Berechnungen stattgefunden, die das eine Kind nicht nachvollziehen, nicht einmal verstehen kann. Die Eltern verstehen vielleicht, dass es gerade zahnt oder krank gewesen ist oder einen Frust erlitten hat oder ähnliches, wollen das aber nicht erklären und sagen dann einfach: "der hat einen anderen Willen als Du!" Auch einem Hund, der unvermittelt schnappt, wird so ein Wille zugeschrieben, obwohl es nur sein natürlicher (und verlässlicher) Reflex ist und dem Zufall der Welt. Dann heißt es lapidar: "Das war Gottes Wille".

Das kann man sowohl intrinsisch verstehen - warum sollte jemand oder etwas in mir sich mit "Willensfreiheit" befassen, wenn es doch nur um Summenbildung geht - als auch zwischenmenschlich, denn ein vollständig physiologisch-summengebildet-geskriptetes Gespräch ist ziellos. Der schiere Aufwand, sich so etwas wie einen freien Willen fälschlich einzubilden... wozu macht man so etwas, wenn es doch, wie man überall um uns herum sehen kann, gut auch ohne geht? Gut, vielleicht war es nur ein Betriebsunfall, sowas kann ja mal vorkommen...

Nö, das war zur Vereinfachung der Kommunikation ein handfester evolutorischer Vorteil. Zumal die oben beschriebene genauere Ausdrucksweise bei großer mentaler Anstrengung keinen zusätzlichen Nutzen hat.

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