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  • Irwisch

mehr als 1000 Beiträge seit 22.03.2005

Das Unbewußte ist ebenso ein Bewußtsein wie das Bewußte

Wer sich ein wenig tiefer als der Normalbürger auf die Betrachtung des menschlichen Bewußtseins einläßt wie auch auf die Erkenntnis, daß jede Zelle über Bewußtsein verfügt, der kommt nicht umhin, das rein kognitive Bewußtsein – das sich vor allem auf Symbole und Symbolverkettungen, also gedankliche Landkarten bezieht – im Vergleich mit dem viel größeren Unterbewußtsein als eher seicht und oberflächlich einzuordnen. Anders ausgedrückt: Wenn Menschen von Bewußtsein sprechen, dann meinen sie gewöhnlich das rationale Gewahrwerden, die gedankliche Be- bzw. Umschreibung eines Gegenstandes, eines Prozesses, Zustands oder Zusammenhangs. Von den »darunter« liegenden Bewußtseinsprozessen wissen die allermeisten nicht viel oder gar nichts.

Rationale Strukturen im Gehirn bilden immer »nur« abstrakt ab, was der Rest des Körpers bewußt wahrnimmt. Dadurch, daß wir heutigen Menschen von unserer Gefühls- und Empfindungswelt mehr oder weniger abgeschnitten wurden und daher meist nur noch in unseren Gedanken existieren, ist uns dieser große Bereich des sog. Unterbewußten allermeist nicht gegenwärtig. Aus diesem im Vergleich zum Unterbewußten bzw. zum rational nicht Bewußten heraus betrachtet stellt das (angeblich) bewußte Denken nur einen winzigen Teil der Bewußtseinsprozesse im menschlichen Körper dar.

Das bedeutet: Wir Menschen leben die allermeiste Zeit, in der wir wach sind, in unserer Großhirnrinde, also in dem Teil unseres Gehirns, in dem die aus Symbolen bestehende Landkarte unserer Welt, unseres Lebens, unserer Beziehungen vorgehalten und ständig verändert wird. Die Aufgabe der Großhirnrinde besteht nicht darin, all die ihrer Arbeit zugrundeliegenden Prozesse und Vorgänge zu verwalten, sondern einzig in der Verfügbarmachung dieser Landkarte. Eine Landkarte ist niemals identisch mit dem Gelände und kann daher auch niemals ein Gelände vollständig abbilden. Was wir in unsere innere Landkarte aufnehmen, hängt stark von unseren Interessen ab – und dieses bestimmt wiederum den Grad der Abstraktion, mit der wir vermeintlich äußere Gegebenheiten auf unserer Landkarte verzeichnen.

Die Abstraktionsleiter (1) von Anatol Rapoport zeigt uns, wie und warum wir abstrahieren (auf deutsch: abziehen): Wir legen in unserer Landkarte immer nur jene Eigenschaften einer Sache ab, die für uns von Interesse ist: »Ein Tisch ist ein Tisch für uns, weil wir seine Beziehung zu unserem Verhalten und Interesse verstehen können.« Da aber die allermeisten Menschen nichts wissen von Abstraktion, Kognition und Unterbewußtsein, halten sie ihre Landkarten gewöhnlich für das Gelände: Sie glauben mehr oder weniger fest daran, daß die Welt so beschaffen sei, wie es auf ihrer Landkarte verzeichnet ist.

Mit anderen Worten: Die Betrachtung unserer Landkarte ohne ständigen Vergleich mit dem Gelände sagt weitaus mehr über uns selbst, über unsere Interessen und über unseren Charakter aus, als über das tatsächliche Gelände. Was picken wir uns heraus, wenn wir uns etwas »merken«? Welche Aspekte z.B. unseres Nachwuchses interessieren uns und welche nicht? Eltern erziehen ihren Nachwuchs dazu, vor allem auf der Landkarte zu leben, beim Erleben mehr auf die rationale Symbolik zu achten als auf Gefühle und Empfindungen. Auf diese Weise bilden Kinder Symbolstrukturen heraus, die ganz bestimmte Aspekte berücksichtigen und ganz bestimmte andere nicht. Aus der so gewonnenen Persektive kann der Mensch dann gar nicht anders, als einzig das kognitive Bewußtsein als gültiges Bewußtsein anzuerkennen. Das führt dann zu allerlei Mißverständnissen und Fehldeutungen, wie man sie bei den beiden im Artikel vorgestellten Autoren Haynes und Eckoldt vorfindet.

(1) https://www.gleichsatz.de/b-u-t/gene/leiter.html

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